Die französische Wirtschaft leidet

Andauernde Streiks gefährden die Wachstumsperspektiven des Landes.

Zahlreiche Ausfälle und überfüllte Züge. 57 Prozent der Bevölkerung sind gegen die Fortsetzung der Streiks.

Zahlreiche Ausfälle und überfüllte Züge. 57 Prozent der Bevölkerung sind gegen die Fortsetzung der Streiks.

(Bild: Keystone)

Wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf die Reform der staatlichen Eisenbahn SNCF verzichten, wie dies die Bahngewerkschaften seit Anfang April mit wöchentlich wiederholten Streiks verlangen? «No chance», erklärte der Staatschef zu Beginn seines Besuchs in den USA ebenso locker wie entschieden im Fernsehsender Fox News. In Frankreich aber lähmt der Konflikt mit geradezu fahrplanartiger Regelmässigkeit weite Teil des Schienenverkehrs. Obwohl laut SNCF-Direktion je nur etwa ein Fünftel oder weniger der 150 000 Beschäftigten wirklich in den Ausstand treten, kommt alles durcheinander, denn von den Lokführern machen rund 60 Prozent aktiv mit.

Selbst bei den sonst kaum von Streiks betroffenen TGV-Verbindungen fallen daher mehr als die Hälfte der Züge aus, noch schlimmer ist an den Streiktagen die Situation im Regional- und Nahverkehr. Und ein Ende dieser Behinderungen, die ausländische Touristen, einheimische Reisende und vor allem die Pendler aus den Vororten vor Probleme stellen, ist weiterhin nicht abzusehen. Denn die Gewerkschaften geben sich ebenso unnachgiebig wie der Präsident und seine Regierung. Laut Gewerkschaftsangaben könnte der Streik in dieser Form – zwei Tage Ausstand, drei Tage Arbeit – bis Juni, und vielleicht sogar noch länger dauern, wenn die Staatsführung kein Einsehen habe. «Warum nicht gleich bis Weihnachten?», erwog Didier Aubert von dem sonst eher gemässigten und kooperativen Verband CFDT.

Jahrelanger Imageschaden

Natürlich denkt Aubert nicht ernsthaft daran. Der Streik kommt seine Kollegen teuer zu stehen. Je nach Gehaltsklasse macht das schnell einmal 400 bis 500 Euro im Monat aus. Und anders als in früheren Zeiten werden bei der SNCF Streiktage nicht bezahlt. Im Gegenteil – die Direktion droht jetzt damit, die in den Dienstplänen vorgesehenen Ruhetage ebenfalls nicht zu bezahlen. Damit nimmt der Streit noch an Schärfe zu.

Weil die Gespräche zwischen Gewerkschaften und der Transportministerin Elisabeth Borne völlig ergebnislos blieben, haben die Streikenden direkte Verhandlungen mit dem Regierungschef verlangt. Dem kommt Premierminister Edouard Philippe nun entgegen, aber ohne übermässige Eile, die als Zeichen von Panik ausgelegt werden könnte. Er will die Gewerkschaften darum erst am 7. Mai empfangen. In Wirklichkeit wissen alle, dass dieser Konflikt nicht allzu lange anhalten darf, falls nicht Frankreichs Image und Wirtschaftsperspektiven in Mitleidenschaft gezogen werden sollen.

Im Fremdenverkehrssektor beginnt man, sich ernsthaft Sorgen über die Folgen zu machen. «Wir hatten für 2018 mit einem exzellenten Jahr wie bereits 2017 gerechnet. Allein für den Monat April verzeichnen wir jetzt aber bei der Auslastung der Hotels schon einen Rückgang um 10 Prozent und finanziellen Einbussen in der Höhe von rund 150 Millionen Euro», beziffert Rolland Héguy vom Berufsverband der Hotellerie UMIH die absehbaren Verluste. Besonders betroffen sind Städte wie Marseille, Lille, Lyon, Bordeaux oder Nizza. Da parallel zur SNCF auch noch das fliegende Personal der Air France sporadisch für Lohnforderungen streikt und damit Ausfälle verursacht, könnte die Rechnung für die Tourismusbranche am Ende recht gesalzen ausfallen. Überhaupt bestätigen solche Konflikte das alte Klischee eines besonders streikfreudigen und unordentlichen Landes. Ein solcher Imageschaden kann sich dann jahrelang negativ auswirken.

Öffentliche Meinung schwankt

Besorgt sind aber auch zahlreiche KMU. Der Verband der Kleinunternehmer bestätigt, dass 74 Prozent seiner Mitglieder vom Bahnstreik betroffen seien. Das hängt vor allem mit dem durch den Streik verursachten Rückgang des Frachtgutverkehrs auf der Schiene zusammen, der insgesamt zwar nur 15 Prozent des Gütertransports ausmacht, für gewisse Branchen aber fast lebenswichtig ist. Die Landwirtschaftsgenossenschaften klagen beispielsweise über «katastrophale Konsequenzen des Bahnstreiks bei der SNCF».

Entscheidend für den Ausgang des Konflikts könnte am Ende die öffentliche Meinung sein, die seit dem Beginn der Streiks fluktuiert. Obschon viele Franzosen für gewöhnlich viel Verständnis für Arbeitskämpfe im öffentlichen Dienst haben, wächst jetzt der Anteil der Ablehnung: Laut einer letzten Umfrage sind 57 Prozent gegen die Fortsetzung der Streiks und 61 Prozent meinen, die Regierung müsse ihre Reform durchführen. Doch auch in der unberechenbaren schweigenden Mehrheit ist nichts definitiv entschieden: Durch eine allzu sture oder provokative Haltung könnten die Staatsführung und die SNCF-Direktion unverhofft einen Umschwung der Meinung auslösen. Es wäre nicht das erste Mal in Frankreich, wo es Reformen zur Liberalisierung besonders schwer haben. Aber chancenlos («No chance»?) sind sie sicher nicht.

Basler Zeitung

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