Der Wohltäter der Nation

Wladimir Putin gibt sich in der letzten TV-Audienz vor den Wahlen sehr unpolitisch.

«Ich persönlich werde versuchen, dir zu helfen.» Putin gestern bei seiner alljährlichen TV-Audienz, die live im Fernsehen übertragen wird. Foto Keystone

«Ich persönlich werde versuchen, dir zu helfen.» Putin gestern bei seiner alljährlichen TV-Audienz, die live im Fernsehen übertragen wird. Foto Keystone

Der russische Präsident Wladimir Putin zeigte gestern in seiner alljährlichen TV-Audienz «Direkte Linie» wiederholt Biss: «Ich hoffe, mein Namensvetter hört zu», gemeint war Wladimir Wladimirowitsch Wladimirow, der Gouverneur der Region Stawropol. Putin antwortete damit live auf die Beschwerde der bildhübschen Valentina Warsowskaja. Ihr Haus im Dorf Krasnokumskoje war bei einer Überschwemmung vor wenigen Wochen stark beschädigt worden. Aber statt die ihrer Familie zustehende staatliche Kompensation von umgerechnet knapp 800 Euro auszuzahlen, verlangten die örtliche Behörden über 100 Euro für amtliche Schadensbescheinigungen. Das sei ein Unding, schimpfte Putin und bat die Staatsanwaltschaft, sich einzuschalten. «Und ich hoffe, der Gouverneur taucht noch heute bei Ihnen auf», jetzt klang seine Stimme schneidend. Im Internet tauchten prompt Gerüchte vom Rücktritt Wladimir Wladimorows auf.

Es war eine von insgesamt 70 SMS, Videofragen, und Live-Beschwerden von Bürgern aus ganz Russland, auf die der Staatschef antwortete. Drei russische Staatsfernsehkanäle übertrugen Putins letzte «Direkte Linie» vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden März vier Stunden lang live. Putin präsentierte sich diesmal vor allem als nationaler Wohltäter.

Eher Bitten als kritische Fragen

Die Show, die gewöhnlich Mitte April stattfindet, wurde dieses Jahr verschoben, Politologen mutmassten damals, der Kreml wolle nach den landesweiten Antikorruptionskundgebungen Ende März kritische Fragen zu dem Thema aus dem Weg gehen. Jetzt aber stellte sich Putin der Öffentlichkeit unmittelbar nach neuen landesweiten Protesten und Massenverhaftungen.

Die Fragen, auf die er antworten musste, klangen jedoch in ihr Mehrzahl wie Bitten. Da beklagte sich die ebenfalls bildhübsche Aljona, Junglehrerin, sie verdiene keine 12 500 Rubel, knapp 200 Euro. Putin stellte ihr und anderen öffentlichen Beschäftigten eine Gehaltserhöhung auf etwa 30 000 Rubel in Aussicht. «Wir werden Ihren persönlichen Fall klären.»

Auch den Einwohnern der Moskauer Vorstadt Balaschicha, die sich über eine riesige Müllkippe 200 Meter von ihren Wohnhäusern entfernt beschwerten, versprach er schnelle Hilfe. Man habe beschlossen, vier moderne Müllaufbereitungsanlagen mit japanischer Technik zu bauen, drei davon im Moskauer Umland. Der Bewohnerin einer baufälligen Backe im Gebiet Ischewsk versprach er gar, sie persönlich aufzusuchen, um das Problem zu lösen.

Ein junges Mädchen namens Darja aus der Stadt Appatit bei Murmansk klagte über Krebs im vierten Stadium. Die Ärzte aber hätten ihn zuerst als Bandscheibenschaden behandelt. Putin antwortete, sein eigener Vater habe die gleiche Krankheit gehabt, die zunächst als Rückenschmerzen kuriert worden seien, trotzdem habe man den Vater später retten können. Obwohl Krebs im 4. Stadium eigentlich nur noch in Ausnahmefällen zu heilen ist. «Darum verliert die Hoffnung nicht, ich persönlich werde versuchen, dir zu helfen.» Daraufhin begann Darja zu weinen.

Putin setzte massiv auf Harmonie. Diesmal kamen keine liberalen Studiengäste mit kritischen Argumenten zu Wort. Eine eher unpolitische Audienz, die Frage nach der Korruption, deren Metastasen den ganzen Staat zerfrässen, tauchte immerhin als Leuchtschrift auf der Studiowand auf.

Eine der kritischsten Frage stellte noch ein Anrufer aus Kiew, der sich beschwerte, Russland lasse seine Freunde in der Ukraine im Stich. Putin versicherte, dass sei keineswegs der Fall, aber man wolle sich unbedingt aus den inneren Angelegenheiten des Nachbarlandes heraushalten. «Die Tagesordnung wendet sich der Innenpolitik zu», resümierte die Internetzeitung gazeta.ru. Aber die Parole dieser TV-Audienz hatte ein Moderator des Ersten Russischen Fernsehens schon vor ihrem Beginn ausgegeben: «Der Staat funktioniert nicht. Aber wir haben einen Präsidenten. Und der arbeitet gut.»

Putin selbst wich auch der Frage aus, ob er noch einmal russischer Präsident werden wolle. Der Politologe Aleksei Muchin aber glaubt, der Staatschef habe sich schon vor Wochen vor der «Direkten Linie» entschieden: «Meiner Ansicht nach ist sein Wahlkampf im vollen Gang.»

Basler Zeitung

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