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Der Todesstreifen als Schutzgebiet

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Die innerdeutsche Grenze bleibt jedoch bis heute erkennbar – als das «Grüne Band».

Ein Wachturm der ehemaligen DDR-Grenztruppen in der Nähe von Salzwedel steht heute inmitten blühender Natur. Foto: Peter Gercke (Keystone, DPA)
Ein Wachturm der ehemaligen DDR-Grenztruppen in der Nähe von Salzwedel steht heute inmitten blühender Natur. Foto: Peter Gercke (Keystone, DPA)

Olaf Olejnik steht nahe Salzwedel in der Sonne und blickt durch einen Feldstecher nach Westen. Auf dem Boden unter seinen Füssen patrouillierten bis vor 30 Jahren die Grenztruppen der DDR. Heute sind die rechteckigen Löcher in den Betonplatten der kleinen Strasse fast völlig zugewachsen. Autos fahren hier keine mehr, stattdessen führt der Kolonnenweg als Fuss- und Veloweg von der Ostsee bis an die Grenze zu Tschechien.

Olejnik ist Ornithologe, er arbeitet für den Bund für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND) und betrachtet jetzt ein Braunkehlchen-Paar, das seine Brut bewacht. Obwohl die Bodenbrüter vielerorts vom Aussterben bedroht sind, hat der Bestand hier, entlang der Grenze zwischen den Bundesländern Sachsen-Anhalt im Osten und Niedersachsen im Westen, in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Auch Fischotter, Schwarzstörche und Azurjungfern-Libellen, Arnika, Orchideen und Heidekräuter finden sich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – des «Grünen Bandes», wie es meist genannt wird.

Fast 40 Jahre lang wurde Ostdeutschland durch die schwer bewehrte Grenze vom Westen abgeschottet. Hinter dem Kolonnenweg lag der Kontrollstreifen, sechs Meter breit und akkurat geharkt, auf dem jeder Fussabdruck sichtbar wurde. Es folgten Sperrgraben, Landminenfelder, Selbstschussanlagen und der eigentliche Grenzzaun. Mehr als 300 DDR-Bürger starben bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren. Zugleich hat das Bollwerk jedoch ein ökologisches Erbe hinterlassen.

Unzählige Tier- und Pflanzenarten zogen sich während der Teilung in den menschenleeren Raum zurück. Der knapp 1400 Kilometer lange und bis zu 200 Meter breite Biotopverbund beheimatet noch heute mehr als 5200 Tier- und Pflanzenarten, von denen mindestens 1200 auf der Roten Liste für gefährdete Arten stehen. Auch das Braunkehlchen, das Olaf Olejnik an diesem sonnigen Tag beobachtet, gehört dazu.

Das Grüne Band hat Lücken

Doch die Oase für den Artenschutz ist gefährdet. Auf zwölf Prozent der Fläche reissen Strassen, Gewerbegebiete und bewirtschaftete Felder Löcher ins Grüne Band. «Die Lücken sind vor allem in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung entstanden», sagt Ine Pentz von der BUND-Koordinierungsstelle Grünes Band Sachsen-Anhalt. Als das Parlament nach der Wende das Mauergrundstücksgesetz verabschiedete, das es ehemaligen Landbesitzern möglich machte, Grundstücke an der Grenze zurückzukaufen, verschärfte sich die Lage. Seither ist wenig geschehen, um die Situation zu verbessern. In einem gross angelegten Projekt hat sich jetzt der BUND das Ziel gesetzt, die Lücken im Grünen Band endlich zu schliessen.

Auf der trockenen Wiese neben einem Grenzturm stolziert ein Storch. In einem unweit entfernten Tümpel lässt sich ein Frosch an der Wasseroberfläche treiben. Als sich Menschen nähern, taucht er ab. Der BUND hat das Kleingewässer angelegt, um Amphibien, Vögeln und Libellen einen Lebensraum zu schaffen. Schon kurz nach der Wende hatten Umweltschützer gefordert, den Grenzstreifen «als ökologisches Rückgrat Mitteleuropas vorrangig zu sichern».

1200 Arten, die im Grünen Band vorkommen, stehen auf der Roten Liste.

Doch erst zehn Jahre später wurde das Biotop wissenschaftlich untersucht und auf dieser Basis ein überregionales Schutzkonzept erstellt. Im Jahr 2005 erklärte die Regierung das Grüne Band zum nationalen Naturerbe, seit gerade einmal zehn Jahren wird es als Bestandteil des nationalen Biotopverbunds geführt. Das Bundesland Thüringen hat seinen gesamten Anteil am Grünen Band erst vor wenigen Monaten zum Nationalen Naturmonument erklärt, eine Schutzkategorie, die eigens für das Grüne Band geschaffen wurde. Sachsen-Anhalt will im Oktober folgen, die Regierung von Hessen hat Ähnliches vor.

An der Wirler Spitze in der Nähe des Arendsees liegt ein unscheinbares Brett am Waldrand. Dieter Leupold, der stellvertretende Vorsitzende des BUND in Sachsen-Anhalt, hebt es vorsichtig an – und wird enttäuscht. Unter dem Holz versteckt sich keine Schlange. Dabei liegt es dort, um den Reptilien einen feuchten, schattigen Platz zu bieten. Ein paar Meter entfernt hat der Naturschützer dann mehr Glück. Im sandigen Boden lassen sich winzige Trichter erkennen. Leupold greift mit beiden Händen hinein, formt eine Schale und lässt den Sand langsam durch seine Finger zurück auf den Boden gleiten, bis ein Ameisenlöwe zum Vorschein kommt.

Die Larve der Libellen-ähnlichen Ameisen-Jungfer ist ein geschickter Jäger. Im Boden vergraben, lauert sie unter dem Trichter auf Ameisen oder Schmetterlingsraupen, die im körnigen Substrat den Halt verlieren. Alle mitteleuropäischen Arten des Insekts sind selten, einige finden hier Schutz. Doch es gehe nicht nur um die Tiere und Pflanzen allein, erklärt der Biologe. «Naturschutz, Grenzgeschichte, Kultur – darum geht es beim Grünen Band», sagt Leupold. Vor allem wegen der historischen Komponente sei der Erhalt des Naturstreifens «wirklich Konsens».

Ein Korridor für den Luchs

Doch das lange Nichtstun hat längst Spuren hinterlassen, und für Tiere wie den Luchs ist das ein Problem. Nachdem die Wildkatze in Deutschland ausgestorben gewesen ist, ist sie seit 20 Jahren zwar wieder im Mittelgebirge Harz zu Hause, auch im Bayerischen Wald und im Pfälzer Wald finden Luchse geeignete Lebensräume. Dennoch sei die Lage für die Luchse in Westeuropa «ernüchternd», wie der Luchsexperte Ole Anders vom Nationalpark Harz erklärt. Der Luchsbestand sei langfristig nur zu sichern, wenn sich die Gemeinschaften vermischen können.

«In der Schweiz sind jetzt schon Inzuchtprobleme zu beobachten. Die Tiere, die dort wiederangesiedelt wurden, haben oft Herzprobleme», sagt Anders. Er hofft darauf, dass aus dem Grünen Band und anderen Luchsrevieren ein Netzwerk entsteht, mit Wanderkorridoren etwa in den Bayrischen und in den Pfälzer Wald. «Durch diese Dreiecksverbindung könnten unterschiedliche Luchspopulationen miteinander in Verbindung kommen.»

Wenn für den Standort typische Pflanzen ungehindert wachsen, finden gefährdete Arten keine Lebensräume mehr.

Doch dazu muss das Grüne Band intakt sein. Sachsen-Anhalt hat auf einer Länge von rund 100 Kilometern bundesweit den höchsten Anteil an Lücken. «Flächenkauf ist ein wesentlicher Bestandteil des Lückenschlusses», erklärt Ine Pentz. Deshalb verhandelt der BUND mit Landwirten, Waldbesitzern, Kommunen, Kirchen. Laut Pentz ist die Eigentumslage «super kleinteilig». Und viele Besitzer hätten wiederum Pächter oder Tauschverträge untereinander.

Während bei Naturschutzstiftungen der Bundesländer kaum Überzeugungsarbeit zu leisten ist, sträuben sich Bauern und Privatbesitzer häufig umso mehr. Oft kommt dann nur ein Landtausch infrage. Landwirte, die unter keinen Umständen verkaufen oder tauschen wollen, sind in der Regel immerhin zu Kooperationen bereit. Im Falle der Braunkehlchen reiche es schon, die Wiesen zwei Monate später als üblich zu mähen, sagt Vogelexperte Olejnik.

Jürgen Starck greift nach einem alten vermoderten Stuhl. Der braun gebrannte Mann trägt kurzärmeliges Hemd, Trekkinghose und trotz der Hitze geschlossene Schuhe. Seine Socken hat der Naturführer und BUND-Mitarbeiter weit hochgezogen, um sich vor Zecken zu schützen, während er durch das Unterholz stapft. Der Stuhl ist ein Überbleibsel aus den 1950er-Jahren, als hier noch Menschen lebten. Heute ist der Ort Jahrsau eine sogenannte Wüstung, er wurde zu Zeiten der DDR abgetragen, weil er zu nah an der Grenze lag. Starck achtet nun darauf, dass die Fläche nicht vollständig verwildert. Lässt man zu, dass für den Standort typische Pflanzen wie Fichten ungehindert wachsen, finden gefährdete Arten keine Lebensräume mehr.

Bis ans Schwarze Meer

«Wir wollen halb offene Landschaften im Grünen Band», erklärt Pentz. Zu DDR-Zeiten haben die Grenztruppen die Vegetation selbst zurückgeschnitten, um besser sehen zu können. Heute helfen weidende Ziegen oder Schafe; an der Wirler Spitze holzen Umweltschützer Fichten ab, um die sandigen Lebensräume für Heiden und Ameisenlöwen offen zu halten. Schulklassen tragen ihren Teil bei, indem sie Kiefernnachwuchs per Hand ausreissen.

Auch die Flächen links und rechts des ehemaligen Grenzstreifens rücken verstärkt in den Fokus der Naturschützer, benachbarte Flächen werden nach Möglichkeit in das Grüne Band integriert. Und langfristig soll nicht nur das Grüne Band innerhalb Deutschlands lückenlos werden, sondern der gesamte 12'500 Kilometer lange Naturgürtel entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer – eine grosse Hoffnung im Kampf gegen das Artensterben.

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