«Bei den Kriegsverbrechen der UCK ein Auge zugedrückt»

Heute Nachmittag stellt der Europaratsbeauftragte Dick Marty den Bericht über die «unmenschliche Behandlung von Menschen und den illegalen Organhandel in Kosovo» vor. baz.ch/Newsnet bringt Auszüge.

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Monica Fahmy@fahmy07

«Zahlreiche konkrete und konvergente Indizien bestätigen, dass einige Serben und einige Kosovo-Albaner in geheimen Gefängnissen unter Kontrolle der UCK in Nordalbanien festgehalten und unmenschlich und herabwürdigend behandelt wurden, bevor sie endgültig verschwanden», steht in der Einleitung des Berichts, den der Schweizer Europaparlamentarier Dick Marty heute in Strassburg vorstellt.

Weiter steht in der Einleitung: «Zahlreiche Indizien scheinen zu bestätigen, dass, während der Zeit unmittelbar nach dem Ende des bewaffneten Konflikts (.....), einigen Gefangenen in einer Klinik in albanischem Gebiet, bei Fushë-Krujë, Organe entnommen wurden, um sie zur Transplantation ins Ausland zu schaffen.» Obschon es «konkrete Beweise» eines solchen Organhandels gegeben habe, hätten es die internationalen Instanzen, die sich mit dem Gebiet befassten, nicht für nötig befunden, eine detaillierte Untersuchung anzustrengen.

«Beweiselemente» seien zerstört worden

Die Gründe dafür seien laut Marty das nach dem Krieg herrschende Chaos, strukturelle Probleme und Personalknappheit bei den internationalen Instanzen. Der internationale Gerichtshof in Den Haag habe eine begonnene Untersuchung abgebrochen, die «Beweiselemente», die in Rripe, Albanien, zusammengetragen wurden, «sind zerstört worden und können deshalb nicht für eine detaillierte Analyse verwendet werden».

«Die internationalen Organisationen vor Ort in Kosovo favorisierten einen pragmatischen politischen Ansatz und nahmen den Standpunkt ein, sie müssten eine kurzfristige Stabilität um jeden Preis fördern und dafür einige wichtige rechtliche Prinzipien opfern», kritisiert Marty. Hinzu komme, dass die «schrecklichen Verbrechen», welche die serbischen Streitkräfte begangen hatten, weltweit «sehr starke Emotionen» erzeugt hatten, welche die andere Seite nur noch als Opfer habe erscheinen lassen.

Zeugenaussagen als Quellen der Untersuchung

Als Quellen seiner Untersuchung nennt Dick Marty Zeugenaussagen und Dokumente von ehemaligen Kämpfern, Opfern, Familienmitgliedern von vermissten oder toten Personen, Mitarbeitern der UNO-Mission in Kosovo, von Eulex und vom internationalen Gerichtshof in Den Haag, von Mitgliedern von lokalen Strafverfolgungsbehörden und Menschenrechtsorganisationen.

Die Belege widerlegten das Bild der kosovarischen Befreiungsarmee UCK als Guerillaarmee, welche die Menschen in Kosovo verteidigt habe, schreibt Marty. Das Bild sei vor allem durch die USA kreiert worden. Danach habe die UCK eine enorme Legitimation genossen und grosse Summen Spendengelder einholen können. Obschon es etliche tapfere Soldaten gegeben habe, habe es auch etliche Führungspersonen gegeben, die vom Konflikt auf fragwürdige Weise profitiert hätten.

Thaci als «Boss» der kriminellen Drenica-Gruppe

«Wir fanden heraus, das eine kleine, aber unschätzbar mächtige Gruppe von UCK-Persönlichkeiten offenbar die Kontrolle über die illegalsten Unternehmungen, in welche Kosovo-Albaner in Albanien involviert waren, spätestens 1998 an sich gerissen hatten», steht im Bericht auf Seite 11 unter Punkt 56. Diese Gruppe bezeichnete sich als Drenica-Gruppe, ihr Boss sei kein Geringerer als Hashim Thaci gewesen.

Einerseits verdanke Thaci seinen Aufstieg zweifelsohne dem politischen und diplomatischen Rückhalt der USA und des Westens. Dieser Support habe ihm das Gefühl gegeben, über den Dingen zu stehen, so Marty. Auf der anderen Seite aber habe Thacis Drenica-Gruppe «laut substanziellen Geheimdienstberichten und eigenen Interviews während der Untersuchung, eine wunderbare Machtbasis in den Unternehmungen der organisierten Kriminalität, die zu der Zeit in Kosovo und Albanien florierten.»

Update folgt

baz.ch/Newsnet

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