Der kranke Mann am Bosporus

Heute kann man diese Bezeichnung durchaus auf die Türkei unter dem «Sultan» Erdogan übertragen.

Der kranke Mann am Bosporus.

Der kranke Mann am Bosporus.

(Bild: Keystone)

Als «kranken Mann am Bosporus» bezeichnete man im 19. Jahrhundert das Osmanische Reich, das von allen Seiten bedrängt wurde und im Niedergang begriffen war. Heute kann man diese Bezeichnung durchaus auf die Türkei unter dem «Sultan» Erdogan übertragen. Nach einem anfänglich bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan zeichnet sich seit dem Frühjahr 2018 eine dramatische Verschlechterung ab.

Seit seiner Wiederwahl und der Verfassungsänderung verfügt der türkische Präsident praktisch über diktatorische Vollmachten. Damit kann er alle vermeintlichen und tatsächlichen Regimegegner aus dem Wege räumen. Die Türkei wandelt sich mehr und mehr zu einer islamischen Diktatur.

Noch bis ins erste Quartal 2018 verzeichnete die Türkei ein beachtliches Wirtschaftswachstum. Aber der wirtschaftliche Höhenflug scheint nun wegen dem politischen Kurswechsel, der vor allem von den USA nicht goutiert wird, ein abruptes Ende zu finden. Von den Amerikanern scharf kritisiert wird auch die Verbrüderung der Türkei mit Russland im Syrien-Krieg gegen die USA. Zudem stösst auf Unverständnis, dass die Türkei als NATO-Land ein russisches Raketenabwehrsystem gekauft hat. Dazu kommt der schon seit Jahren schwelende Bürgerkrieg gegen die kurdische Bevölkerung im Osten des Landes.

Türkische Lira um 40 Prozent abgesackt

Erdogan bekommt nun die Quittung für seine Politik auch von den Finanzmärkten. Im Jahre 2018 ist die türkische Lira gegenüber dem Dollar um rund 40 Prozent abgesackt. Sie ist damit eine der schwächsten Währungen weltweit geworden. Die Teuerung ist in kurzer Zeit auf 17,9 Prozent (August 2018) angestiegen. Auch die kürzliche Erhöhung des Leitzinses auf 24 Prozent, die angeblich gegen den Willen Erdogans erfolgt ist, wird noch keine Stabilisierung der Preise bringen und eine Rezession wohl nicht abwenden können.

Die Schwachstelle der türkischen Wirtschaft sind insbesondere die hohen Defizite im Aussenhandel. Diese summierten sich während Erdogans Amtszeit auf 548 Milliarden Dollar. Die Türkei verfügt gemäss Weltbank über Auslandschulden von 460 Milliarden, was rund 53 Prozent der volkswirtschaftlichen Leistung entspricht. Unternehmen, die solche Kredite aufgenommen haben, werden nun wegen der Lira-Abwertung mit massiv höheren Zinsen und Schulden belastet. Es könnte deshalb zu Insolvenzen kommen.

Abhängig vom Ausland

Die Türkei ist zudem stark von ausländischem Öl und Gas abhängig. Ein grosser Energielieferant der Türkei ist der Iran. Im kommenden November wollen die USA auch die Erdölexporte des Iran unterbinden, um dort einen politischen Kurswechsel zu erzwingen. Die USA haben all jenen Ländern und Unternehmen Sanktionen angedroht, die dannzumal weiterhin mit dem Iran Geschäfte treiben wie beispielsweise die Türkei. Rund zwei Drittel des türkischen Ertragsbilanzdefizits sind auf die Energieimporte zurückzuführen. Erdogan versucht darum, sich den wichtigsten Energieversorgern Russland und Iran anzunähern.

Die Zeit läuft jedoch gegen die Türkei – sie steht mit dem Rücken zur Wand. Solange die Verbrüderung Erdogans mit den Erzfeinden der USA anhält, wird der wirtschaftliche Druck der USA auf die Türkei zunehmen. Ohne Frieden mit den USA ist kein Ende der Misere abzusehen, denn als Gegner sind die USA für die Türkei definitiv eine Nummer zu gross. Mit der Weltwährung Dollar und ihrem mächtigen Bankensystem können sie die Türkei jederzeit von den Weltmärkten verbannen – und den Türken könnten eine Hyperinflation und eine hohe Arbeitslosigkeit drohen.

Der «kranke Mann am Bosporus» kann nur gesunden, wenn ein politischer Kurswechsel stattfindet. Ein solcher ist aber derzeit nicht in Sicht. Auch wird Erdogan eines Tages einsehen müssen, dass es auf Dauer nicht möglich ist, einen unabhängigen kurdischen Staat zu verhindern.

Hans Fehr, alt Nationalrat SVP, Eglisau

Basler Zeitung

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