Bedienen wir uns unseres Verstandes

Wer nicht so spricht, wie es der Tugendpartei gefällt, wird zum Aussätzigen erklärt und aus der Gemeinschaft der Gerechten ausgeschlossen.

Wer braucht schon eine Kirche, in der Prediger abgestandene Politikersätze aufsagen?

Wer braucht schon eine Kirche, in der Prediger abgestandene Politikersätze aufsagen?

(Bild: Keystone)

Am Heiligen Abend twitterte Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung Die Welt: «Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?»

Poschardt sprach aus, was manche Christen fühlen, wenn sie in ihrer Kirche nur noch hören, was auch auf Parteitagen vorgetragen wird. Sie brauchen keine Predigt, die vom Klimawandel spricht, über Tod und Erlösung, Liebe und Trost aber nichts mehr mitteilt. Wer braucht schon eine Kirche, in der Prediger abgestandene Politikersätze aufsagen, Glaubensfragen aber keinen Platz mehr finden? Die Antwort haben jene, die eine solche Kirche offenbar brauchen, sofort herausgeschrien. Auf Twitter verbreiteten die Politiker der Grünen, von Notz und Trittin, Folgendes: «Jetzt ganz neu: Die AFD-Krippe – ohne Juden, ohne Araber, ohne Afrikaner und ohne Flüchtlinge! Unsere christlichen (und humanistischen) Werte werden von Rechtspopulisten, Deutschnationalen und Rechtsextremen nicht verteidigt, sondern verraten.»

Wer nicht so spricht, wie es der Tugendpartei gefällt, wird zum Aussätzigen erklärt und aus der Gemeinschaft der Gerechten ausgeschlossen. Das Muster wird kaum je variiert. Man erklärt die eigene Weltsicht, und sei sie noch so absurd, zum Massstab, der angibt, was noch erlaubt ist, und sofort verwandelt sich Gerede, das unter normalen Umständen jeder für Unfug halten würde, in eine moralische Aufführung.

Die Wirkung der Macht zeigt sich darin, welchen Aufwand Machthaber betreiben müssen, um Verhalten zu steuern. Es ist im Grunde ganz gleich, was gesagt wird, solange es in der Öffentlichkeit für normal gehalten werden muss. Wer andere dazu bringen kann, von selbst zu vollziehen, was man ihnen abverlangen müsste, wenn man keine Macht hätte, kann seinen Willen auch ohne Gewalt durchsetzen. Deshalb kommt es überhaupt nicht darauf an, ob irgendjemand glaubt, wozu er sich bekennen muss. Man könnte auch Judith Butler oder Pol Pot in Krippen legen, es wäre einerlei. Um nichts anderes geht es als um die Zurichtung des Sprachgebrauchs.

Die bürgerliche Gesellschaft löst sich auf

Es gäbe vieles aufzuarbeiten, nicht nur in Deutschland. In den grossen Städten gibt es keinen bezahlbaren Wohnraum, die Kommunen ächzen unter der Last, die ihnen der Zentralstaat aufbürdet. Der Rechtsstaat zerfällt, die bürgerliche Gesellschaft löst sich auf, Verwahrlosung und Verrohung, wohin man schaut. Niemand weiss, was mit Hunderttausenden Einwanderern geschehen soll, die die Sozialkassen belasten, wie Gewalttaten eingedämmt, Frauen gegen sexuelle Übergriffe geschützt werden sollen.

In den Verbotszonen aber soll nur zur Aufführung kommen, was den Glauben an die beste aller Welten nicht erschüttert. Wir können uns unsere Unterwerfung nicht mehr leisten. Wann, wenn nicht jetzt, müsste die Frage nach einem neuen Gesellschaftsvertrag gestellt werden? Wie wollen wir leben? Mit wem und in welcher Form? Wie müsste ein Staat beschaffen sein, der dem Moment der Krise gewachsen wäre, wie eine Demokratie, in der Stimme und Wort der Bürger wieder zählen? Wie können wir so tun, als sei in den vergangenen Jahren nichts geschehen? Wir brauchen eine liberale Bürgerrevolte gegen das Establishment und seine Vorschriftenkataloge. Bedienen wir uns unseres Verstandes! Wenn wir es nicht tun, werden wir die garstigen Lieder jener singen müssen, die uns unterjochen wollen.

Basler Zeitung

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