Bambini? Nein danke!

Noch nie gab es in Italien so wenige Geburten. Warum das so ist und wie das Land im Vergleich zur Schweiz und zum Rest Europas abschneidet.

Yannick Wiget@yannickw3

In Italien ist die Familie heilig, das Wichtigste überhaupt und je grösser desto besser, so die landläufige Meinung – sie stimmt nur bedingt mit der Wirklichkeit überein. Zwar dient die Familie in unserem südlichen Nachbarland weiterhin als wichtiger Rückhalt und soziales Auffangnetz. Doch die Italienerinnen und Italiener haben keine Lust mehr auf Kinder.

Seit 2008 nimmt die Zahl der Geburten im Land kontinuierlich ab, wie Erhebungen des nationalen Statistikamts (Istat) zeigen. Damals waren es insgesamt mehr als 576’000, im Jahr 2016 nur noch 474’000 oder 18 Prozentweniger.

2016 kamen in Italien 12’000 Kinder weniger zur Welt als im Vorjahr, was einem Rückgang von 2,4 Prozent entspricht. 2015 war die Anzahl Neugeborene pro Jahr erstmals seit der italienischen Einheit im Jahr 1861 auf unter eine halbe Million gesunken.

So ist es nicht erstaunlich, dass die Geburtenrate, also die Anzahl Neugeborene im Verhältnis zur Bevölkerung, fast kontinuierlich sinkt: 2004 kamen noch knapp 10 Babys pro 1000 Einwohner auf die Welt, im vergangenen Jahr waren es nur noch 8.

Italien hat damit die tiefste Geburtenrate in ganz Europa, wie das Statistische Amt der EU Eurostat zeigt. Vergleichsweise wenige Geburten gibt es auch in Portugal (8,3), Griechenland (8,5), Kroatien (8,9) und Spanien (9,0) – allesamt Länder im südlichen Europa.

Die Nachbarländer Deutschland und Österreich liegen ebenfalls unter dem EU-Durchschnitt von 10 Neugeborenen pro 1000 Einwohner, die Schweiz und Frankreich hingegen darüber. Irland verzeichnet den höchsten europäischen Wert und hat eine fast doppelt so hohe Geburtenrate wie Italien.

Italien hat nicht nur die tiefste Geburtenrate, sondern mit 1,35 Kindern pro Frau auch eine der tiefsten Fruchtbarkeitsraten in Europa. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt die Rate 1,54 und in Frankreich sogar 1,96 Neugeborene pro Frau. Wie ist es möglich, dass das Kinderkriegen in Italien so stark an Popularität und Attraktivität einbüsste?

Für den starken Geburtenrückgang gibt es wohl unterschiedliche Gründe. Als Hauptursache gilt aber die schwere Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit, die Italien seit Jahren fest im Griff hat. Immer mehr Italienerinnen und Italiener haben keinen Job. Die Arbeitslosenquote verdoppelte sich von 2008 bis 2016 beinahe.

Laut Eurostat nahm der Anteil der Arbeitslosen an der Erwerbsbevölkerung in diesen neun Jahren um 5 auf 11,7 Prozent zu. Das ist doppelt so viel wie in Österreich (6 Prozent) und fast dreimal so viel wie in Deutschland (4,1 Prozent). Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist ebenfalls viel tiefer als in Italien. Sie liegt zwischen etwa 3,3 und 4,6 Prozent – je nachdem, ob man sich auf die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft oder des Bundesamts für Statistik stützt.

Italienische Jugendliche, die potenziellen Eltern der Gegenwart und der Zukunft, sind von diesem Problem besonders stark betroffen. Kalabrien, Sizilien und Sardinien gehören zu den sechs Regionen, die in ganz Europa die höchsten Erwerbslosenquoten bei Jugendlichen aufweisen: 56 bis 59 Prozent der 15- bis 24-Jährigen waren dort im vergangenen Jahr ohne Arbeit. Stand Februar 2017 waren es landesweit 52,5 Prozent, also mehr als die Hälfte.

Und hat jemand in Italien einen Job, dann verdient er im Vergleich zu den Nachbarländern weniger. Der mittlere Bruttostundenverdienst lag 2014 bei 12,3 Euro und damit auch unter dem EU-Durchschnitt. In der Schweiz ist der Stundenlohn umgerechnet fast zweieinhalbmal so hoch.

Zusätzlich zum vergleichsweise tiefen Lohn zahlen die Italienerinnen und Italiener auch hohe Steuern, vor allem Geringverdienende. Im Jahr 2014 betrug ihre Steuerlast – die Belastung durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge im Verhältnis zu den Arbeitskosten – 42,3 Prozent. Italien gehört damit zu den Ländern mit den höchsten Quoten. Der EU-Schnitt lag bei 34,9 Prozent, in der Schweiz betrug die Steuerlast für Geringverdienende 19,4 Prozent.

Dies alles führt dazu, dass immer mehr Italienerinnen und Italiener auf Kinder verzichten. Gleichzeitig nimmt die Zahl der älteren Personen zu. 13,5 Millionen oder 22,3 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt. Vor zehn Jahren waren es noch 2,2 Prozent weniger. Wenn Italien den Kinderschwund und die demografische Alterung stoppen will, muss sich etwas ändern. Zum Beispiel, indem Arbeitsplätze für die junge Generation geschaffen werden, namentlich vor allem für Frauen.

baz.ch/Newsnet

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