Zum Hauptinhalt springen

Berlusconis Schulreform unter Beschuss

Mit Demonstrationen und Streiks wehren sich Lehrer, Schüler und Eltern gegen die Schulreform. Umstritten sind auch die Sonderklassen für ausländische Kinder.

Die Römer Innenstadt stand gestern um die Mittagszeit still. Nicht nur streikten, wie in ganz Italien, die Verkehrsbetriebe, Zehntausende gingen auch – trotz strömenden Regens – auf die Strasse, um gegen die Sozial- und Bildungspolitik der Regierung Berlusconi zu protestieren. Viele Schulen blieben geschlossen. Kaum anders sah es in den meisten grossen Städten aus: Von Mailand bis Palermo finden Sitzblockaden, Demonstrationen und Protestaktionen statt, die sich gegen die geplanten Kürzungen im Bildungsbereich richten.

Kaum noch geregelter Unterricht

Im Zentrum des Widerstands steht die Römer Universität La Sapienza, mit 200'000 Studenten die grösste Hochschule Europas. Dort entlädt sich vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Zorn auf die Regierung, über miserable Studienbedingungen und schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Tausende von jungen Leuten demonstrierten vor dem Bildungsministerium. «Wir schweigen nicht mehr länger, wir haben keine Angst», hiess es auf Transparenten. Auch an vielen Schulen Italiens findet kaum noch geregelter Unterricht statt, seitdem das neue Schuljahr mit einem Paukenschlag begonnen hat.

Noch in den Sommerferien hatte die Regierung ein Dekret erlassen, mit dem nicht nur Betragensnoten wieder eingeführt werden – eine, wie die Regierung glaubt, dringende Massnahme, um der «Disziplinlosigkeit» an Italiens Schulen zu begegnen. Die Schüler werden ausserdem wieder in allen Fächern benotet und haben Pflichtunterricht in Staatsbürgerkunde.

Den grössten Widerstand löst aber eine Massnahme aus, die die Grundschulen betrifft: Bildungsministerin Maria Stella Gelmini verordnet ihnen die Rückkehr zu einem einzigen Klassenlehrer und nimmt damit die letzte grosse Reform vom Beginn der 90er-Jahre zurück. Die erst 35-jährige Juristin von Berlusconis Forza Italia macht pädagogische Gründe geltend. «Kinder im Grundschulalter haben das Bedürfnis nach einer festen Bezugsperson.» Viele Lehrer und Eltern aber halten das für einen Rückschritt. Hunderttausende von Schülern gehen deshalb auf die Barrikaden, und Mütter blockieren die Zugänge zu Schulen, weil sie fürchten, künftig nicht mehr arbeiten gehen zu können, wenn es keine Ganztagesschulen mehr gibt.

Die Empörung ist umso grösser, als nicht nur hartgesottene Gewerkschafter noch ganz andere Motive hinter dem Reformeifer sehen. Die Regierung nämlich will nicht nur für mehr «Zucht und Ordnung» sorgen und das «Prinzip Leistung» auch für Pädagogen einführen, sondern fast 90'000 Lehrerstellen sowie 40'000 Stellen in der Verwaltung einsparen. Ausserdem sollen Hunderte von kleinen Schulen auf dem Land zusammengelegt oder geschlossen werden.

Angesichts der Wucht der Proteste sah sich sogar Staatspräsident Giorgio Napolitano veranlasst, die Ministerin zu sich zu zitieren. Doch die Regierung liess sich nicht beirren. Um die «Dringlichkeit» der Reform zu unterstreichen, stellte Berlusconi im Parlament die Vertrauensfrage, obwohl er in beiden Häusern über eine satte Mehrheit verfügt.

Lega fordert Sprachtest

Für zusätzlichen Aufruhr sorgt jetzt ein Vorstoss der Lega Nord, der ebenfalls vom Abgeordnetenhaus bereits abgenickt wurde: Ausländerkinder, die nur schlecht oder nicht italienisch sprechen, sollen in gesonderte Klassen kommen und nur in die «Regelklassen» wechseln können, wenn sie einen Sprachtest bestanden haben. Das sei auch in anderen europäischen Ländern gängige Praxis, behauptet der Vater der Idee, der Lega-Abgeordnete Roberto Cota.

Selbst Mitglieder der Regierungskoalition hegen leise Zweifel, ob diese Massnahme wirklich der Integration der rund 500'000 ausländischen Schulkinder förderlich sei. Die Lega aber, die schon seit Jahren für die Trennung von italienischen und ausländischen Kindern kämpft, will auch den Ausländeranteil im Klassenzimmer auf 30 Prozent beschränken. «Das dient zur Vorbeugung des Rassismus und zielt auf echte Integration», sagt Roberto Cota. Bildungsministerin Maria Stella Gelmini ist gleicher Ansicht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch