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Eine Allzweckwaffe gegen Wissenschaft und Rationalität

Man könnte auf die Idee verfallen, «der gesunde Menschenverstand» sei das Alleinstellungsmerkmal rechtsradikaler Parteien.

Zwei, die sich besonders gerne des Ausdrucks «gesunder Menschenverstand» bedienen: Alexander Gauland und Alice Weidel.
Zwei, die sich besonders gerne des Ausdrucks «gesunder Menschenverstand» bedienen: Alexander Gauland und Alice Weidel.
Keystone

In den Protokollen des deutschen Bundestags nimmt die Verwendung des Begriffs «gesunder Menschenverstand» massiv zu. Im Jahr 2018 wurde er siebenmal so häufig verwendet wie noch 2014, weit mehr als je zuvor in der Geschichte des Parlaments. («Die Zeit», 40/2019) Kaum ein anderer Kampfbegriff taucht im Wortschatz rechtsextremistischer Politiker öfter auf. Vielleicht liegt hier der Grund, warum der Ausdruck unterdessen einen leicht modrigen Duft verströmt und die Nutzung jedoch gleichzeitig aus dem Alltag verschwindet.«Linksgrüne Hypermoral und gesunder Menschenverstand scheinen unvereinbare Gegensätze zu sein.» (Jörg Meuthen)«Im Wahlprogramm der Grünen ist so gut wie kein gesunder Menschenverstand zu finden. Besonders absurd ist die Forderung, ab 2030 keine KFZ-Brennmotoren in Deutschland mehr zulassen zu wollen.» (Alexander Gauland)«Der Fall Sami A. (mutmasslich ehemaliger Leibwächter von Osama bin Laden) zeigt in erschreckender Weise auf, wie sehr sich Behörden und Gerichte in Deutschland vom gesunden Menschenverstand entfernt haben.» (Alice Weidel)

Folgerichtig definiert sich die AfD in ihrem Grundsatzprogramm als «Partei des gesunden Menschenverstands». Man könnte also mit gutem Gewissen auf die Idee verfallen, wenn schon nicht der Verstand, so doch wenigstens der gesunde Menschenverstand sei das Alleinstellungsmerkmal rechtsradikaler Parteien. Als Allzweckwaffe gegen Wissenschaft und Rationalität.

Fallen Stichworte wie Parkplatz, Fahrverbot, oder Stau, setzen bei einigen Menschen Hirnzellen und gesunder Menschenverstand gleichzeitig aus

Auch hierzulande erfreut sich der Begriff – wenn auch nicht dessen sinnvolle praktische Anwendung – grosser Beliebtheit. Wer auch immer gegen eine staatliche Massnahme zu Felde zieht oder gar einen bürokratischen Wildwuchs anprangert, zieht die Karte «gesunder Menschen­verstand». Und jeder, der mit wachen Sinnen seine Umwelt betrachtet, wird denn auch unzählige Beispiele für das treffende Bonmot eines deutschen Philosophen finden. «Gesunder ­Menschenverstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen», schrieb Arthur Schopenhauer, «aber kein Grad von Bildung den gesunden ­Menschenverstand.»

Nur wenige Themen eignen sich besser als Anschauungsunterricht für diese These als die Verkehrspolitik. Fallen Stichworte wie Parkplatz, Rotlicht, Tempobeschränkung, ­Fahrverbot, Stau oder Bau- und ­Verkehrsdepartement, setzen bei einigen Menschen (Politiker, Verbandsfunktionäre, Journalisten) Hirnzellen und gesunder Menschenverstand gleichzeitig aus. Diagnose: Blackout. In den meisten Fällen funktionieren dann nur noch die Schreibhand und der Computer. «Oft ist das Denken schwer», reimt Wilhelm Busch, «indes, das Schreiben geht auch ohne es.»

Sicherheit der Kinder wird nicht berücksichtigt

Vor kurzem titelte die «Basler Zeitung»: «Baudepartement bremst Autos auf Hauptstrasse aus». Eine Geschichte wie die nachfolgende muss wohl einst Wilhelm Busch zu seinem Spruch animiert haben. Auf einem 300 Meter (!) langen Strassenstück auf dem Laupenring zwischen Holee- und Neubadstrasse wird während der Schulwegzeiten morgens, mittags und abends die Geschwindigkeit für die Autofahrer von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde gesenkt. In unmittelbarer Nähe befinden sich die Schulhäuser Neubad und Kaltbrunnen (die meine Töchter besuch(t)en), zwei Kindergärten und eine Tagesbetreuung. Die Sicherheit für Schüler und Kindergärtner, Velofahrer und die übrigen Fussgänger soll durch die Massnahme verbessert werden.

Der Journalist vergisst nicht zu betonen, dass es sich bei dem betroffenen Abschnitt um keinen Unfallschwerpunkt handelt. Zwischen 2013 und 2017 hätten sich nur sieben Unfälle ereignet. Leider sucht man im Text vergeblich den sachdienlichen ­Hinweis, ab wie vielen verletzten oder toten Kindern die Regierung eine Tempobeschränkung für Autofahrer anordnen müsste.

Man kann sich nur wundern, dass ein Verband, dem es vollständig an Mass, Vernunft und gesundem Menschenverstand mangelt, ­überhaupt noch Mitglieder besitzt

Selbstverständlich fehlt im Chor der Stänkerer auch nicht der Automobilclub (ACS). Es sei «absolut unsinnig», Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen zu installieren, weil damit die wichtige «Sammelfunktion dieser verkehrs­ableitenden Strassen zunichte gemacht» werde. Eine Temporeduktion auf 300 Metern vor Schulhäusern und Kindergärten ist nach Auffassung von Christian Greif offensichtlich eine Verletzung der Würde von Auto­fahrern. Man kann sich nur wundern, dass ein Verband, dem es vollständig an Mass, Vernunft und gesundem Menschenverstand mangelt, ­überhaupt noch Mitglieder besitzt.

«Ist es wirklich sinnvoll, dass so viele Autos durch die Münchner Innenstadt fahren?», fragt Oliver Zipse. «Bereits 1991 haben wir uns für eine weit­gehend autofreie City innerhalb des Münchner Altstadtrings ausgesprochen.» – «Gilt das auch 2019?», bohrt die «Süddeutsche Zeitung» nach. «Ja, ich finde die Idee einer autofreien Innenstadt erstrebenswert.» (SZ, 28.12.2019)

Herr Zipse ist übrigens kein rotgrüner Autohasser, sondern der ­Vorstandsvorsitzende von BMW. Offenbar mit gesundem ­Menschenverstand ausgerüstet.

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