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Ausflug in ein gesättigtes Land

Unterwegs in Südbaden auf den Spuren eines Wahlkampfes im Stadium zwischen Reichtum, Neid und dem Hass.

Deutschland steht kurz vor einer Wahl, die die Menschen kaum bewegt.
Deutschland steht kurz vor einer Wahl, die die Menschen kaum bewegt.

Jenseits liegt Deutschland, Weil am Rhein, das Markgräflerland. Man nennt es wegen seiner sanften, Reben bewachsenen Hügel auch die Toskana Deutschlands. Ein solider Menschenschlag wohnt hier, der dieses «Schaffe, schaffe, Häusle baue und net nach de Mädle schaue, und wenn unser Häusle steht, dann gibts noch keine Ruh, dann sparen mir für ne Ziege und ne Kuh» als wesentlichestes Werte- und Kulturgut neben Wein und Brägele an die nächste Generation weitergibt. Das Häusle ist geblieben, die Markgräfler Frauen glauben an die Ehe, die Männer glauben ihnen, und aus der Ziege ist ein Zweitwagen geworden, aus der Kuh ein Swimmingpool. Wenn man fragt, ob man nicht auch sagt: «und den andern d Welt versaue», werden sie sauer, und antworten, die Zeilen bezögen sich auf die Schwaben und nicht auf die Badener, und wer den Unterschied nicht kennt: dort ist die Grenze.

Die ältere Dame mit rotem Jacket und Foulard, die am Containerdorf für Flüchtlinge vorbei spaziert, kommt aus dem Schwabenland, aus dem Irgendwo nördlich von Stuttgart. 1953 als kleines Mädchen ist sie nach Weil gekommen. «Seither weiss ich, wie es ist, hier Flüchtling zu sein.» Und? «Man gehört halt nicht dazu, so wirklich.» Ob das ihre Haltung zu den Flüchtlingen hier beeinflusst? «Na ja, irgendwohin müssen sie ja. Ich weiss, wovon ich spreche.»

Schneller als die Leute sich die Augen reiben konnten, nahm der Wert ihrer Eigentumswohnungen ab.

Irgendwohin, das sind in Weil am Rhein die Strassen um den Messeplatz in Weil. Schicke Gegend, das teuerste Bauland der Stadt, Luxuswohnungen für jene, die so viel geschafft haben, dass sie es geschafft haben. Und jetzt die Flüchtlingscontainer. Schneller als die Leute sich die Augen reiben konnten, nahm der Wert ihrer Eigentumswohnungen ab. «Ist ja nur für drei Jahre», sagt die ältere Dame, das habe der CDU-Oberbürgermeister versprochen. Aber weil in der Politik ja immer viel mehr versprochen werde als eingehalten, hätten die Leute jetzt Angst, dass das immer so bleibt, mit den Syrern und Afrikanern und was sonst noch alles.

300 Flüchtlinge haben Platz in den Containern. Gekommen sind erst ein paar. Stehen da vor dem Hauseingang neben den mit deutscher Ordentlichkeit in Reih und Glied montierten Briefkästen. Rauchen. Einer spricht Deutsch, sagt: «Deutschland gut. Friede.» Und: «Merkel gut. Wegen Grenze offen.» Ob ihn etwas störe an Deutschland. «Zimmer hier zu klein.» 7,5 Quadratmeter das kleinste, sagt eine finnische Mitarbeiterin der Stadtverwaltung.

«Es gab einen Tag der offenen Tür», sagt die ältere Dame. «Schön haben die es hier, von wegen klein. Die hätten mal sehen sollen, wie wir während des Krieges gelebt haben.»

«Aber ich kann dir sagen, dass die hier schön wohnen. Schöner als mancher Deutsche.»

Auf dem Vorplatz machen Bauarbeiter Mittagspause, und einer gibt gleich den Tarif bekannt: «Du kannst die Container nicht besichtigen. Da kommst Du nur rein, wenn du keinen Pass mehr hast. Aber ich kann dir sagen, dass die hier schön wohnen. Schöner als mancher Deutsche. Das ist Deutschland. Für uns machen die nichts mehr. Ich hab gehört, dass die Flüchtlinge hier 1700 Euro im Monat bekämen. Und ein Handy.»

«Ich hab zum Glück etwas gespart, das hat mein Mann gut gemacht», sagt die ältere Dame, «sonst würde es nicht reichen.» «1700 Euro, das glaub ich nicht», sagt die Frau. «Und wenn, dann wäre es natürlich ein Problem. Wie will man das den Rentern klarmachen, die sich nach 50 Jahren Arbeit nur noch die Sparangebote von Lidl leisten können?» Aber ihr bereite etwas ganz anderes Sorge, nämlich, dass sie gehört habe, dass die Flüchtlinge die schönen Betten aus dem Fenster werfen könnten, «weil, die sind es sich ja gewohnt, auf dem Boden zu schlafen, und weil sie ja denken, es sei hier zu eng, könnten sie schon auf die Idee kommen..»

Der Schuhmacher von der Hauptstrasse vorne hat sich die Containerflüchtlinge auch angeschaut. «Muss das sein, hier? Es gibt doch auch noch andere Länder.»

Muss, sagt die Finnin von der Stadtverwaltung. Es gäbe halt «Kontingäntä», und Weil am Rhein habe zu wenig Wohnraum. «Die Stadt zu verbreitern ist unmöglich; da die Grenze, dort der Rhein und hier der Tüllinger Hügel.»

«Was sie nicht gesagt hat», sagt Kathrin Kumar, die in Weil eine Gold- und Schmuckschmiede betreibt, «ist, dass ursprünglich geplant war, die Container nahe des Vitra-Design- Museums aufzustellen. Aber das wollten die nicht. Und Vitra zahlt tüchtig Gewerbesteuer…»

Jetzt sei Deutschland irgendwo im Stadium zwischen Reichtum, Neid und dem Hass.

Deutschland am 12. September 2017. Zwölf Tage vor der Bundestagswahl. Zwischen 10 und 17 Uhr. Ein kleiner Ausflug durch dieses Land jenseits der Grenze, das diesseits dazu dient, sich die Wohnung, den Kühlschrank und den Bauch vollzuschlagen. Ein Ausflug, für einmal nicht mit Euros in der Tasche, sondern mit Fragen im Gepäck.

Zehn Minuten Fahrt von der Grenze bis zum Gasthof Krone, zehn Wahlplakate links und rechts der Strasse, von CDU: «Dä packts a!» bis zur Marxistisch-Leninistischen-Partei: «Azadî bo Kurdistan!» (Freiheit für Kurdistan). «Ach, Politik», sagt Cali, der Koch, «leere Versprechungen. Und manchmal nicht mal mehr das, Versprechungen.» Er zitiert ein Chinesisches Sprichwort, um festzuhalten, wie das so läuft, nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt: «Auf Krieg folgt Frieden, dann Armut, dann Reichtum, dann Neid, dann Hass, dann wieder Krieg. Und jetzt sei Deutschland irgendwo im Stadium zwischen Reichtum, Neid und dem Hass. Und deshalb sei es gut, wenn eine Frau, das Land regiere: «Das beruhigt den Kreislauf.»

Aber Deutschland gehe es gut. Sehr gut, jammern auf hohem Niveau eben. Also zumindest den meisten in diesem Land ginge es gut. Nicht gut gehe es den Rentnern. 40, 50 Jahre arbeiten und dann kein Geld, Höchststrafe. Kein Wunder, dass viele nach Bulgarien flüchten würden. So ist das gelaufen in Deutschland; «einst kamen die Bulgaren wegen des Geldes zu uns, jetzt gehen wir wegen des Geldes zu ihnen.»

Bis zu Schuhmacher Stengel ist es nicht weit, fünf Wahlplakate, von Die Linke: «Sozial. Gerecht. Friede. Für alle» bis zur AfD: «Damit Baden-Württtemberg Heimat bleibt.» Der Schuhmacher winkt ab, AfD sei hier kein Thema. Ausser in Weil-Friedlingen, da beim Rheincenter. Weil es da nur noch einen Kebab-Laden nach dem andern gebe. Nähme ihn mal wunder, warum das so ist. Genauso wunder, weshalb in bester Wohnlage Flüchtlinge untergebracht werden. Offenbar guckt da niemand, oder der Stadt ist es egal. Ihm sei zu Ohren gekommen, die Türken seien dabei, Häuser zu kaufen in Friedlingen. Mit zinslosen Krediten von Erdogan.

«Wenn man in diesem Land etwas gegen Ausländer sagt, gilt man gleich als Nazi.»

Es sei ja recht, dass Deutschland Flüchtlinge aufnehme, aber übertreiben müsse man auch nicht. Deutschland sei kein Hotel. «Also, von der jetzigen Regierung halte ich nichts, diesen Kuschelkurs gegenüber der Türkei, das bringt doch nichts. Was mich auch ärgert, ist, wenn man in diesem Land etwas gegen Ausländer sagt, gilt man gleich als Nazi. Das kann doch nicht sein. Wir zeigen keine Fahne mehr. Oder nur noch im Fussball. Aber sonst, so grundsätzlich, ich fühl mich schon wohl hier.»

Die Strasse runter, zwölf Wahlplakate, von der Deutschen Mitte: «Kriegstreiber stoppen!» bis zu den Grünen «Unsere Demokratie muss verteidigt werden.» Kumar, die Goldschmiedin, mag Merkel, weil sie ihren Job macht und sich nicht provozieren lässt. Schulz sei viel zu marktschreierisch. Und ständig dieses Gerede vom kleinen Mann, das ist doch lächerlich, nachdem er Jahre lang in Strassburg den grossen Reibach gemacht habe.

«Diese Ruhe im Wahlkampf ist mir auch schon aufgefallen. Ich glaube, das ist der Preis des Wohlstandes. Je mehr Besitz, desto mehr Verlustängste, desto stärker der Hang nach Sicherheit, nach Bewährtem. Sattheit macht halt träge. Und Deutschland ist satt, es geht uns gut, hier, wenn du guggsch, was anderswo auf der Welt los ist.»

«Es ist unglaublich, was man alles tun muss, um nicht vom Staat behelligt zu werden und seiner Arbeit nachzugehen.»

Weiter hinten in der Weiler-Welt liegt Egerten. Schnellstrasse durch das Kandertal bis Wollbach, kaum mehr Plakate, sieht aus wie eine Landschaft, die keine Politik braucht, um blühen zu können. Hinter Wollbach liegt Egerten, wie über allem leise schwebend, ein bisschen verwunschen und ein wenig wie weltvergessen. Max Geitlinger ist hier zuhause. Führt das Gasthaus zum Hirschen, das er von seinen Eltern übernommen hat, und er ist Weinbauer, macht einen Wein, der hält, was er verspricht. «Essen und Wein, das ist meine Welt. Aber kümmern muss ich mich um mehr. Von Staates wegen. Es ist unglaublich, was man alles tun muss, um nicht von ihm behelligt zu werden und seiner Arbeit nachzugehen. Anstatt, dass ich von ihm unterstützt werde, behandelt er mich, als ob ich ein potenzieller Krimineller bin. Kein Vertrauen, alles muss man beweisen und belegen. Wenn du ein Grosskonzern bist, ist das natürlich anders. Als Kleiner bist du ganz klein in Deutschland und zählst nichts. Du zahlst nur. Am Liebsten würde ich eine ungültige Stimme abgeben, weil unterstützen mag ich niemanden. Ich habe gelegentlich das Gefühl, deutsche Politik, das sind Kinder im Sandkasten, für die es nichts Grösseres gibt, als die Burg des andern zu zertreten. Wer macht dann die Politik in Deutschland? Die Politiker? Wohl kaum. Die Vernunft, leider auch nicht. Es ist die Wirtschaft, sind die Lobbyisten, die die Macht haben.»

Zurück nach Weil, dorthin, wo es mehr Reklame- als Wahlplakate gibt, in das Eldorado für Einkaufstouristen und das Zentrum des Kebabs; eintauchen in den Dunstkreis um das Rheincenter herum. Anatolien trifft AfD oder umgekehrt. Es ist nachmittags um vier im türkischen Imbiss-Lokal. Nicht viel los. Ein paar deutsche Arbeiter holen sich einen Döner, draussen sitzen zwei türkische Jungmänner.

«Ich sage Dir, warum immer mehr Deutschtürken Erdogan mögen. Nicht wegen der Kredite. Sondern, weil er uns respektiert.»

Einer hat eine Wunde im Gesicht. Sie fängt über dem Auge an und endet auf dem Wangenknochen: «Messer?», fragt man. «Frau», ist die Antwort, «türkische Frau, die besten der Welt.» Im grossen Hinterhof hat er seinen Wagen geparkt, BMW mit breiten Reifen und Edelfelgen: «BMW, die besten der Welt», sagt er. Zu den zinslosen Erdogan-Krediten sagt er nichts, und dem Geplänkel zwischen Deutschland und der Türkei auch nicht viel, ausser dass Deutschland keinen Respekt habe vor Erdogan. «Und wenn du keinen Respekt hast, wie soll der andere Respekt haben mit dir?»

An einem Tisch drin sitzt ein Mann in schwarzem Anzug und Goldringen und von unzähligen Marlboros angegilbten Fingern. Der Typ, der ein fettes Bündel gefalteter 50-Euro-Scheine in der Hosentasche trägt. «Ich sage Dir, warum immer mehr Deutschtürken Erdogan mögen. Nicht wegen der Kredite. Sondern, weil er uns respektiert. Hier in Deutschland sind wir Türken, in der Türkei sind wir Alemandschis, so die reichen Sacktürken aus Deutschland eben. Oder wir sind das gewesen, bis Erdogan kam und begann, sich um uns zu kümmern. Aber deine Frage war, ob ich wählen gehe. Nein. Nicht wegen Erdogan. Sondern weil es keine Rolle spielt für uns, wer dieses Land regiert.» Und dann noch einen Metzger getroffen: «Deutschland? Deutschland ist auch nur ein Stück Fleisch, das man gut braten kann oder eben nicht.»

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