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Atomare Katastrophe: So reagiert die Welt

In Deutschland hat das Atomunglück in Japan Angst ausgelöst. Angela Merkel lässt die ältesten Atomkraftwerke abschalten. In vielen anderen Ländern werden die Ereignisse in Fernost deutlich gelassener gesehen.

Die atomare Katastrophe nimmt ihren Lauf: Explosion in Fukushima I, 15. März.
Die atomare Katastrophe nimmt ihren Lauf: Explosion in Fukushima I, 15. März.
Keystone

Deutschland

Deutschland stellt sechs alte Kernkraftwerke vorübergehend ab. Eines wird für immer stillgelegt. Die Regierungsparteien versuchen so, eine drohende Wahlniederlage abzuwenden. Die Kanzlerin spricht von einer «Zäsur» – und untertreibt. Es ist eine spektakuläre Kehrtwende, die sie in ihrer Atompolitik vollzieht. Noch im Herbst hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung die Laufzeiten der deutschen Meiler gegen heftigen Widerstand um durchschnittlich 12 Jahre verlängert. Jetzt sollen die 7 ältesten der insgesamt 17 Atomkraftwerke im Land unverzüglich vom Netz genommen werden – mindestens für drei Monate.

Betroffen seien alle Anlagen, die vor 1980 in Betrieb genommen wurden, erklärte die Kanzlerin gestern. «Sicherheit hat in allen unseren Betrachtungen Vorrang.» Bereits am Montag hatte Angela Merkel ein dreimonatiges Atom-Ultimatum verkündet. Die erst kürzlich beschlossene Laufzeitverlängerung wird bis Mitte Juni sistiert. Während dieser Zeit sollen alle Atomanlagen einer umfangreichen Sicherheitsprüfung unterzogen werden. Unklar blieb zunächst, ob und wenn ja welche der abgeschalteten Reaktoren später wieder ans Netz dürfen. (TA)

Russland

Ungeachtet der Atomkatastrophe in Japan hat Russland demonstrativ den Bau des ersten Kernkraftwerks in der Ex-Sowjetrepublik Weissrussland mit der Führung in Minsk besiegelt. «Die Kernenergie selbst wird sich natürlich weiter entwickeln», sagte Regierungschef Wladimir Putin in Minsk. Zwar sollten aus der Tragödie in Japan Rückschlüsse für die weitere Sicherheit von Atomkraftwerken gezogen werden. Die Kernkraft selbst sei aber Teil der weltweiten Energiebalance, sagte Putin nach Angaben der Agentur Interfax.

Russland baue heute Reaktoren mit modernen Sicherheitssystemen, bei «denen im Störfall keine Menschen mehr eingesetzt werden müssen, um die Folgen zu beseitigen, sagte Putin. Es gebe heute auf der Welt schon ausgereiftere Kraftwerke als diejenigen, die in Japan nun von Explosionen und Bränden betroffen sind und aus den 1970er Jahren stammten. Bis zum Jahr 2030 sollen allein in Russland 26 neue Atomreaktoren gebaut werden. Moskau strebt auf dem weltweiten Markt für Atomenergie eine führende Position an.

Indonesien

Indonesien zeigt sich unbeeindruckt von dem Störfall im japanischen Atomkraftwerk von Fukushima und hält an seinen Plänen für den Bau eines Atomkraftwerks mit vier Reaktoren fest. Indonesien mit seinen 237 Millionen Menschen benötige dringend alternative Energiequellen, sagte Ferhat Aziz, Sprecher der indonesischen Atomenergiebehörde. In den indonesischen Reaktoren werde Technologie verwendet, die 40 Jahre moderner sei, als die in dem japanischen Unfallreaktor verbaute, sagte Aziz. Deshalb sei das geplante Kraftwerk sicherer.

Bis zum Jahr 2022 sollen auf der Insel Bangkai vor der Küste Sumatras vier Reaktoren entstehen. Ebenso wie Japan liegt Indonesien im pazifischen «Feuerring» mit zahlreichen Vulkanen, in dem Verschiebungen von Erdplatten immer wieder zu Erschütterungen führen. Dort ereignen sich 90 Prozent aller Erdbeben weltweit. (dapd)

USA

Noch am Wochenende, als sich in Japan schon die nukleare Katastrophe anbahnte, war Mitchell Singer zuversichtlich: «Ich glaube nicht, dass das einen grösseren Einfluss auf die Vereinigten Staaten haben wird», machte sich der Sprecher des Verbands der amerikanischen Atomindustrie Mut. Mittlerweile aber wird angesichts des schweren AKW-Unfalls in Japan auch in den USA, wo 104 Atommeiler rund ein Fünftel des gesamten Stroms erzeugen, laut über die Zukunft der Atomindustrie nachgedacht. Und von einer Wiederbelebung der nuklearen Industrie, die sich von dem schweren Zwischenfall im Kraftwerk Three Mile Island 1979 nie wirklich erholte, kann keine Rede mehr sein.

Die Vorgänge in Japan seien «ein schwerer Rückschlag für die sogenannte Renaissance der Nuklearindustrie; Bilder eines explodierenden Kernkraftwerks im Fernsehen hat es noch nie gegeben», sagt Peter Bradford, ein ehemaliger Direktor der US-Aufsichtsbehörde NRC.

Die Regierung Obama hat Kreditgarantien in Höhe von 36 Milliarden Dollar für den Bau neuer Atommeiler zugesagt und will die republikanische Opposition bis 2030 gar bis zu 200 neue Kraftwerke in Betrieb nehmen, doch entpuppten sich solche Vorstellungen bereits vor Fukushima als Wunschvorstellungen. Derzeit soll ein seit langem in Bau befindlicher Meiler in Tennessee fertiggestellt werden, vier weitere Reaktoren sind in Georgia und South Carolina geplant. Darüber hinaus aber dürfte Atomstrom keinen Aufschwung erfahren, zumal nach der Katastrophe der Ruf lauter werden wird, die vier Reaktoren in der kalifornischen Erdbebenzone abzuschalten und ältere AKW von der gleichen Bauart wie in Fukushima einzumotten. (TA)

Frankreich

«Viel sicherer» – so wähnt Nicolas Sarkozy Frankreichs Atomkraftwerke. Vor Parteikollegen sagte der Präsident laut der Zeitung «Le Parisien»: «Frankreich ist das Land, das den am besten gesicherten Nuklearpark hat.» Damit wollte er eine Debatte kontern, die von den Grünen unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan lanciert worden war. Frankreich generiert 75 Prozent seines Strombedarfs aus insgesamt 58 Reaktoren. 34 dieser Reaktoren sind veraltet und potenziell störanfällig. Doch die Sorge der Umweltschützer wurde bislang trotz regelmässiger, kleiner Unfälle als folkloristisch belächelt.

Laut wurde die Skepsis auch deshalb nicht, weil alle grossen Parteien stets hinter der Atomindustrie standen. Sie ist Teil des französischen Nationalstolzes. Frankreich exportiert nicht nur Atomstrom, sondern auch Technologie, verlor unlängst aber eine Reihe internationaler Bieterwettbewerbe mit seinem neuen Druckwasserreaktor EPR. Für Sarkozy ist das ein Beleg für die Sicherheit der Technologie: «Wir sind teurer, weil wir sicherer sind. Es kommt überhaupt nicht infrage, dass wir aus der Nuklearenergie aussteigen.» (TA)

Indien

Angesichts der dramatischen Schwierigkeiten in japanischen Atomanlagen hat der indische Ministerpräsident Manmohan Singh am Montag eine Überprüfung aller eigenen Reaktoren angekündigt. Er habe die Atomenergiebehörden und die staatliche Betreiberfirma angewiesen, die Sicherheitssysteme zu kontrollieren, sagte Singh vor Parlamentariern. Es solle geprüft werden, ob die Reaktoren Ereignissen wie einem Erdbeben oder einem Tsunami standhalten könnten. Indien verfügt über 20 Atomkraftwerke, die meisten davon stehen entlang der Küste.

China

Als Konsequenz aus der Atomkatastrophe in Japan unterzieht China alle seine Nuklearanlagen einer Sicherheitsprüfung. Wie der Staatsrat am Mittwoch nach einem Krisentreffen zur Lage in Japan und möglichen Folgen für China erklärte, wurden zudem die Genehmigungen für den Bau neuer Atomkraftwerke in dem Land vorübergehend auf Eis gelegt. Die Massnahmen sähen eine «sofortige und umfassende Kontrolle der nuklearen Sicherheitsstrukturen», die «temporäre Aussetzung von Genehmigungen für neue Projekte» sowie eine Untersuchung aller im Bau befindlichen Anlagen vor, hiess es in der Erklärung des höchsten Regierungsorgans. «Die Sicherheit hat jetzt oberste Priorität.»

China betreibt derzeit 13 Atomreaktoren. Für den Bau von 34 weiteren Anlagen gab die Regierung bereits grünes Licht, 26 davon werden schon gebaut. Bereits am Wochenende hatte Peking erklärt, trotz der schweren Unfälle im japanischen Akw Fukushima 1 selbst an der Atomkraft festzuhalten, um den Energiebedarf der Bevölkerung zu decken.

Türkei

Die türkische Regierung hält an ihren Plänen für den Bau von zwei Atomkraftwerken fest. Energieminister Taner Yildiz wies darauf hin, dass die Türkei die neueste Technologie einsetzen werde, während die bei dem Erdbeben in Japan zerstörten Anlagen aus dem Jahr 1971 stammten.

EU

Die EU-Kommission will eine schnelle Überprüfung der Sicherheitsstandards in Europa. Nach Angaben von EU-Energiekommissar Günther Oettinger sollen alle Atomkraftwerke einem Stresstest unterzogen werden - dabei geht es unter anderem um die Frage, wie sie gegen Terrorangriffe und Stromausfälle gewappnet sind. Die Kommission hat in der Atomaufsicht allerdings nur geringe Kompetenzen. Für Lizenzen und Kontrollen der Werke sind die Staaten zuständig, sie treffen auch die Grundsatzentscheidung für oder gegen Kernenergie.

Italien

Trotz der Atomunfälle in Japan hält die italienische Regierung an der geplanten Rückkehr zur Atomenergie fest. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl beschloss Italien den Ausstieg aus der Atomkraft, doch muss es seitdem teuren Strom importieren. Deshalb will Ministerpräsident Silvio Berlusconi neue Atomkraftwerke bauen lassen - allerdings war schon vor den Unfällen in Japan eine Mehrheit der Bevölkerung dagegen. Voraussichtlich im Juni wird es ein Referendum geben.

Belgien

In Belgien führen die Atomunfälle womöglich zu einer Revision geplanter Laufzeitverlängerungen. Belgien hatte 2003 beschlossen, seine sieben Reaktoren zwischen 2015 und 2025 zu schliessen. Eine neue Regierung vereinbarte 2009 dann aber eine Verlängerung für die drei ältesten Reaktoren. Das Parlament hat diese allerdings noch nicht gebilligt.

Polen

Warschau will am geplanten Atom-Einstieg festhalten. Das Programm sei «unverzichtbar», um die Stromversorgung in den kommenden Jahrzehnten zu sichern, erklärte die Regierung am Montag. Derzeit gibt es in Polen kein Atomkraftwerk, 94 Prozent des Stroms werden in Kohlekraftwerken produziert. Geplant sind vorerst zwei AKW.

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