Der Held von Lampedusa

Das jüngste Bootsunglück vor Lampedusa ist einer der schwersten Unfälle mit Flüchtlingen im Mittelmeer. Ein Fischer, dem 47 Menschen ihr Leben verdanken, schildert die dramatischen Szenen.

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Die Freunde wollten Fische fangen, als sie plötzlich die Rufe hörten. «Sei nicht dumm, das sind nur die Möwen», sagte Vito Fiorino seinem Kumpel. Doch dann sahen sie das Desaster. Köpfe tauchten plötzlich aus dem Wasser auf, einer nach dem anderen, es wurden immer mehr, 500 Meter vom Ufer der Insel Lampedusa entfernt.

«Es war wie eine Szene aus einem Film, etwas, das man hofft, nie in seinem Leben zu sehen», sagt Fiorino. «Die Menschen waren völlig erschöpft», erzählt er der Nachrichtenagentur AP. Der Fischer war der erste, der am Donnerstagmorgen an der Unglücksstelle vor der Küste der italienischen Insel war, wo ein Flüchtlingsboot mit mehr als 500 Insassen kenterte und mehr als hundert Menschen ums Leben kamen.

Fiorino dachte nicht lange nach und versuchte zu retten, wen er konnte - am Ende sollten ihm 47 Menschen ihr Leben verdanken.

Von Tripolis nach Italien

Er warf Rettungsringe aus. Doch die Menschen seien zu schwach gewesen, um sie zu fassen. Zwei Schläge schwimmen, eine Höllenqual muss es für manche gewesen sein. Viele trieben ohne Kleidung im Meer, die Strömung hatte sie ihnen vermutlich weggerissen.

Es sei schwierig gewesen, die Menschen aus dem Wasser zu fischen, viele seien ihm immer wieder entglitten. «Sie waren benzinverschmiert», schildert Fiorino. «Wir nahmen jeden Fetzen Stoff, den wir an Bord hatten, um sie abzutrocknen und zu bedecken.» Fiorino schätzt die Zahl der Passagiere auf 500. Eng an eng seien sie «wie die Sardinen» auf das kleine Boot gepfercht gewesen. «Sie konnten sich nicht einmal bewegen.»

Überlebende berichteten später, die Flüchtlinge seien mit dem 20 Meter langen, nicht seetauglichen Boot aus der libyschen Hauptstadt Tripolis nach Italien aufgebrochen. Die meisten von ihnen stammten aus Eritrea, andere kamen aus Ghana und Somalia. In Tripolis hätten sie zusammen drei Monate gemeinsam in einem Haus gewohnt, bevor sie in Richtung Europa aufgebrochen seien, sagte Barbara Molinario vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR).

Ein «Tag der Tränen»

Zwei Tage waren sie laut Molinarios Angaben auf See. Am Dritten Tag war plötzlich Land in Sicht. «Sie fühlten sich sicher, denn sie dachten, sie hätten es geschafft», sagt sie. Doch dann erstarb der Motor ihres Bootes.

Einige der Insassen setzten ein Handtuch in Brand, um auf ihre Position aufmerksam zu machen, dann nahm das Unglück seinen Lauf. Viele in dem hoffnungslos überfüllten Schiff wussten offenbar nicht, dass das Feuer absichtlich entfacht worden war, Unruhe kam auf, panikartig wichen viele auf die andere Bootsseite. Das Ungleichgewicht brachte das Schiff zum Kentern, Hunderte fielen ins Wasser, andere waren im Rumpf des sinkenden Bootes gefangen. Drei Stunden lang trieben die Opfer im Wasser, bevor Fiorino sie entdeckte. Später kam die Küstenwache dem Fischer Fiorino zu Hilfe, insgesamt 155 Menschen konnten gerettet werden, heftiger Seegang erschwerte jedoch die Bergungsarbeiten bislang. Mindestens 111 Tote wurden aus dem Wasser gezogen, mehr als 200 Menschen gelten noch als vermisst.

Viele forderten angesichts des Ausmasses der Tragödie ein Umdenken in der europäischen Immigrationspolitik. Papst Franziskus sprach am Freitag von einem «Tag der Tränen» und verurteilte das «grausame» System, das Menschen dazu zwinge, ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben zu verlassen.

«In den letzten Jahren ist es sehr schlimm geworden»

Lampedusa liegt näher an Afrika als am italienischen Festland. Die Insel zwischen Tunesien und Sizilien wird häufig von Menschenschmugglern genutzt, um Flüchtlinge aus Afrika - aber auch zunehmend aus Syrien - nach Europa zu bringen. Täglich treffen an italienischen Küsten Hunderte Flüchtlinge ein, insbesondere in den Sommermonaten, wenn die See ruhiger ist. Allein am Dienstag und Mittwoch hatte die italienische Küstenwache vor Lampedusa zwei Boote mit 460 Flüchtlingen abgefangen.

Laut UNHCR kamen seit Jahresbeginn mehr als 30 000 Flüchtlinge nach Italien und Malta. 2012 waren es insgesamt noch rund 15 000. Die kleine Insel Lampedusa, wo die meisten von ihnen landen, ist für solche Menschenmengen nicht ausgerüstet. Das Flüchtlingszentrum der Insel bietet Platz für 250 Menschen, derzeit suchen mehr als tausend vor Ort Zuflucht. Viele von ihnen müssen draussen auf dem Boden schlafen, darunter Frauen und Kinder.

Fiorino lebt seit einigen Jahren auf Lampedusa. Die Inselbewohner erlebten solche Dramen nun seit mehr als 30 Jahren immer wieder, sagt der Rentner, der ursprünglich aus der Nähe von Mailand stammt. «In den letzten Jahren ist es sehr schlimm geworden», sagt er. «Aber sie (die Bewohner) sind noch immer gastfreundlich und sie versuchen zu helfen.»

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