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Auch Londons Polizei-Vize wirft das Handtuch

Und schon der nächste Rücktritt im britischen Abhörskandal rund um die «News of the World»: Der stellvertretende Londoner Polizeichef John Yates hat seinen Posten zur Verfügung gestellt.

Einen Tag nach dem Rücktritt des Chefs der Londoner Polizei hat auch dessen Stellvertreter auf die Abhöraffäre reagiert und den Hut genommen. Der zweithöchste Beamte bei Scotland Yard, John Yates, gab heute seinen Rücktritt bekannt.

Yates hatte 2009 entschieden, im Skandal um abgehörte Telefone bei Rupert Murdochs Blatt «News of the World» die Ermittlungen nicht wieder aufzunehmen.

Polizei war darin verwickelt

Vergangene Woche hatte er vor einem Parlamentarier-Ausschuss betont, Murdochs britisches Unternehmen News International habe nicht genug Informationen zur Verfügung gestellt. Erst im Frühling 2010 hatte die Polizei den Fall wieder aufgerollt.

Gestern war bereits der Londoner Polizeichef Paul Stephenson zurückgetreten, nachdem bekanntgeworden war, dass er sich eine Kur zum Teil hatte bezahlen lassen. Dabei soll ein ehemaliger News-International-Journalist die Finger mit im Spiel gehabt haben.

Abgeordnete dürfen nicht in die Ferien

Der britische Premierminister David Cameron hat angesichts des Abhörskandals am Montag einen Aufschub der Sommerpause des Parlaments gefordert. Planmässig beginnt die sitzungsfreie Zeit der Abgeordneten morgen. Es sei jedoch sinnvoll, wenn das Parlament noch einmal am Mittwoch zusammenkäme, damit er eine weitere Stellungnahme abgeben könne, sagte Cameron während eines Aufenthalts in Südafrika.

Ursprünglich sollte die Reise länger dauern. Doch nach den jüngsten Ereignissen verkürzte Cameron sie. Morgen sollen Medienmogul Rupert Murdoch, sein Sohn James und die Ex-Chefin der britischen Zeitungssparte des Medienunternehmens NewsCorp, Rebekah Brooks, vor dem britischen Parlament aussagen. Dabei wird es wohl nicht nur um abgehörten Telefonate und bestochene Polizisten, sondern auch um das Verhältnis der Regierung zu Murdoch und seinen Medien gehen.

Brooks fühlt sich unschuldig

Das Erscheinen von Brooks vor dem Parlament war nach ihrer Festnahme gestern zunächst fraglich gewesen. Die 43-Jährige wurde nach rund zwölf Stunden in Gewahrsam gegen Kaution freigelassen, wie Scotland Yard in der Nacht zum Montag bekanntgab. Als ehemalige Chefin des britischen Verlags News International und Ex-Chefredakteurin des eingestellten Skandalblatts «News of the World» ist Brooks eine der Protagonisten der Affäre.

Ihr Anwalt Stephen Harrison teilte mit, Brooks habe sich keines Vergehens schuldig gemacht. Er drohte der Polizei damit, sie werde Fragen darüber beantworten müssen, warum seine Mandantin festgenommen worden sei. Dadurch habe Brooks Ruf Schaden genommen.

Cameron in Schwierigkeiten

Brooks gilt nicht nur als enge Vertraute Murdochs, sie ass an Weihnachten mit dem britischen Premierminister David Cameron zu Abend. Dessen konservative Regierung sieht sich nun zunehmend Fragen über ihre Beziehung zum Medienimperium Murdochs ausgesetzt.

Die Regierung habe ihren Teil dazu getan, dass eine ausreichend ausgestattete Untersuchung den Fehlern der Zeitung, ihrer Beziehungen zu Politikern und Polizei auf den Grund gehen könne, sagte Cameron. Allerdings steht der Premierminister nach dem Rücktritt des Londoner Polizeichefs Paul Stephenson und der Festnahme seiner Freundin Brooks auch persönlich unter Druck. Gestern trat auch Stephensons Stellvertreter John Yates zurück. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson erklärte, Yates sei zurückgetreten, nachdem ihm mit der Suspendierung gedroht worden war.

Stephenson nahm wegen seiner Verbindungen zu einem in den Anhör- und Bestechungsskandal verwickelten früheren Journalisten der «News of the World» seinen Hut. In seiner Erklärung feuerte er allerdings auch einige Spitzen gegen Cameron ab, der den früheren «News of the World»-Chefredakteur Andy Coulson zu seinem Kommunikationschef machte. Die Situation der Politik und der Polizei sei allerdings nicht vergleichbar, sagte Cameron. Die Bestechungsvorwürfe hätten einen direkten Effekt auf die Glaubwürdigkeit der Polizeiermittlungen, sagte er.

Ausweitungen der Ermittlungen

Mit der Festnahme Brooks' rückten die polizeilichen Ermittlungen zur Abhöraffäre erstmals in den inneren Kreis des Medienmoguls. Möglicherweise könnten als Nächstes auch Les Hinton, der am Freitag zurückgetretene Vorstandschef des zur NewsCorp gehörenden US-Verlags Dow Jones & Company, und Murdochs 38-jähriger Sohn, James Murdoch, ins Visier der Ermittler geraten. Hinton war zwölf Jahre für News International verantwortlich. James Murdoch leitet die Geschäfte der NewsCorp in Europa und Asien. Der 38-Jährige genehmigte Zahlungen an einige der bekanntesten Opfer der Abhöraktionen der «News of the World».

Ausserdem droht ihm in den USA weiteres Ungemach. Inzwischen ermittelt auch die US-Bundespolizei FBI gegen Murdochs Konzern, um herauszufinden, ob Journalisten der NewsCorp Telefone von Opfern der Terroranschläge vom 11. September oder deren Angehörigen angezapft hatten. Die britische Strafverfolgungsbehörde für schwere Betrugsdelikte teilte mit, sie werde die Vorwürfe in dem Abhörskandal umfassend untersuchen, sich allerdings auf die NewsCorp-Aktivitäten in Grossbritannien beschränken. Man sei jedoch zu einer Zusammenarbeit mit den US-Behörden bereit.

Den 80-jährigen Rupert Murdoch hat der Abhörskandal nicht nur eine Zeitung - die «News of the World» – gekostet. Er musste auch sein Angebot zur Übernahme des Fernsehsenders British Sky Broadcasting (BSkyB) zurückziehen. Die lukrativsten Unternehmensteile von NewsCorp, etwa der TV-Sender Fox, die 20th Century Fox Filmstudios oder die Zeitungen «Wall Street Journal» und «New York Post», sind allerdings in den USA ansässig.

dapd/bru

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