Braune Wolken über Gau-Land

Mit wild zusammengewürfelten Zitaten präsentierte David Klein ein furchterregendes Zukunftsszenario, das im unaufhaltsamen Untergang des Abendlandes mündet. Eine Replik.

Kritiker werfen dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland vor, Duktus und Argumentation einer Rede Adolf Hitlers übernommen zu haben.

Kritiker werfen dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland vor, Duktus und Argumentation einer Rede Adolf Hitlers übernommen zu haben.

(Bild: Keystone)

Roland Stark

Der Autor David Klein behauptet in einem für seine Verhältnisse sehr kurzen Kommentar, nach einem Gastbeitrag des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland in der FAZ sei in den deutschen Medien ein «Tsunami der Empörung» mit dem «obligaten Nazi-Vergleich» hereingebrochen. Sein Namensvetter Peter Klein hatte mir bereits früher vorgeworfen, mit der «AfD-Nazifizierung» würde ich mich an einem «direkten Wettstreit der Geschmacklosigkeiten» beteiligen (BaZ, 4.10.2018).

Mit wild zusammengewürfelten Zitaten aus der TAZ, einem Propaganda-Video der schwedischen Regierung und einem Gutachten der deutschen Bundesregierung präsentiert David Klein ein furchterregendes Zukunftsszenario, das im unaufhaltsamen Untergang des Abendlandes mündet. «Davor warnt Alexander Gauland», lobt er. «Zu Recht.»

«Nicht mit dem Knigge arbeiten»

Ein solch hanebüchener, verharmlosender Unsinn darf nicht unwidersprochen bleiben. Charlotte Knobloch (85), Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrates der Juden, lässt in ihrem Urteil keine Zweifel offen. Auf die Frage des Spiegel, ob die AfD eine Nazipartei sei, antwortet sie: «Wie soll man eine Partei sonst nennen, die ein Programm propagiert, das jüdisches Leben unmöglich macht?»

Und den Kommentar von Martin Schulz, die AfD gehöre auf den Misthaufen der Geschichte, unterstützt Frau Knobloch ausdrücklich: «Wir können doch im Umgang mit einer Nazipartei nicht mit dem Knigge arbeiten. Wenn Politiker der AfD die Nazizeit als ‹Vogelschiss› in der deutschen Geschichte bezeichnen und das Holocaust-Mahnmal ein Denkmal der Schande nennen, dann müssen wir rhetorisch zurückschlagen. Wir stehen vor einem Ungetüm. Wir müssen es bekämpfen, bevor es noch stärker wird. (...) Man muss sich nur die Äusserungen anhören, die Politiker dieser Partei ungestraft von sich geben. Sie erinnern an den Aufstieg der NSDAP. Ich persönlich fühle mich wie im Jahr 1928.»

Charlotte Knobloch weiss, wovon sie spricht. Ihrer Deportation ins KZ Theresienstadt entging sie nur, weil eine ehemalige Hausangestellte der Familie das junge Mädchen als uneheliches Kind ausgab. Der Vater überlebte den Krieg als Zwangsarbeiter. In den Augen von David Klein und seiner zahlreichen Verharmlosungsgemeinde gehört sie wohl auch denen an, die unbegründet und hysterisch mit der Nazi-Keule herumfuchteln.

Auf besonderes Interesse dürften beim jüdischen Autor David Klein, der in dieser Zeitung regelmässig, nicht immer zu Unrecht, einen linken Antisemitismus anprangert, die Einschätzungen des Gauland-Artikels durch zwei renommierte Historiker stossen.

Sie werfen Gauland (oder seinem Ghostwriter) vor, in seinem Text Duktus und Argumentation einer Rede Adolf Hitlers übernommen zu haben, die dieser 1933 vor Arbeitern in Berlin-Siemensstadt gehalten hatte.

«Eng an Hitler angeschmiegt»

Wolfgang Benz, bis 2011 Professor an der Technischen Universität Berlin und Leiter des zugehörigen Zentrums für Antisemitismusforschung, schreibt in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel, Gaulands Text habe «sich ganz offensichtlich eng an Hitler angeschmiegt». Er wirke so, «als habe sich der AfD-Chef den Redetext des Führers von 1933 auf den Schreibtisch gelegt, als er seinen Gastbeitrag für die FAZ schrieb».

Noch härter mit Alexander Gauland ins Gericht geht der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, der bis 2012 an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte lehrte und 1991 die Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte gründete. Wolffsohn, der heute zu den schärfsten Kritikern der Politik von Angela Merkel zählt, ist der Sohn einer 1939 nach Palästina geflüchteten jüdischen Kaufmannsfamilie und Enkel des Verlegers und Kinopioniers Karl Wolffsohn.

Er sagte dem Tagesspiegel: «Es ist schlimm, dass Gauland seinen gebildeten Anhängern signalisiert, dass er Rede und Duktus Hitlers kennt und dass er die gegen die Juden gerichteten Vorwürfe Hitlers nun auf die Gegner der AfD von heute überträgt.»

Und: Wer die Hitler-Rede nicht kenne, dem juble Gauland «Adolf Hitler light» unter. Zwar warnte Wolffsohn davor, die AfD pauschal als «Nazi-Partei» abzustempeln. Aber: «Sie ist es auch, aber nicht nur. Und genau das macht sie so gefährlich.» Er verwies in diesem Zusammenhang wie Charlotte Knobloch auf Gaulands Äusserung, Hitler und die Nationalsozialisten seien «nur ein ‹Vogelschiss› in tausend Jahren deutscher Geschichte» gewesen.

Nach der Lektüre von David Kleins Artikel bleibt der Leser ratlos und erschrocken zurück. Was ums Himmels willen veranlasst ihn, einige Tausend Buchstaben ausgerechnet auf die Verteidigung von Alexander Gauland und die AfD zu verwenden? Die empörten Reaktionen nennt er abwertend «mediale Eruptionen».

«Virulente linke Elitekritik»

Nebenbei bemerkt: Erstaunlich (oder auch nicht) ist, dass die Globalisierungskritik, die Gauland ausbreitet, ausdrücklich auch vom «linken» Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein geteilt wird. Auch in der Frage über die Notwendigkeit des Populismus gibt es zwischen den beiden kaum Unterschiede.

Harald Staun folgert denn auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, diese Thesen seien «ein gutes Beispiel für eine derzeit ziemlich virulente linke Elitekritik, welche ihre ideologische Nähe zu rechtspopulistischen Positionen entweder übersieht – oder verschweigt». Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine lassen grüssen.

Man kann jedenfalls nur hoffen, dass David Klein (endlich) aus der vielstimmigen und lautstarken Gemeinde der Weisswäscher austritt und seine Scheuklappen auf den Misthaufen der Geschichte schmeisst.

Basler Zeitung

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