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Deutschland empört sich über die «Guttenberg-Show»

Der Besuch des Ehepaars Guttenberg in Afghanistan hat in Deutschland für Aufruhr gesorgt: Die Opposition entrüstet sich über Kriegstourismus und Eigenwerbung – Kommentatoren sprechen von einem Eigentor des Polit-Traumpaars.

Die Opposition in Deutschland bezeichnet den Blitzbesuch als «absolut unangemessen»: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit Gattin Stephanie bei den deutschen Truppen in Afghanistan.
Die Opposition in Deutschland bezeichnet den Blitzbesuch als «absolut unangemessen»: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit Gattin Stephanie bei den deutschen Truppen in Afghanistan.
Keystone

Es war der siebente Besuch von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Afghanistan und zugleich der umstrittenste. Mit dabei waren am Montag sowohl Guttenbergs Frau Stephanie als auch TV-Moderator Johannes B. Kerner, der in Nordafghanistan eine Talk-Sendung für den Privatsender Sat 1 aufzeichnete. Die knapp zwölfstündige Visite in Kundus und Masar-i-Scharif verlief ohne Zwischenfälle.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums traf Guttenberg in Afghanistan mit Soldaten zusammen, um «authentische Erfahrungen» zu hören, und überbrachte ihnen «persönliche Weihnachtsgrüsse». Parallel dazu informierte sich Stephanie zu Guttenberg über die Einsatzrealitäten von Soldatinnen im Ausland. Diese Geste der Verbundenheit mit der Heimat sei bei den Soldaten «gut angekommen», hiess es zum Abschluss.

Lob vom Bundeswehrverband

Im politischen Berlin rief der Besuch unterschiedliches Echo hervor. Währen sich die Opposition über einen mutmasslichen Kriegstourismus erregte, bekam die Familie Guttenberg Rückendeckung vom Deutschen Bundeswehrverband. «Alles, was den Soldatinnen und Soldaten im Einsatz zeigt, dass die Heimat ihnen nah ist, ist gut», erklärte der Verband. Und eine Fernseh-Show biete durchaus ein «gutes Forum», in dem die Soldaten ihre Empfindungen gegenüber der Bevölkerung zu Hause zum Ausdruck bringen könnten.

Auch der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), lobte die Idee, dass der Minister nach Afghanistan reise und deutlich mache, dass auch seine Familie dahinter stehe. Vom Besuch der Ministergattin erwartet der Wehrbeauftragte «eine gesteigerte Empathie für die Frage der Vereinbarkeit von Dienst und Familie, die ja besonders dort problematisch ist, wo die Soldaten im Einsatz sind».

Opposition sieht Selbstinszenierung

Anders bewertete die Opposition den mit Glamour verbundenen Blitzbesuch. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel nannte die «Art und Organisation» der Guttenberg-Reise «absolut unangemessen». Mit Blick auf die Kultblondine Daniela Katzenberger fügte Gabriel hinzu: «Ich finde, Frau Katzenberger fehlt noch. Da hätten wenigstens die Soldaten was von.» Linke-Chef Klaus Ernst schlug in die gleiche Kerbe: «Ich halte das für einen unglaublichen Vorgang.» Der Guttenberg-Besuch mit Talk-Show sei einfach «geschmacklos» und eine «indiskutable PR-Aktion des Verteidigungsministers».

Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte Guttenbergs Reise als «irrealen» Auftritt und wertete sie als Schwäche der Bundesregierung. Die Zuständigkeit für Aussenpolitik sei offensichtlich nicht geklärt. Der Verteidigungsminister besetze hier eine Leerstelle, die Aussenminister Guido Westerwelle (FDP) hinterlasse.

Kritik in deutschen Medien

Auch in deutschen Medien wird der Besuch der Guttenbergs in Afghanistan kritisch beurteilt. Vor den Guttenbergs gebe es kein Entrinnen, heisst es in einem Kommentar der «Financial Times Deutschland». Am Sonntag sei der Verteidigungsminister im ZDF-Jahresrückblick von TV-Entertainer Thomas Gottschalk als «Lichtgestalt» eingeführt worden, einen Tag später laufe die Guttenberg-Show in Afghanistan weiter. Der Minister überschreite so aber eine rote Linie. Die Feldlagerkulisse tauge nämlich nicht zur Selbstinszenierung. In Afghanistan gehe es nicht darum, eine gute Figur zu machen oder den Soldaten zu schmeicheln.

Die «Süddeutsche Zeitung» spricht gar von einem Ego-Feldzug am Hindukusch. Wie ein Fürst in alten Zeiten ziehe Karl-Theodor zu Guttenberg mit Gattin und Haushofmeister zu seinen Soldaten. Zwar sei es begrüssenswert, dass der Verteidigungsminister die Truppen in Afghanistan besuche, aber leider mache er daraus eine grosse Show.

Guttenberg weist Kritik zurück

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe entgegnete, er finde es «richtig und durchaus in die Zeit vor Weihnachten passend, dass es einen starken, auch persönlich emotionalen Beitrag der Solidarität mit den Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan» gebe. Von den Soldaten am Hindukusch werde das «als starke persönliche Solidaritätsgeste» in ihrem gefährlichen Einsatz verstanden.

Der Verteidigungsminister wies die Kritik an der Reise zurück. «Ich tue das, was ich für richtig halte, um den Soldaten hier im Einsatz die Anerkennung und die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdienen», sagte Guttenberg «Spiegel Online» vor seinem Rückflug von Masar-i-Scharif nach Deutschland. Er dankte Kerner ausdrücklich für die Produktion der Sendung über den Einsatz der Bundeswehr. Durch den Beitrag in der Sat.1-Sendung werde «ein weiteres Stück Realität des Einsatzes der Bundeswehr» für die deutsche Bevölkerung sichtbar. Das sei jahrelang zu kurz gekommen.

Ministerpräsidenten im Hintergrund

Kerner selbst liess auf Anfrage mitteilen: «Die Lage in Afghanistan ist ein wichtiges Thema. Deshalb machen wir diese Sendung - kurz vor der möglichen nächsten Mandatsverlängerung im Bundestag und kurz vor Weihnachten. Im Jahr mit den höchsten Verlusten der ISAF-Schutztruppe darf das Thema in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten.»

Ebenfalls dabei waren die zwei Ministerpräsidenten David McAllister aus Niedersachsen und Wolfgang Böhmer (beide CDU) aus Sachsen-Anhalt.

Kundus als Unruheprovinz

Kundus gilt seit Jahren als Unruheprovinz in dem von Deutschland verantworteten Nordbereich Afghanistans. In der Region wurde zuletzt am 7. Oktober ein in Niedersachsen stationierter 26-jähriger Sanitäts-Oberfeldwebel aus Sachsen-Anhalt bei einem Selbstmordanschlag getötet. Am 29. April 2009 war in der Nähe von Kundus erstmals ein deutscher Soldat bei einem direkten Feuergefecht mit den Taliban gefallen.

dapd/ske

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