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Das Parlament als Kloster

Laura Pidcock, eine junge Labour-Abgeordnete, hält nichts von Fraternisierung mit Andersdenkenden. Politik ist für sie eine puritanische Angelegenheit. Ihre Haltung steht in einer Tradition.

Ort der Pflichterfüllung, nicht des Lebensgenusses: Der Palast von Westminster.
Ort der Pflichterfüllung, nicht des Lebensgenusses: Der Palast von Westminster.
Keystone

Laura Pidcock ist 29 Jahre alt, Mitglied der britischen Labour-Partei und seit etwas mehr als drei Monaten Abgeordnete für den Wahlkreis North West Durham. Aufgefallen ist sie durch ihre «maiden speech», ihre erste Rede im Parlament. Mit Politikern der regierenden Konservativen Partei werde sie keine sozialen Kontakte pflegen, kündigte sie darin an. Die Tories seien für sie «der Feind». Von Kindheit an habe sie gelernt, alles aus der Perspektive ihrer Klasse zu sehen.

Das Freund-Feind-Denken, das in Pidcocks Worten zum Ausdruck kam, schockierte manche Briten, weswegen eine Journalistin des konservativen «Spectator» die Abgeordnete aufsuchte. Pidcock erwies sich als überraschend zugänglich und erklärte, sie wolle im Parlament nicht nur mit Konservativen nicht trinken, sondern überhaupt mit niemandem. Sie fühle sich ihren Wählern verpflichtet, und das bedeute für sie, Distanz zum Politikbetrieb zu halten. Der Palast von Westminster ist gewissermassen Pidcocks Kloster.

Kein «überparteiliches Zeug»

Neu ist ihr Puritanismus nicht, ganz im Gegenteil: Dennis Skinner, 85, seit 47 Jahren im Parlament und damit Labours dienstältester Abgeordneter, hält es genauso. «Ich habe nie irgendwelches überparteiliche Zeug gemacht», sagte er dem «Observer» Ende Juli. Als ich ihn im Januar fragte, ob er sich mit Kenneth Clarke verstehe, einem Tory, der im selben Jahr wie er zum ersten Mal ins Unterhaus einzog, sagte Skinner: «Ich sage ihm Guten Morgen, mehr nicht. Wenn Sie ins Parlament gewählt werden, müssen Sie sich entscheiden, wie Sie Ihren Job machen.»

Meine Frage, warum er die Bars in Westminster meide, führte beinahe zu meinem Hinauswurf. Erst Wochen später begriff ich, warum der Abgeordnete so verärgert war: Ein Reporter der Basler Zeitung, so las ich in einer Klatschkolumne des «New Statesman», habe Skinners Zorn erregt, indem er ihm vorgeschlagen habe, das Gespräch in der Bar fortzusetzen – und das um zehn Uhr morgens. Skinner musste meine Frage als Einladung missverstanden haben und damit als Versuch, ihn entweder als Säufer vorzuführen oder ihm unter Alkoholeinfluss brisante Äusserungen zu entlocken. In Bars, so erklärt Skinner seit bald fünf Jahrzehnten, treiben sich Journalisten herum, um Politikern Fallen zu stellen.

Ein Spruch aus meiner Jugend kommt mir in den Sinn, wenn ich an Pidcock und Skinner denke: «Sauber bleiben!» Ein etwas naiver und provinzieller Puritanismus kam darin zum Ausdruck, aber auch die Furcht vor allem Urbanen, Verruchten und potenziell Korrumpierenden. Sowohl Pidcock als auch Skinner stammen aus verarmten Bergbauregionen im Norden Englands. Dennis sei nie den Verlockungen des «süssen Londoner Lebens» erlegen, sagt einer von Skinners Brüdern in einem Dokumentarfilm über den Veteranen, der derzeit in britischen Kinos läuft.

Doktrinärer Idealismus

Auch was die politischen Inhalte betrifft, ist Laura Pidcock Skinners ideelle Erbin: Wie dieser gehört sie zum linken Flügel ihrer Partei und damit zu den Unterstützern von Oppositionsführer Jeremy Corbyn. Briten gelten gemeinhin als Pragmatiker, doch durchwehte den englischen Sozialismus nicht selten ein doktrinärer, idealistischer Geist. Das galt auch und gerade für Tony Blair, obwohl der seine Partei in die Mitte führte: Sein Idealismus zielte eben nicht auf die Überwindung des Kapitalismus ab, sondern darauf, an der Seite der amerikanischen Neokonservativen den Nahen Osten umzugestalten. Von der Frivolität Bill Clintons und Gerhard Schröders, die als seine Brüder im Geiste galten, setzte sich Blair stets ab. Nach seiner Amtszeit konvertierte er konsequenterweise zum Katholizismus.

Demgegenüber waren britische Konservative oft eher bereit, sich mit den herrschenden Verhältnissen und Unzulänglichkeiten abzufinden. Vielleicht, weil sie selbst davon profitierten oder auch nur aus Trägheit und Zynismus. Womöglich aber auch aus Menschenfreundlichkeit.

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