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Der türkische Arzt – Kopf eines Organhandelrings im Kosovo?

In der Medicus-Klinik in Pristina sollen bis 2008 illegale Organ-Transplantationen vorgenommen worden sein. Laut einem Medienbericht besteht eine Verbindung zu den angeblichen Gräueln von 1999.

Laut Ermittlern wurden hier illegale Organ-Transplantationen durchgeführt: Die Medicus-Klinik, wenige Kilometer ausserhalb Pristinas.
Laut Ermittlern wurden hier illegale Organ-Transplantationen durchgeführt: Die Medicus-Klinik, wenige Kilometer ausserhalb Pristinas.
Keystone
Im Medicus-Fall stehen insgesamt sieben Personen unter Anklage: Laut britischen Medienberichten besteht ein Zusammenhang zu den angeblichen Gräueln von 1999.
Im Medicus-Fall stehen insgesamt sieben Personen unter Anklage: Laut britischen Medienberichten besteht ein Zusammenhang zu den angeblichen Gräueln von 1999.
Keystone
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Als im November 2008 der damals 23-jährige Türke Yilman Altun auf dem Flughafen von Pristina im Kosovo schwach und in schlechtem Zustand aufgegriffen wurde, machten die Beamten eine erschreckende Entdeckung: An seinem Unterkörper fanden sie eine frisch zugenähte grosse Narbe. Am nächsten Tag stürmten Polizeieinheiten die Medicus-Klinik einige Kilometer ausserhalb der kosovarischen Hauptstadt. Dort entdeckten sie einen 74-jährigen Israeli, dem laut Gerichtsakten eine Niere eingepflanzt worden war.

Die Ereignisse im Spätherbst vor zwei Jahren waren der Start zu umfangreichen Ermittlungen der kosovarischen Justiz über mutmasslichen Menschen- und Organhandel. Mit an Bord der Untersuchungen die Eulex, die juristische Gesandtschaft der EU. Sie sollte einerseits beim Aufbau der kosovarischen Justiz helfen und andererseits laufende Verfahren begleiten. Es sollte also dafür gesorgt sein, dass mögliche Verbrechen nicht nur darum nicht aufgedeckt werden, weil Verbrechen und Justiz unter einer Decke stecken.

Von Interp0l gesucht

Die Ermittlungen führten zu Verhaftungen und Anklagen der Eulex. Am 12. Dezember dieses Jahres, also am letzten Montag, meldete die juristische Vertretung der EU in Kosovo: «Am 15. und 20. Oktober 2010 wurden Anklageschriften gegen fünf Personen eingereicht, welchen der Handel mit menschlichen Organen, organisierte Kriminalität und der Missbrauch öffentlicher Gewalt vorgeworfen wird.» Laut Eulex gehören zu den Angeklagten «Ärzte, und Personen, die zuvor auf der höchsten Ebene im Gesundheitsministerium gearbeitet haben».

In der Eulex-Meldung vom letzten Montag heisst es weiter: «Gegen zwei weitere Verdächtige wurde ein internationaler Haftbefehl ausgestellt.» Sie werden per Interpol gesucht. Es handelt sich um den türkischen Arzt Yusuf Sonmez und den Israeli Moshe Harel. Auf der Website von Interpol heisst es in den Akten der beiden: «Gesucht wegen: Verbrechen gegen Leben und Gesundheit, Menschenhandel, Schmuggel und illegale Immigration.»

Was sagt Marty dazu?

Als gestern Mittwoch bekannt wurde, dass Dick Marty heute seinen Bericht über den mutmasslichen Organhandel im Kosovo kurz nach Ende des Krieges 1999 vorlegen wird, war auch die Rede von Verbindungen zum Medicus-Fall der neueren Zeit. Zwar geht es in beiden Fällen um mutmasslichen Organhandel in Kosovo. Allein, es fehlt die Verbindung dazwischen. Gespannt warten nun die Beobachter auf die Ausführungen Martys von heute Nachmittag in Strassburg.

Schon jetzt aber liefern britische Zeitungen mutmassliche Zusammenhänge. Laut einem Bericht des «Guardian» soll der türkische Arzt Yusuf Sonmez, der sowohl vom 23-jährigen Türken mit der Narbe als auch vom 74-jährigen israelischen Nierenempfänger als behandelnder Chirurg identifiziert wurde, bereits Ende des letzten Jahrtausends in die unglaublichen Geschäfte verwickelt gewesen sein.

Kontakt an Ärzte-Konferenz in Istanbul 2006

Der «Guardian»-Report nennt zwei unabhängige Quellen, welche die Fälle über Sonmez miteinander in Verbindung bringen. Das Blatt beruft sich auf «hochrangige Leute mit Zugang zur kosovarischen Regierung». In dem Bericht fällt auch der Name Shaip Muja. Dessen Rolle im angeblichen Organhandel von 1999 wird vom Marty-Bericht ebenfalls beleuchtet. Die britische Zeitung schreibt in dem Fall von einer weiteren «Quelle mit Verbindung zum US-Geheimdienst in Washington». Demnach wird wieder Sonmez' Rolle bei der Koppelung des Medicus-Falls und den Aktivitäten der UCK in den Jahren 1999 und 2000 als zentral beschrieben. Auch diese Quelle soll den Namen Muja nennen. Allerdings wird nicht klar, welche Rolle dieser Mann gespielt haben soll.

Wichtig in diesem Fall scheint vor allem der von Interpol gesuchte türkische Arzt Yusuf Sonmez. Laut einem Bericht der «New York Times» im November dieses Jahres kam er an einer Ärzte-Konferenz in Istanbul 2006 mit dem Chirurgen und Professor der Universität Pristina, Lufti Dervishi, in Kontakt. Laut der Zeitung sei Dervishi der Kopf der Organisation gewesen, die noch 2008 in der Medicus-Klinik Organtransplantationen vornahm. Dervishi gehört demnach zu den fünf Personen, die des illegalen Organhandels angeschuldigt werden. Derweil kandidierte Muja bei den Wahlen vom Wochenende im Kosovo für das Parlament. Er fungierte bis vor kurzem als gesundheitspolitischer Berater von Premier Hashim Thaci.

90'000 Euro für eine Niere

Die Beschuldigten rund um Dervishi werden derzeit vor dem Bezirksgericht in Pristina befragt. Laut Eulex will man bis Ende Jahr über eine definitive Anklageerhebung entscheiden. Die Anklagebehörde soll angeblich über eine gute Beweislage verfügen. Darunter Telefonabhörungen, beschlagnahmte Harddisks mit einschlägigem Material sowie Daten über Geldzahlungen.

Laut dem Bericht der «New York Times» vermuten westliche Justizbehörden, dass der Organhandel in Kosovo nur ein Teil eines kriminellen internationalen Netzwerks ist. Empfänger illegal entnommener Nieren seien oft reiche Israeli. Genauso wie der 74-jährige Patient, der im November 2008 die Niere des 23-jährigen Türken erhalten hatte. Laut Gerichtsakten hatte der Pensionär gestanden, dafür 90'000 Euro bezahlt zu haben. Der junge Türke war angeblich einer von 20 Menschen, die mit versprochenen Geldzahlungen nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Moldawien, Russland und Kasachstan in den Kosovo gelockt wurden. Laut den Medienberichten gingen sie meist mit leeren Händen nach Hause.

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