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Den Überlebenden von Lampedusa drohen saftige Bussen

Nach dem Flüchtlingsdrama mit möglicherweise über hundert Toten üben Zeugen scharfe Kritik an den Rettungskräften. Die Polizei hat derweil einen ersten mutmasslichen Schlepper verhaftet.

Bis zu 300 Menschen starben, als ihr Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa sankt: Das Wrack des Schiffs auf dem Meeresgrund. (4. Oktober 2013)
Bis zu 300 Menschen starben, als ihr Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa sankt: Das Wrack des Schiffs auf dem Meeresgrund. (4. Oktober 2013)
Keystone
Verhaftet: Der mutmassliche Schlepper Mohammed Elim Muhidin auf dem Flughafen von Palermo. (7. November 2013)
Verhaftet: Der mutmassliche Schlepper Mohammed Elim Muhidin auf dem Flughafen von Palermo. (7. November 2013)
AP/Polizei
Insgesamt befanden sich rund 500 Migranten auf dem Schiff. Viele der Flüchtlinge stammen aus Eritrea. (3. Oktober 2013)
Insgesamt befanden sich rund 500 Migranten auf dem Schiff. Viele der Flüchtlinge stammen aus Eritrea. (3. Oktober 2013)
AFP
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Ein Zeuge hat nach dem Flüchtlingsdrama vor der italienischen Insel Lampedusa schwere Vorwürfe gegen die Rettungskräfte erhoben. Die Küstenwache habe 45 Minuten gebraucht, bis sie den etwa 500 Meter vor der Küste gelegenen Unglücksort erreicht habe, sagte Marcello Nizza, der am frühen Donnerstagmorgen mit einem Fischerboot in der Nähe des gekenterten Schiffs unterwegs war. Zusammen mit seinen sieben Begleitern kam er den Opfern zur Hilfe. Sie hätten um 6.30 Uhr damit begonnen, die Schiffbrüchigen auf ihr Boot zu ziehen und eine Viertelstunde später die Küstenwache alarmiert, erzählte Nizza. Die Küstenwache wies dies zurück. Der erste Notruf sei um 7.00 Uhr eingegangen, 20 Minuten später seien die Retter vor Ort gewesen.

Nizza beschuldigte die Küstenwache auch, die Rettung weiterer Überlebender behindert zu haben. Mit 47 Überlebenden habe sein Boot den Hafen von Lampedusa erreicht. Er sei dann aber daran gehindert worden, wieder aufs Meer zu fahren, weil hierfür keine offizielle Erlaubnis vorgelegen habe. «Ich hätte mehr Menschen retten können», sagte Nizza.

Bis 300 Tote

Vor allem die Fischer vor Ort waren entrüstet. «Das ist das Gesetz der See», sagte Vito Fiorino, der ebenfalls 47 Menschen aus dem Meer rettete. «Wenn man jemanden in Not findet muss man sofort helfen. Wie könnte man sich wegdrehen?», sagte er.

Ein Sprecher der Küstenwache widersprach dieser Darstellung. Eine offizielle Erlaubnis sei nicht nötig gewesen. Es sei aber die Aufgabe der Küstenwache, die Rettungsaktion zu koordinieren und ein Chaos zu verhindern.

Die Behörden vermuten, dass bei dem Unglück rund 300 Flüchtlinge ertranken. An Bord des gekenterten Schiffes sollen etwa 450 bis 500 afrikanische Flüchtlinge gewesen sein, die überwiegend aus Somalia und Eritrea stammten. Bislang wurden 111 Tote geborgen, 155 Menschen überlebten das Unglück.

«Wo war Frontex?»

Auch der Gouverneur der Region Sizilien, Rosario Crocetta, zeigte sich fassungslos. Es sei unverständlich, dass die EU-Grenzschutzagentur Frontex das Flüchtlingsschiff nicht bemerkt habe. «Wo war Frontex am Donnerstag morgen?» fragte er.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, übte heftige Kritik an einem italienischen Gesetz, wonach Helfer für die Rettung illegaler Einwanderer bestraft werden können. Mehrere Fischerbote hätten daher abgedreht, ohne den Schiffbrüchigen zu helfen. «Die Regierung muss diese unmenschlichen Normen ändern», sagte Nicolini.

Mutmasslicher Schlepper verhaftet

Einen Erfolg konnten die ermittelnden Staatsanwälte der sizilianischen Stadt Agrigent erzielen. Ein mutmasslicher Schlepper wurde festgenommen. Ihm wird mehrfache fahrlässige Tötung vorgeworfen. Der 35-jährige Tunesier beteuert seine Schuldlosigkeit.

Dass daneben auch die 155 Überlebenden der Flüchtlingstragödie ins Visier der italienischen Justiz geraten, hat in Italien Empörung ausgelöst. Gegen die Flüchtlinge sollen Ermittlungen wegen Verstosses gegen das Migrationsgesetz aufgenommen werden, wie aus der Staatsanwaltschaft verlautete. Ihnen könnten wegen illegaler Einwanderung Geldstrafen von bis zu 5000 Euro drohen.

Seit dem Flüchtlingsunglück tobt in Italien eine heftige Diskussion um das Gesetz, das für illegale Einwanderung sogar Haftstrafen vorsieht. Das Gesetz war vom Gründer der Lega Nord, Umberto Bossi, mit dem Ex-Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Gianfranco Fini, entworfen worden. Bossi verteidigte sein Gesetz als «Damm gegen die Migranteninvasion».

Schwierige Bergungsarbeiten

Die Suchaktion nach weiteren Leichen im Wrack des gekenterten Flüchtlingsbootes konnte am Samstag wegen der schlechten Wetterlage nicht fortgesetzt werden. Starker Wind machte den Tauchermannschaften zu schaffen. Flugzeuge und Helikopter überflogen das Meer auf der Suche nach Leichen. Seit Donnerstagabend wurden keine Leichen mehr geborgen. Bisher wurden 111 Tote gezählt, doch bis zu hundert Leichen könnten sich noch im Wrack befinden.

Die Überlebenden sollen in Rom untergebracht werden, wie der römische Bürgermeister Ignazio Marino bei einer Gedenkwache zu Ehren der Toten in Rom erklärte. «Die 155 Überlebenden werden in Rom aufgenommen. Das ist ein erstes Signal der Revolte gegen Gleichgültigkeit und Resignation», betonte der Bürgermeister.

Die Flüchtlingswelle in Richtung Süditalien macht ungeachtet der Tragödie nicht Halt. Am Samstag traf ein Boot mit 120 Syrern nahe der sizilianischen Stadt Syrakus ein. An Bord befanden sich mehrere Kinder.

Frankreich will Massnahmen

Europa diskutiert derweil über politische Konsequenzen . Die französische Regierung verlangte am Samstag ein baldiges Treffen der europäischen Verantwortlichen. Sie müssten «die richtige Antwort finden», sagte der französische Regierungschef Jean-Marc Ayrault.

Italiens Regierungschef Enrico Letta forderte mehr Unterstützung aus der EU. «Italien muss es schaffen, in Europa Gehör und Verbündete zu finden», sagte er laut der Nachrichtenagentur Ansa. Europa müsse sein Interventions- und Aktionsniveau erhöhen, um zu verhindern, dass sich Tragödien wie die vor Lampedusa wiederholten.

(sda/AP)

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