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Das ukrainische Dilemma

Im Konflikt um die Ostukraine stecken alle im ­Zwiespalt, die Ukrainer selber, Europäer und Amerikaner – nur der russische Präsident Wladimir Putin ­wahrscheinlich nicht.

Die neue Kiewer Regierung ist schwach, hat sich nun aber mit dem Sturm auf die ­Separatistenhochburg Slowjansk zu einem Kraftakt durchgerungen. Das Risiko ist immens: Die Aktion könnte Moskau als Vorwand für einen Einmarsch dienen. Prompt hat Putin von einem «sehr ernsten Verbrechen» gegen das eigene Volk gesprochen. Sein Aussenminister Sergei Lawrow hat bereits bei früherer Gelegenheit gedroht, ein Angriff auf russische Bürger sei ein Angriff auf die Russische Föderation. Neue Militär­manöver jedenfalls hat der Kreml schon angekündigt.

Für Kiew wäre aber auch ein Nichteingreifen ­gefährlich gewesen: Prorussische Freischärler hätten sich ermutigt gefühlt, weitere Gebiete zu besetzen. Und auch bei an sich loyalen Bürgern gewinnt eine Regierung nicht unbedingt an Autorität, wenn sie nicht ­einmal ihr eigenes Territorium kontrollieren kann.

Der Westen steht in einem ähnlichen Zwiespalt: Ein zu schroffes Auftreten könnte Russland in die Enge treiben und erst recht zu aggressivem Verhalten verleiten. Harte Sanktionen und ein Truppenaufmarsch an der Nato-Ostgrenze würden in Moskau ­zudem die Kräfte stärken, die das Land ohnehin in die Isolation führen wollen.

Gleichzeitig gilt auch: Putin rechnet genau, wie hoch der Preis ist, den er für seine machtpolitischen Eskapaden bezahlen muss. Die Annexion der Krim hat ihm der Westen quasi durchgehen lassen. Auf einen Griff nach der Ostukraine wird er vermutlich verzichten, wenn die Gegenwehr heftiger wird.

In dieser Gemengelage versucht es Europas wichtigstes Land, Deutschland, mit einer Doppelstrategie. Kanzlerin Merkel und Aussenminister Steinmeier zeigen dem Kreml Grenzen auf, geben ihm aber gleichzeitig die Hand. Das mag duckmäuserisch wirken und ist eine ewige, mühsame Gratwanderung. Gerade in Kiew löst dieser deutsche Pragmatismus Frustrationen aus. Doch ein anderer gangbarer Weg aus dem ­ukrainischen Dilemma ist derzeit nicht zu erkennen.

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