Der Wind bringt das Geld

Windkraft aus Italien: Ein kleines Bergdorf in der Provinz Pescara macht vor, wie sich 2800 Menschen mit Energie selbst versorgen können. Und damit noch Geld verdienen.

Innovativ: Tocco Da Casauria.

Innovativ: Tocco Da Casauria.

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Beim Stichwort fortschrittliche Energiepolitik, denken viele an den gigantischen Windpark in der Ostsee. Oder ans südliche Frankreich, das von Windturbinen geradezu übersät ist.

Italien zählt man nicht zwingend zu den Ländern, die diesbezüglich als innovativ gelten. Nur sieben Prozent von Italiens Strom wird mit erneuerbaren Ressourcen hergestellt. Experten sagen, dass das auf europäischer Ebene festgelegte Ziel, bis 2020 17 Prozent der Stromproduktion durch erneuerbare Energien zu erzeugen, in weiter Ferne liegt.

Eine Liste der «World Wind Energy Association» zeichnet ein etwas anderes Bild: Bei den Ländern, die jährlich am meisten Windenergie produzieren, steht Italien mit einer jährlichen Leistung von 4850 Megawatt an sechster Stelle. Noch vor Frankreich, Dänemark oder dem als besonders fortschrittlich geltenden Schweden.

Ein Dorf hat sich der Innovation verpflichtet

Ein kleines Dorf steht exemplarisch für die Entwicklung hin zu erneuerbaren Energien: Tocco Da Casauria, ein Ort mit 2800 Einwohnern, die in einer ärmlichen Berggegend in der Provinz Pescara leben und sich der Windenergie verschrieben haben. Seit letztem Jahr ragen in Tocco aus den Olivenhainen vier Windenergieanlagen, die nicht nur alle Einwohner mit Strom versorgen, sondern dem Bergdorf auch viel Geld einbringen.

Gemäss Recherchen der «New York Times» generieren die Anlagen dreissig Prozent mehr Energie als das Dorf benötigt. Die überschüssige grüne Energie wird weiterverkauft und beschert dem Dorf jährliche Mehreinnahmen von mehr als 200'000 Euro. Viel Geld für ein Dorf, dessen einzige effektive Einnahmequelle aus dem Geschäft mit Oliven resultiert.

Neues Geld für Renovationen

Gemäss der «New York Times» konnte das Dorf so wichtige Renovationen und Bauarbeiten durchführen. So wurde beispielsweise 2009 die Schule so renoviert, dass sie künftig jedes Erdbeben übersteht. Ein Kastell, das vorhin nur noch als Ruine existierte, erscheint in neuer Pracht.

«Dass dies in einem Land wie Italien möglich wird, ist schon erstaunlich», sagt Edoardo Zanchini von der Legambiente, der Umweltliga Italiens. Dabei sind italienische Windparks, wie sie in Tocco realisiert werden, nicht staatlich verordnet, sondern entstehen aus privater Initiative oder werden von der Gemeinde realisiert.

In Italien entstehen diese Windparks aus einer Art Notsituation heraus: Der Energieverbrauch der italienischen Bevölkerung ist ähnlich hoch, wie jener der US-amerikanischen Bevölkerung. Kommt dazu, dass die Preise für fossile Energieträger in Italien hoch sind und die Bevölkerung zu Alternativen und somit zur Innovation zwingt.

baz.ch/Newsnet

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