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Das Gift, das dümmer macht

In Genf beginnen die Verhandlungen über ein weitgehendes Verbot von Quecksilber. Im Vorfeld haben Forscher errechnet, dass Europas Kinder wegen des giftigen Metalls jährlich 600'000 IQ-Punkte verlieren.

Der Quecksilber-Ausstoss ist ungleich verteilt: Die Karte zeigt die Orte, an denen das Risiko einer Quecksilber-Belastung besonders gross ist. (Grafik: Unep-Bericht)
Der Quecksilber-Ausstoss ist ungleich verteilt: Die Karte zeigt die Orte, an denen das Risiko einer Quecksilber-Belastung besonders gross ist. (Grafik: Unep-Bericht)

Der Ausstoss von giftigem Quecksilber wird vor allem in Entwicklungsländern zu einer immer grösseren Gefahr für Mensch und Umwelt. Nächste Woche soll in Genf eine UNO-Konvention über ein weitgehendes Quecksilberverbot verabschiedet werden.

Betroffen sind vor allem Afrika, Asien und Südamerika, wie es in einem neuen Bericht des UNO-Umweltprogramms (Unep) heisst, der in Genf veröffentlicht wurde. Insbesondere die handwerkliche Goldgewinnung sowie die Kohleverbrennung zur Stromerzeugung tragen zu den gefährlich hohen Emissionen des Schwermetalls bei.

Goldgewinnung trägt viel bei

So hätten sich die vom Goldschürfen ausgelösten Emissionen seit 2005 verdoppelt. Die Goldgewinnung ist gemäss Bericht mit 727 Tonnen jährlich für 35 Prozent des weltweiten Quecksilberausstosses verantwortlich. Wegen der immer weiter steigenden Goldpreise rechnet das Unep in den kommenden Jahren mit einer weiteren Zunahme der Emissionen.

Durch die Verbrennung von Kohle werden zudem jährlich 475 Tonnen Quecksilber ausgestossen. Das sind 24 Prozent der globalen Gesamtemissionen. Der grösste Quecksilber-Erzeuger ist Asien: Der Kontinent ist für knapp die Hälfte der weltweiten Quecksilber-Emissionen verantwortlich.

Gefahr in Gewässern

Vergiftungen durch Quecksilber treten meist auf, wenn kleine Mengen über einen längeren Zeitraum aufgenommen werden. Dabei kann vor allem das zentrale Nervensystem geschädigt werden. Besonders anfällig sind Kinder. Für die Menschen sind vor allem verseuchte Flüsse und Seen ein Risiko, da die Fische mit dem Metall kontaminiert sind.

Laut dem Unep-Bericht hat sich in den vergangenen 100 Jahren die Menge an von Menschen produziertem Quecksilber in den Ozeanen in den oberen 100 Metern verdoppelt. In der Tiefsee stieg der Anteil um 25 Prozent.

Bis zu zwei Millionen Kinder betroffen

Im Vorfeld der Studie haben Forscher eine Studie zu den Kosten erstellt, die Europa durch Quecksilber bedingte Gesundheitsschäden entstehen. Diese Hochrechnungen haben sie heute veröffentlicht.

Der Studie zufolge kommen jedes Jahr in Europa zwischen 1,5 und 2 Millionen Kinder zur Welt, in deren Haaren sich Quecksilberwerte über dem sicheren Grenzwert finden. Dies schreiben die Forscher im Fachblatt «Environmental Health» von dieser Woche. Ihren Grenzwert legten sie aufgrund früherer Studien bei 0,58 Mikrogramm pro Gramm Haar fest.

Behindert die geistige Entwicklung

Der offizielle Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 2,5 Mikrogramm pro Gramm. Mit diesem Wert sind noch 200'000 Kinder in Europa betroffen. In seiner organischen Form Methylquecksilber ist das Metall hochgiftig und schädigt die Gehirn- und damit die geistige Entwicklung von Ungeborenen.

Dies führe zu einem tieferen IQ, was das Potenzial für gut entlöhnte Arbeit senke, heisst es in einer Mitteilung zur Studie. Laut der Hochrechnungen der Forscher kostet jeder verlorene IQ-Punkt im Schnitt 16'500 Franken über die Lebenszeit eines Menschen. Bei einem errechneten Verlust von mehr als 600'000 IQ-Punkten pro Jahr würde ein Ende der Quecksilberverschmutzung der EU demnach rund 9 Milliarden Euro (10,8 Milliarden Franken) zusätzliches Einkommen bescheren.

Südeuropa am stärksten betroffen

Quecksilber gelangt aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, aber auch durch Vulkane oder Waldbrände in die Umwelt. Menschen nehmen es vor allem aus Meeres- und Süsswasserfischen auf, weshalb Südeuropa am stärksten betroffen ist: In Spanien haben rund 30 Prozent der Kinder zu hohe Werte, in Portugal 8 Prozent.

In der Schweiz weist kein Kind zu hohe Werte auf. Den tieferen Grenzwert der Forscher von 0,58 Mikrogramm pro Gramm erreichten 6 von 120 untersuchten Kindern – das sind fünf Prozent.

Die Studie basiert auf Daten der Democophes-Studie, die den Quecksilbergehalt in den Haaren von über 1800 Mutter-Kind-Paaren aus 17 europäischen Ländern mass.

Kleine Stichprobe

Auf fast 11 Milliarden Franken schätzt ein internationales Forscherteam die Kosten, die Europa durch Quecksilber bedingte Gesundheitsschäden entstehen. Pro Land wurden 120 solche Paare untersucht. Dies sei allerdings eine kleine Stichprobe, von der man nur bedingt auf die Gesamtbevölkerung schliessen könne, sagte Mitautor Pierre Crottaz vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Crottaz hat die Schweizer Daten für Democophes erhoben und für die aktuelle Studie zur Verfügung gestellt.

Es gebe Unsicherheiten, bestätigte Studienleiter Philippe Grandjean von der Universität von Süddänemark auf Anfrage. «Doch wir wählten ein konservatives Modell für die IQ-Verluste durch Quecksilber», sagte er. «Damit könnten wir die wahren Einbussen sogar noch unterschätzen.»

Der Vergleich mit anderen verfügbaren Daten zeige jedoch, dass die Messungen der Quecksilberwerte realistisch seien, sagte er. «Es ist vermutlich nicht falsch, von einem Nutzen einer Reduktion der Quecksilber-Belastung auszugehen.»

Appell an Politik

Dafür setzt sich Philippe Grandjean auch persönlich ein. Gestern referierte er über seine Studienresultate an einer Veranstaltung von Nichtregierungsorganisationen im Vorfeld der Verhandlungen zur UNO-Quecksilberkonvention.

«Ich hoffe aufrichtig, dass die Politiker vernünftige Entscheidungen treffen», sagte er. Das Problem sei, dass es sich mit dem Quecksilber ähnlich verhalte wie mit dem Klimawandel: Gewisse Länder tragen stärker zur Verschmutzung bei, während andere Länder, die selber einen kleinen Ausstoss haben, darunter leiden.

SDA/mw

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