Das sind die grössten Lügen über Deutschland

«Jeder Flüchtling erhält ein Willkommensgeld von 2000 Euro»: Gegen solche Falschinformationen von Schleppern geht die deutsche Regierung mit einer neuen Website vor.

Teil des Asylprozesses: Ein deutscher Soldat nimmt die Personalien einer Flüchtlingsfamilie auf.

Teil des Asylprozesses: Ein deutscher Soldat nimmt die Personalien einer Flüchtlingsfamilie auf.

(Bild: Keystone)

Yannick Wiget@yannickw3

Mit falschen Versprechen überreden Schleuserbanden viele Flüchtlinge zu einer gefährlichen Reise nach Europa und insbesondere nach Deutschland, dem Ziel der meisten Migranten. Dagegen will die deutsche Regierung jetzt vorgehen. Sie hat die Internetseite #RumoursAboutGermany aufgeschaltet, um Gerüchte über die Aufnahme von Flüchtlingen zu widerlegen. So werden unter anderem die sieben häufigsten Lügen entlarvt, die Migranten von Schleppern zu hören bekommen:

  • «Das Flüchtlingsboot ist riesig, hat sogar einen Pool und ein Kino.»
  • «Deutschland hat 800'000 Plätze alleine für afghanische Flüchtlinge reserviert.»
  • «Wir haben 25 Jahre Erfahrung, und dein Transport nach Europa ist 100-prozentig legal und durchführbar.»
  • «Grosse deutsche Unternehmen brauchen ständig neue Arbeitskräfte. Deshalb nimmt Deutschland täglich 5000 Flüchtlinge auf.»
  • «Jeder Flüchtling erhält ein Willkommensgeld von 2000 Euro.»
  • «Deutschland schenkt jedem Flüchtling ein Haus.»
  • «Wenn es dir in Deutschland nicht gefällt, geben Sie dir einfach ein Visum für Kanada.»

Die Aufklärung erfolgt in den Sprachen Arabisch, Französisch und Englisch. Es gebe keine Kontingente für Flüchtlinge aus bestimmten Ländern, jeder Fall werde individuell betrachtet, steht beispielsweise auf der Internetseite. Zur letzten Behauptung heisst es: «Das ist völliger Schwachsinn. Es gibt keinerlei Vereinbarung zwischen Deutschland und Kanada oder irgendeinem anderen Land für solche Fälle.»

Das Deutsche Auswärtige Amt will damit «verhindern, dass sich Menschen in ohnehin schwieriger Lage mit verklärten Vorstellungen und falschen Erwartungen auf den Weg machen». Der brodelnden Gerüchteküche sollen objektive Informationen entgegengesetzt werden, um die Deutungshoheit im Netz nicht allein den Schleusern zu überlassen. Die neue Internetseite ist Teil einer Kampagne, die seit 2015 läuft. In Afghanistan, Pakistan, Nord- und Westafrika betrieb Deutschland schon mit Grossplakaten, Buswerbung, Blogs, TV- und Radiosendungen Aufklärungsarbeit.

Andere Länder gehen ähnliche Wege, so auch die Schweiz. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte das Staatssekretariat für Migration (SEM) einen Flyer mit Erstinformationen für Asylsuchende, die neu in die Schweiz kommen. So sollen Flüchtlinge über kulturelle Unterschiede zu ihrem Heimatland aufgeklärt werden.

In sieben Sprachen erhältlich: Der Aufklärungs-Flyer für Asylsuchende in der Schweiz. (Bild: SEM)

Der Flyer erklärt mit Bildern und kurzer Beschreibung beispielsweise die Nutzung des öffentlichen Verkehrs, den Umgang zwischen Mann und Frau oder Befugnisse der Polizei. Er ist in sieben Sprachen erhältlich, darunter Arabisch, Englisch und Französisch und wird auch in Empfangs- und Verfahrenszentren während des Erstgesprächs an die Asylsuchenden abgegeben.

Für Diskussionen sorgte eine vom Bund finanzierte TV-Serie über Asylsuchende in der Schweiz, die in Nigeria ausgestrahlt werden soll, um Migranten abzuschrecken. «Wir haben festgestellt, dass fehlende oder falsche Informationen häufig Ursache der irregulären Migration sind», sagte Lukas Rieder vom SEM dazu im Februar 2017. Mit dem Film wolle man «objektive Informationen über die Migration liefern».

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Weniger angetan vom Projekt war die Flüchtlingshilfe: «Eine Fernsehserie allein bewirkt wenig. Man muss vor allem die Fluchtgründe bekämpfen, um lebensgefährliche Reisen zu verhindern», sagte Sprecher Stefan Frey. Die Leute vor Ort glaubten eher den Berichten, die sie von Verwandten und Bekannten aus Europa erhielten.

«Wir können natürlich nicht beweisen, dass die Informationskampagne einen direkten Einfluss hat», räumte SEM-Chef Mario Gattiker kürzlich im Interview mit der «Ostschweiz am Sonntag» ein. «Wir versprechen uns im Verbund mit anderen Massnahmen aber durchaus eine Wirkung.» Am wichtigsten sei es, Zukunftsperspektiven für die Jugendlichen vor Ort selber zu schaffen. Die Zahl der Asylsuchenden aus Nigeria sei seit Inkrafttreten der Migrationspartnerschaft jedenfalls deutlich gesunken.

baz.ch/Newsnet

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