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Auch eine Ex-Stierkämpferin auf der bunten Macron-Liste

Die Hälfte der En-Marche-Kandidaten für die Parlamentswahl im Juni sind Politnovizen. In der Theorie spannend, aber in der Realität heikel, meinen Skeptiker.

Acht Köpfe der bunten Macron-Liste für die Parlamentswahlen: (obere Reihe von links) Jean-Michel Fauvergue, Ex-Kommandant der Polizei-Elitetruppe Raid; Marie Sara, ehemalige Stierkämpferin und Stierzüchterin; Bruno Bonnell, Unternehmer und Computerspieleentwickler; Laurence Vichnievsky, Staatsanwältin; sowie (untere Reihe von links) Gaspard Gantzer, Kommunikationsdirektor des abtretenden Präsidenten François Hollande; Cédric Villani, Star-Mathematiker; François de Rugy, Grünen-Abgeordneter; Benjamin Griveaux, Sprecher der Bewegung En Marche.
Acht Köpfe der bunten Macron-Liste für die Parlamentswahlen: (obere Reihe von links) Jean-Michel Fauvergue, Ex-Kommandant der Polizei-Elitetruppe Raid; Marie Sara, ehemalige Stierkämpferin und Stierzüchterin; Bruno Bonnell, Unternehmer und Computerspieleentwickler; Laurence Vichnievsky, Staatsanwältin; sowie (untere Reihe von links) Gaspard Gantzer, Kommunikationsdirektor des abtretenden Präsidenten François Hollande; Cédric Villani, Star-Mathematiker; François de Rugy, Grünen-Abgeordneter; Benjamin Griveaux, Sprecher der Bewegung En Marche.
AFP

Die Anfrage erhielt sie von Emmanuel Macron persönlich. Und nach ein paar Stunden Bedenkzeit sagte Marie Sara zu. Die 52-jährige Südfranzösin kandidiert für die Macron-Bewegung bei den Parlamentswahlen am 11./18. Juni. Sie gehört zu jener Hälfte der En-Marche-Kandidaten, die noch nie in ein politisches Amt gewählt worden sind. Auch Vertreter der Zivilgesellschaft sollen in die Nationalversammlung in Paris einziehen. Der neue Staatschef hat eine politische Erneuerung Frankreichs versprochen.

Unter den Polit-Neulingen von En Marche gehört Marie Sara zu den wenigen Kandidaten mit landesweiter Berühmtheit. In jungen Jahren sorgte sie als Stierkämpferin für Schlagzeilen. Anfang der 1990er-Jahre war sie Europas einzige «Rejoneadora» – eine reitende Stierkämpferin. Bekanntheit erlangte sie aber auch durch ihre Heirat mit dem Tennisspieler Henri Leconte. Ihr zweiter Ehemann, der Unternehmer und Filmproduzent Christophe Lambert, starb letztes Jahr an Krebs. Die Mutter von drei Kindern arbeitet heute als Stierzüchterin und Leiterin von zwei Stierkampfarenen in der Camargue.

Im Wahlkreis Gard 2 im Südwesten Frankreichs soll Sara nun ein Parlamentsmandat gewinnen. Ihr Widersacher ist der amtierende Abgeordnete Gilbert Collard, der dem Front-National-Ableger RBM (Rassemblement bleu Marine) angehört. Sie freue sich auf den «schönen Kampf» gegen Collard, sagte Sara der Nachrichtenagentur AFP. Sie fühle sich in den Kampfarenen wohl. Mit ihrer Kandidatur wolle sie Collards Wiederwahl verhindern und für die Werte von En Marche kämpfen.

Von der Stierkampf- in die politische Arena: Marie Sara, Kandidatin für die französische Nationalversammlung.
Von der Stierkampf- in die politische Arena: Marie Sara, Kandidatin für die französische Nationalversammlung.

«La République en Marche», wie sich die Bewegung neuerdings nennt, hat am Donnerstag ihre ersten 428 Kandidaten für die 577 Sitze in der Nationalversammlung bekannt gegeben. Die Kandidatenliste, die bis Mittwoch vervollständigt werden soll, ist eine Ansammlung von spannenden Biografien. Einer der Kandidaten ist Jean-Michel Fauvergue, Ex-Kommandant der Polizei-Elitetruppe Raid, die jene IS-Zelle ausschaltete, die für die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris verantwortlich gewesen war. Eine andere Kandidatin ist Claire Tassadit Houd, deren Schwester bei den Pariser Attentaten ums Leben kam. Für die Macron-Bewegung geht zudem der in Frankreich bekannte Mathematiker Cédric Villani ins Rennen. Villani ist Träger der Fields-Medaille, einer Art Nobelpreis der Mathematiker.

Auch einige Getreue des neues Staatspräsidenten finden sich auf der Kandidatenliste, etwa der En-Marche-Sprecher Benjamin Griveaux oder der Wahlkampfmanager Mounir Mahjoubi. Als Ersatzkandidatin wurde zudem eine Stieftochter von Macron, Tiphaine Auzière, aufgestellt, was aber zu Polemiken geführt hat. Kandidieren wird auch der «Territorialreferent» von En Marche in der Schweiz, Joachim Son-Forget. Der 34-jährige Franzose ist Arzt am Lausanner Universitätsspital und lebt in Genf.

Bauer Moreau: «Ich will kein professioneller Politiker werden»

Ausserdem kandidieren eine Kampfjetpilotin, ein Afrika-Reporter, ein Rugby-Club-Präsident, ein Anti-Korruptions-Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Handwerker, Studenten, Arbeitslose, Rentner sowie Bauern. So zum Beispiel Jean-Baptiste Moreau, ein 40 Jahre alter Landwirt, der um einen Abgeordnetensitz für die Creuse-Region in Zentralfrankreich kämpft. Die Persönlichkeit von Macron habe ihn motiviert, mitzumachen. «Wenn ich gewählt werde, will ich kein professioneller Politiker werden», sagt Moreau. Er würde nur eine oder zwei Amtszeiten bleiben.

Eine Kandidatin «von unten» ist auch Mireille Robert, Rektorin einer Grundschule in einem 1000-Seelen-Dorf in der Region Aude im Südwesten Frankreichs. Die 55-Jährige wird gegen ein lokales Schwergewicht der Sozialisten antreten. Der Kampf gegen den Extremismus sei ihre Hauptmotivation für ihren Weg in die Politik gewesen.

Ebenfalls auf der Wahlliste für die Nationalversammlung: Joachim Son-Forget, En-Marche-Vertreter in der Schweiz.
Ebenfalls auf der Wahlliste für die Nationalversammlung: Joachim Son-Forget, En-Marche-Vertreter in der Schweiz.

Die En-Marche-Kandidaten geben einen Einblick in Macrons Graswurzelbewegung im Start-up-Stil, die Politiker ausserhalb der üblichen Kreise rekrutieren möchte. «Unsere Kandidaten stehen für eine Rückkehr des Bürgers in das Herz des politischen Lebens», sagte En-Marche-Generalsekretär Richard Ferrand.

Ex-Premier Valls darf nicht auf En-Marche-Liste

Die Macron-Wahlliste ist auch aus anderen Gründen aussergewöhnlich. Das Durchschnittsalter der Kandidaten liegt bei 46 Jahren – und damit fast 15 Jahre unter dem der bisherigen Nationalversammlung. Die Verteilung der Geschlechter ist 50 zu 50 – paritätisch, wie von Macron versprochen. Die Kandidaten sind aus über 19'000 Bewerbungen ausgewählt worden. Interessenten mussten ihren Lebenslauf vorlegen, ein Motivationsschreiben verfassen und in Gesprächen persönlich und politisch überzeugen. Kritiker von En Marche fühlten sich an eine Castingshow erinnert.

Nur fünf Prozent der Kandidaten waren zuvor schon einmal nationale Abgeordnete, die meisten von ihnen für die Sozialisten. Keinen Platz unter den Kandidaten fand Manuel Valls. Der Ex-Premier, der formell noch den Sozialisten angehört, wurde unter anderem abgelehnt, weil er bereits über drei Amtszeiten hinweg Abgeordneter gewesen ist. Ausserdem ist Valls eng mit der Amtszeit des unpopulären Staatschefs François Hollande verknüpft. En Marche wird allerdings in Valls’ Wahlkreis keinen Gegenkandidaten aufstellen. «Man schlägt einem ehemaligen Premierminister nicht die Tür vor der Nase zu», sagte Ferrand. Der Fall Valls sei einzigartig.

Positives Echo in der Bevölkerung

Bei den Franzosen stösst die Kandidatenliste von La République en Marche mit den vielen Politikneulingen auf ein positives Echo: Laut einer Umfrage von Atlantico und Harris Interactive halten 76 Prozent der Befragten die Kandidatenwahl für positiv.

In die allgemeine Euphorie um Macrons Bewegung mischt sich aber auch Skepsis. Zweifel äussert zum Beispiel die Zeitung «Dépêche du Midi» aus Toulouse: «Emmanuel Macron will sich auf zahlreiche ‹Unbekannte› stützen, um die Politik Frankreichs zu erneuern und zu verjüngen. In der Theorie ist das verlockend. In der Praxis heikel. Denn die Politik bleibt ein harter Job. Und in der Vergangenheit haben sich viele Vertreter der Zivilgesellschaft daran die Zähne ausgebissen.» Ähnlich äusserten sich auch andere Kommentatoren sowie Politikwissenschaftler.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur SDA.

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