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Brexit in London: Eine schwierige Scheidung

In London wird der Austritt aus der EU gefeiert. Ein gespaltenes Land versucht sich wieder zu vereinen.

Serkan Abrecht, London
Um Punkt 23:00 englischer Zeit trat das UK aus der EU aus. Auf dem Parliament Square, London, feiern die Brexiteers.

Sayag ist ein Exot hier auf dem Parliament Square. Ein älterer Mann, im adretten Anzug, sehr britisch, dunkle Hautfarbe, grauer Bart, orangefarbener Turban – und einen riesigen Union Jack über seinen Schultern. «3,5 Jahre habe ich auf den Austritt Grossbritanniens gewartet. Verdammte 3,5 Jahre. Ich dachte schon, es würde nie mehr geschehen.» Sayag unterbricht das Gespräch. Fotografen aus aller Welt wollen ein Bild von ihm haben. Andere Brexiteers auch.

Darunter auch ein Skinhead, in schwarzer Lederjacke und schwarzen Springerstiefeln mit weissen Schnürsenkeln. Sayag ist ein wenig irritiert, lässt sich aber gelassen fotografieren.

Er beginnt erneut zu erzählen. Obwohl nun alles durch ist und das Ergebnis des Austritts-Referendums umgesetzt wird, bleibt Wut, Verbitterung und ein grosses Misstrauen in die Politik: «Ich habe 40 Jahre lang Labour gewählt, weil ich dachte, dass sie Politik für Grossbritannien machen. Dann kam der Entscheid für einen Brexit und plötzlich wusste man bei Labour nicht mehr so richtig, für was die eigentlich stehen. Aber die Tories waren auch nicht besser! Zwei Regierungen sind beim Versuch, ein demokratisches Referendum durchzusetzen, gescheitert. Naja, jetzt ist es ja vorbei», sagt der Mann, der aus den Midlands nach London gereist ist.

Ausgerechnet hierher, in die Hauptstadt. London war die einzige Region in England, die sich gegen einen Austritt aus der Europäischen Union aussprach – und dies mit knapp 60 Prozent. In der Gesamtwahl im UK stimmten nur noch die Schotten deutlicher für einen Verbleib. London aber wird an diesem historischen Tag zur Stadt der Brexiteers, die Menschen, die auf dem Platz vor dem Parlament zum Sinnbild für die 17,4 Millionen Wähler werden, die sich für einen Austritt aus der Europäischen Union aussprachen. London scheint ihnen verziehen zu haben.

«Faschisten!» – «Verräter!»

Am Morgen des 31. Januar lässt sich die Stadt nicht anmerken, dass am Abend eines der einschneidendsten Ereignisse jüngerer europäischer Geschichte geschehen wird. Die Stadt ist mit grauen Wolken verhangen, es windet, es ist neblig. So neblig, dass der obere Abschnitt des berühmten Riesenrads London Eye vom Boden aus nicht mehr zu sehen ist. Nur die Gratisblätter auf den Sitzen der Züge, U-Bahnen und Busse weisen auf das bevorstehende Ereignis hin.

«Das war eine ziemliche Achterbahnfahrt», titelt die «City A.M» abschliessend. Weniger definitiv ist der «Evening Standard»: «Farewell but not Goodbye.» Die Stadt scheint sich ihrem Schicksal zu beugen, der Widerstand ist vorbei. Es gibt keine Massendemonstration von EU-Befürwortern mehr. Nur eine kleine Traube von Menschen hat sich am frühen Nachmittag auf der anderen Seite des Parliament Square versammelt, um noch einmal die Fahne der EU zu schwenken. Sie schreien auf die Leute auf der anderen Strassenseite ein: «Faschisten!» Diese geben zurück: «Verräter!» Irgendwann brennt eine EU-Fahne. Dieses kurze Intermezzo bleibt dann auch das feindseligste an diesem Tag.

Stunde Null: Der Countdown zum Austritt um Punkt 23:00 Ortszeit an der Downing Street Nr. 10. Bild: Reuters
Stunde Null: Der Countdown zum Austritt um Punkt 23:00 Ortszeit an der Downing Street Nr. 10. Bild: Reuters

An diesem Tag, an dem «die Briten die Kontrolle über ihr Land zurückerhalten», wie es Premierminister Boris Johnson ausdrückte. Hier auf dem Parliament Square ist Johnson, der Exzentriker mit dem blonden Wuschelschopf, ein Popstar. Ein Mann mittleren Alters hat sich die Haare strohblond färben lassen, sie verwuschelt und dann mit Haarspray gefestigt, wie er Umstehenden stolz erzählt, jedoch davon abrät, seine Haare anzufassen. Ein weiterer Mann versucht die gewagte Fusion zweier Premierminister. Seine Kleidung, seine Zigarre, sein Gehstock sollen an Winston Churchill erinnern und sein ebenfalls blond gefärbtes Haar an Boris Johnson. Der Churchill-Johnson-Vergleich, unter Brexiteers kein unüblicher.

Der zweite Popstar an diesem Tag ist Nigel Farage, Parteiführer der Brexit-Partei, ehemals der UK Independence Party. Sein Komitee «Leave means leave» hat auch die riesige Party auf dem Parliament Square organisiert, die bald ins ganze Regierungsviertel Westminster überschwappt – und Westminster reagiert mit einer Lichtshow. Als die Dämmerung einbricht, die Strassen voller werden, das Bier fliesst und aus jedem Pub die Nationalhymne dröhnt, erscheinen die verschiedenen Regierungsgebäude in den Farben des UK, rot, blau, weiss. Am Regierungssitz Downing Street Nr. 10 wird ein Countdown an die Wand projiziert. Um 23:00 Uhr britische Zeit wird es so weit sein.

Symbolbild der Gesellschaft

Doch bis dahin sind es noch einige Stunden – und aus allen Richtungen strömen die Menschen. Nigel Farage hat im Vorfeld aufgerufen, sich «kreativ» zu verkleiden. Viele sind dem gefolgt. Englische Ritter, Churchills, britische Guards, Anzüge in den Union-Jack-Farben, Frauen auf Stelzen, die durch die Menge staksen und Buttons mit der Aufschrift «Happy Brexit Day» verteilen. Dies rufen sich auch die Leute auf der Strasse zu.

Als stünde heute ein zweites Weihnachten an, wird gegrüsst, oder als hätte man einen Krieg gewonnen, nehmen sich die Leute in die Arme, klopfen sich auf die Schultern, einige haben Tränen in den Augen. Und die Menge der Brexiteers wird immer bunter. Aus der britischen Bevölkerung kommt ein Querschnitt zusammen. Studenten schlagen die Arme an die Seiten, um der Kälte zu trotzen, während ihnen ein älteres Ehepaar aus dem Süden Englands reihenweise Tee serviert. Arbeiter gibt es hier, den klassischen Mittelstand, Intellektuelle, schwarze, weisse, Asiaten, Veteranen und aktive Soldaten. Frauen, Männer, jung, alt bis sehr alt. Schüler in ihren Uniformen schlängeln sich mit Fähnchen durch die Menge.

Und dann ist da Joseph Afrane, ein schwarzer Brexit-Hardliner, dessen Anzug, Krawatte, Hut und Sonnenbrille mit Union Jacks gesäumt ist. Afrane, ein 56-jähriger Sicherheitsbeamter aus London, wurde so etwas wie die Galionsfigur für die Londoner Brexit-Bewegung. Besonders seit einer viel beachteten Titelseite des «Standards», auf der sich Afrane und Steve Bray, ein Londoner Geschäftsmann, der einen Anzug in den EU-Farben trug, nur Zentimeter gegenüberstanden und sich anbrüllten. Das Symbolbild einer gespaltenen Gesellschaft.

Brexit-Original: Joseph Afrane auf dem Parliament Square. Bild: Serkan Abrecht
Brexit-Original: Joseph Afrane auf dem Parliament Square. Bild: Serkan Abrecht

Für Afrane gibt es aber keinen Grund mehr für Streit und Zwietracht. Nun, an diesem Abend, an dem der Brexit kurz bevorsteht, bleibe dem Land nur die Einigkeit. Parolen, die immer wieder durch die Menge hallen – nebst dem euphorischen Gesang von «Bye-bye EU» –, sind die der Einigkeit: «We’re all leavers now.» Heisst soviel wie: «Heute verlassen wir alle die EU.»

Ein bisschen Patriotismus

Doch diese Einigkeit zu erreichen, scheint nicht so einfach. Verhärtet sind die Fronten – auch bei den Brexiteers. Es sind viele Transparente mit der Aufschrift «Lock the traitors up» zu sehen: «Sperrt die Verräter ein.» Doch nicht alle sind so unversöhnlich gestimmt. Als um 21:00 Uhr die Feier offiziell beginnt und Richard Tice, Vorsitzender der Brexit-Partei, auf die improvisierte Bühne am anderen Ende des Platzes tritt, stimmt er friedliche Töne an – gegenüber allen Gegnern des Brexit und gegenüber dem europäischen Kontinent. Auch Ann Widdecombe, einst für die Tories im Parlament, nun bei der Brexit-Partei, äussert sich im gleichen Tonfall – mit ein wenig mehr Pathos: «Endlich frei!» Doch einige Gastredner können ihre Häme nicht verbergen. Komiker Dominic Frisby zählte genüsslich alle prominenten Brexit-Gegner auf, um sie vom Publikum ausbuhen zu lassen. Versöhnlichkeit ist anders und zwischen manchem Brexiteer und manchem Remainer scheint der Krug wohl für immer zerbrochen zu sein.

Hoch die Flaschen: In London wird der EU-Austritt gefeiert. Bild: Reuters
Hoch die Flaschen: In London wird der EU-Austritt gefeiert. Bild: Reuters

Dann Auftritt des Helden des Abends: Nigel Farage. 25 Jahre hat er für den Austritt des UK aus der Europäischen Union gekämpft. Nun darf er die Früchte seiner Arbeit ernten. Die Menge – es müssen über 10’000 Menschen sein – bricht in ohrenbetäubenden Applaus aus, als er die Bühne betritt. «Lasst uns Freunde bleiben», sagt er an die EU gewandt und betont: «Unser Austritt ist keine Abkehr von Europa, sondern eine Abkehr von der EU.» Er schaut auf die Uhr. «Noch zehn Minuten. Hach, was sind schon zehn Minuten. Wir haben 3,5 Jahre gewartet.» Die Menge johlt und klatscht.

Farage gibt sich versöhnlich und lobt die momentane Regierung unter Johnson und die Erfolge der vergangenen Wochen, Monate, Jahre. «Wo ist Boris?», ruft die Menge. Johnson sitzt nur wenige Meter entfernt im Regierungsgebäude. Dort bleibt er. Die Party auf dem Parliament Square gehört Farage. Es ist kurz vor elf. Auf der grossen Leinwand erscheint Big Ben. Das Original, ebenfalls nur einen Steinwurf vom Platz entfernt, ist wegen Renovationsarbeiten auf stumm geschaltet. Bei zehn Sekunden zählt das Publikum herunter und nach der eins folgt: «Wir sind draussen!» Die Leute jubeln, toben, liegen sich in den Armen, weinen. Grossbritannien ist aus der EU ausgetreten – und am Morgen danach ist die Sonne aufgegangen. Sie scheint hell.

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