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Grossbritannien: Bitte alle anstecken

London geht im Kampf gegen das Coronavirus einen anderen Weg: Die Regierung setzt auf die umstrittene Immunisierung.

Cathrin Kahlweit, London
Alltag trotz Coronavirus: Menschen auf der London Bridge. Foto: Henry Nicholls, Reuters
Alltag trotz Coronavirus: Menschen auf der London Bridge. Foto: Henry Nicholls, Reuters

Der Waitrose-Supermarkt an der Finchley Road ist Kriegsgebiet, da sind die Briten nicht anders als andere Nationen. Aber wenn man die Menschen fragt, warum sie hamstern, dann zucken sie die Schultern: nicht für heute, nicht für morgen, aber man weiss ja nicht, was kommt.

Noch verläuft der Alltag auf der britischen Insel weitgehend normal, Schulen sind geöffnet, Kneipen gut gefüllt, Ausgehviertel und U-Bahn waren am Wochenende voll, und Jogger, die durch den beliebten Hampstead Heath trabten, mussten auf matschige Wiesen ausweichen, weil auf den Gehwegen kein Durchkommen war.

Grossveranstaltungen wie das Stereophonics-Konzert in Cardiff zogen Zehntausende an, Marathons wurden gelaufen, und bis auf weiteres scheinen die Briten davon auszugehen, dass das so weitergeht: Die Theater verschicken zum Wochenbeginn reihenweise Einladungen zu Premieren in den kommenden Wochen.

Allerdings versuchte die Regierung am Montagabend mit Appellen gegenzusteuern. Premier Boris Johnson rief auf einer Pressekonferenz seine Landsleute dazu auf, Kneipen, Clubs und Theater zu meiden. Wer könne, sollte von zu Hause aus arbeiten.

Risiko einer zweiten Welle mindern

Der Grund für den bisherigen Kurs in London liegt vor allem in der Herangehensweise der Behörden, die sich gravierend von der in anderen Ländern unterscheidet. Bürger sind zwar gehalten, sich für sieben Tage in ihre vier Wände zurückzuziehen, wenn sie Anzeichen des Virus entdecken.

Aber getestet wird vorerst kaum, und das ist so gewollt: Britische Epidemiologen rund um den obersten medizinischen Berater der Regierung, Chris Whitty, verfolgen das Konzept der «Herdenimmunität», nach der Ansteckungen nicht verhindert werden sollen, um schnellstmöglich eine flächendeckende Immunisierung der Bevölkerung gegen das Coronavirus zu erreichen.

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Patrick Vallance, wissenschaftlicher Experte im Dienst der Regierung, erklärt das damit, dass man die Gefahr einer Übertragung in dem Masse reduziere, in dem der Grad der Immunisierung nach erfolgter Infektion steige. Wenn mindestens 60 Prozent der Bevölkerung das Virus gehabt hätten und wieder gesundet seien, sei auch das Risiko einer zweiten Welle im Winter geringer.

So soll unter anderem verhindert werden, dass das ohnehin chronisch überforderte nationale Gesundheitssystem (NHS) zusammenbricht. Grossbritannien ist mit 4000 Intensivbetten und 5000 Beatmungsgeräten im internationalen Vergleich unterversorgt. Premierminister Johnson hat die britische Industrie aufgefordert, wo möglich die Produktion auf medizinische Ausrüstung, insbesondere auf Beatmungsgeräte umzustellen.

Man stelle «mathematische Modelle über die Sicherheit der Menschen»

Ausgenommen von der Strategie der Massenansteckung sind Alte und Kranke, also Risikogruppen; dazu hat Gesundheitsminister Matt Hancock am Sonntag angekündigt, über 70-Jährige könnten demnächst aufgefordert werden, sich über Wochen hinweg selbst zu isolieren.

Eine Anordnung ist das vorerst nicht. Downing Street plant mittlerweile immerhin ein Versammlungsverbot für Veranstaltungen mit mehr als 500 Menschen, und Premier Johnson hat nach Kritik an schlechter Krisenkommunikation angekündigt, er werde von nun an täglich eine Pressekonferenz zum Stand der Dinge abhalten.

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Während unter Medizinern wie auch im Ausland die Irritation über das britische Vorgehen wächst, hält die Regierung vorerst an ihrem Sonderweg fest. Am Montagmorgen widersprach Verkehrsminister Grant Shapp vielen kritischen Fragen in den Morgensendungen, ob Grossbritannien nicht viel zu langsam und zu unentschlossen auf die Pandemie reagiere. Man folge «nur dem Rat der Wissenschaftler» und tue nicht lauter Dinge, die «nur gut klingen». Grossbritannien habe derzeit knapp 1400 bekannte Fälle und 35 Tote zu verzeichnen; in anderen Ländern seien die Zahlen weitaus dramatischer.

Allerdings mehren sich die Stimmen, die das Vorgehen für verantwortungslos halten. In offenen Briefen fordern Wissenschaftler aller Fachrichtungen, die Massnahmen anderen EU-Ländern anzupassen; die Praktikabilität der Herdenimmunitäts-Theorie sei nicht bewiesen und könne, da nicht alle gefährdeten Personen geschützt werden könnten, schlimmstenfalls zu Todeszahlen führen, welche die Toten im Zweiten Weltkrieg überstiegen.

Der frühere hochrangige Mitarbeiter der Weltgesundheitsbehörde WHO, Anthony Costello, hat einen empörten Brief an die britische Regierung und ihre Berater geschrieben: Er halte das Vorgehen Londons für «absolut falsch», man stelle «mathematische Modelle über die Sicherheit der Menschen».

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