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Die Extremistin, die Dichterin und der Nerd

Schuldspruch für Pussy-Riot-Mitglieder: Ein Moskauer Gericht verdonnert die drei Musikerinnen für ihr Punk-Gebet zu zwei Jahren Straflager. Wer sind die Frauen eigentlich?

Ihr Anwalt fürchtete um ihre Sicherheit im Straflager: Die verurteilten Pussy-Riot-Mitglieder Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa.
Ihr Anwalt fürchtete um ihre Sicherheit im Straflager: Die verurteilten Pussy-Riot-Mitglieder Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa.
AFP
«Menschen, die niemals über diese Dinge nachgedacht haben, haben begonnen, darüber zu reden»: Jekaterina Samuzewitsch im Studio von Radio «Echo aus Moskau». (12. Oktober 2012)
«Menschen, die niemals über diese Dinge nachgedacht haben, haben begonnen, darüber zu reden»: Jekaterina Samuzewitsch im Studio von Radio «Echo aus Moskau». (12. Oktober 2012)
Keystone
Das kritisierte Punk-Gebet: Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. (Februar 2012)
Das kritisierte Punk-Gebet: Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. (Februar 2012)
Keystone
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Mit ihrem «Punk-Gebet» haben drei Frauen der russischen Punkband Pussy Riot die Moskauer Behörden und Präsident Wladimir Putin herausgefordert. Eine Idee hinter ihren Auftritten war immer, dass die Idee mehr zählt als die einzelnen Personen. Der Prozess machte aber jetzt unfreiwillig deutlich, dass es sich bei Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina and Jekaterina Samuzewitsch um drei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten handelt.

Die drei lernten sich vor Jahren in einer provokanten Künstlergruppe mit dem Namen Woina (Krieg) kennen, die mit gewagten Aktionen auf sich aufmerksam machte. So malte die Gruppe einen 65 Meter grossen Penis auf eine Zugbrücke in St. Petersburg, der sichtbar wurde, wenn die Brücke hochgezogen wurde. 2008 veranstalteten sie eine Orgie in einem Moskauer Museum als Kommentar zur damals bevorstehenden Wahl von Dmitri Medwedew zum russischen Präsidenten. Woina-Chefideologe Alexei Pluzer-Sarno sagte der Nachrichtenagentur AP, die drei hätten «sehr mutig» an den Aktionen der Gruppe teilgenommen.

Punk-Performances

Die 23-jährige Tolokonnikowa, die zum Gesicht von Pussy Riot geworden ist, war bei dem Auftritt in dem Museum hochschwanger. Das Kind war mehrere Tage überfällig. Mit Sex habe sie den Geburtsvorgang beschleunigen wollen, erklärte sie. Vier Tage später kam Töchterchen Gera zur Welt.

«Seit meiner Kindheit habe ich es geliebt, mich in extreme Situationen zu begeben. Mir haben immer ungewöhnliche Dinge in meinem Leben gefehlt», sagte sie in einem Interview mit Pluzer-Sarno, das in seinem Blog veröffentlicht wurde. Pussy Riot habe ihr lang gesuchte kreative Möglichkeiten geboten, erklärte sie in dem Prozess. «Wir haben originäre Ernsthaftigkeit und Schönheit gesucht und sie in den Punk-Performances gefunden.» «Feminismus, Kunst und Politik beschäftigen sie die ganze Zeit», sagt David Abramow, der half, die Pussy-Riot-Auftritte zu organisieren. «Sie widmet dem ihre ganze Zeit.»

Die geborene Aktivistin

Ein ganz anderer Typ ist Aljochina, die Dichterin mit den langen blonden, lockigen Haaren. Die Mutter eines fünfjährigen Jungen arbeitete in Wohltätigkeitsorganisationen und engagierte sich im Umweltschutz. So organisierte sie Proteste zum Schutz eines Naturschutzgebiets im Süden Russlands. Eine Freundin, Olga Winogradowa, beschreibt sie als «geborene Aktivistin». Beide arbeiteten unter anderem in einer psychiatrischen Klinik für Jugendliche in Moskau. Vorwürfe, Pussy Riot habe die Gefühle von Gläubigen verletzen wollen, weisst sie zurück. «So weit es Mascha betrifft, bin ich mir sicher, dass sie niemandes Gefühle verletzen wollte». Für sie sei die Erlöser-Kirche ein politisches Symbol gewesen, das auf Putin und seine Parteien verweist.

Die 30-jährige Samuzewitsch gilt als ausgesprochene Computerexpertin. Nach ihrem Studium in Moskau bekam sie sofort einen Job in einem geheimen Forschungszentrum, wo sie an der Software für das Atom-U-Boot Nerpa mitarbeitete, wie ihr Vater Stanislaw erklärte. Sie gab diese Stelle aber wieder auf und schrieb sich an der angesehenen Fotografie- und Multimedia-Schule Rodtschenko ein. Ihre Abschlussarbeit war ein Webbrowser, der Suchergebnisse absichtlich manipuliert und entstellt. Damit wollte sie auf die Abhängigkeit der Gesellschaft von den Medien und auf die Hilflosigkeit im Internet hinweisen.

Antwort auf die modernen Zeiten

Alexei Schulgin, ein Professor an der Rodtschenko-Schule, beschreibt Samuzewitsch als scheue und «sehr zurückgezogene Person», die mit ihren Gedanken sehr zurückhaltend sei. Sie sei auch eine talentierte Künstlerin und habe sich wie viele junge Menschen in Russland der Kunst zugewandt, um «eine Antwort auf die modernen Zeiten» zu finden. «Das Pussy-Riot-Projekt ist ein herausragendes», sagt Schulgin. «Es verweist auf Probleme in unserer Gesellschaft und zeigt die wachsende Spaltung des Landes.»

(Nataliya Vasilyeva ist Korrespondentin der AP)

Nataliya Vasilyeva/ dapd

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