Also doch die Nazikeule

Duplik auf den Beitrag von Roland Stark vom 16. Oktober.

Nun ist Stark selbst der Versuchung erlegen, die Nazikeule zu schwingen, um den Hitler-Vergleich mit Alexander Gauland zu rechtfertigen.

Nun ist Stark selbst der Versuchung erlegen, die Nazikeule zu schwingen, um den Hitler-Vergleich mit Alexander Gauland zu rechtfertigen.

(Bild: Keystone)

Roland Stark will Juden vorschreiben, was sie zu denken haben. Warum auch nicht: Er marschiert damit in strammem Gleichschritt mit seiner Partei, die sogar bestimmen will, was Juden essen dürfen und was nicht, denn die SP fordert ein Importverbot von Koscher-Fleisch. Eine Massnahme, von der Charlotte Knobloch (die ich persönlich gut kenne) zu Recht sagen würde, dass sie «jüdisches Leben in der Schweiz unmöglich macht».

Aber selbstverständlich ist die SP, im Gegensatz zur AfD, gänzlich unverdächtig, eine «Nazi-Partei» zu sein. Wer würde hinter dem Aufruf von SP-Nationalrat Cédric Wermuth, Israel aus der Fifa auszuschliessen, dem antiisraelischen Gepolter von SP-Nationalrat Carlo Sommaruga, vertreten mit Foto auf der Website der antisemitischen BDS-Bewegung, dem Ruf der SP-Nationalrätin Marina Carobbio Guscetti nach einem Einführverbot israelischer Produkte oder SP-Nationalrat Mathias Reynards Bezeichnung von Juden als «Shoah-Märtyrer», die «unter der Ägide der Vereinigten Staaten» vom Westen «systematisch bevorzugt» würden, ein Ressentiment gegen Juden verorten?

Wo Antisemitismus doch explizit und ausschliesslich Braun zu sein hat, keinesfalls Rot. «Weg mit der Nazikeule!» schulmeisterte der pensionierte Lehrer Stark einst in der BZ Basel. Mit derartigen «Entgleisungen» würde ein «historisch einzigartiges Ereignis relativiert».

Nun ist er selbst der Versuchung erlegen, die Nazikeule zu schwingen, um den Hitler-Vergleich mit Alexander Gauland zu rechtfertigen.

Wild zusammengewürfelte Zitate

Stark beklagt in seiner Replik «wild zusammengewürfelte Zitate», repliziert aber seinerseits mit wild zusammengewürfelten Zitaten. Da ist es nur konsequent, dass ich wiederum mit wild zusammengewürfelten Zitaten dupliziere, allesamt Online-Kommentare zu Starks Replik. Ob sich unter den Kommentierenden Historiker oder Holocaust-Überlebende befinden, kann ich nicht beurteilen. Die Einordnung der Thematik gelingt ihnen jedoch einiges besser als dem roten Roland.

Mark Sonderegger: Betrachtet Herr Stark die BaZ-Leser als derart autoritätsgläubig, dass er einen Artikel schreibt, der praktisch nur aus Aneinanderreihungen verschiedener Zitate Dritter und wild durcheinandergewürfeltem Name-dropping besteht?

Christoph Immoos: «Braune Wolken»? Starks billige Nazikeule ist eine Beleidigung und eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern der Nazis. Der gängige Vergleich Gaulands mit Hitler ist skandalös.

Jean Gut: Ein solch blinder, den medialen Einheitsbrei hofierender Artikel ist eigentlich unter deiner Würde, liebe BaZ. Genauso wie dieser widerliche, vorverurteilende Titel. (…) Als eine der letzten Zeitungen, welche eine ausgewogene Berichterstattung zulässt, würde ich behaupten, könnt ihr das eigentlich besser.

57 Millionen Opfer

Jürgen Ammon: In einem Interview auf Phoenix hat Herr Wolffsohn sich folgendermassen geäussert: Phoenix: «Wenn Herr Gauland von der AfD sagt, er will nicht als Nazi bezeichnet werden, würden Sie das unterstützen?» Wolffsohn: «Da hat er völlig recht. Mit dem Etikett Nazi sollte man vorsichtig sein, denn man hat es seit den späten 60er-Jahren so inflationiert, dass der Hammer gar nicht mehr wirkt. Der Nationalsozialismus war eine mörderische, eine verbrecherische Organisation, die 57 Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. Gucken Sie sich die Entstehung und Machtergreifung der Nationalsozialisten an und vergleichen Sie es mit der AfD – das ist schlicht und ergreifend inakzeptabel. Also: Schluss mit dem Unsinn!» Herr Wolffsohn erscheint hier in einem etwas anderen Licht, als Sie es vermitteln wollen.

André Kleiber: Auch plakative Überschriften wie «Eng an Hitler angeschmiegt» machen Starks Artikel in keinster Weise glaubhafter.

Frau Knobloch, zwei renommierte Historiker, Wolfgang Benz, bis 2011 Professor an der Technischen Universität Berlin. Man könnte für AfD konforme Meinungen ein nicht minder illustres «Who’s who» ins Feld führen. Es ist einfach nicht damit getan, vermeintliche Autoritäten als Referenzen zu zitieren.

Christian Weiss: In dieser Replik sehe ich kein konkretes Faktum, das David Kleins Kommentar widerlegt, sondern nur: «Andere haben Gauland auch einen Nazi genannt, also stimmt es.» Mit Verlaub, aber das ist argumentativ reichlich dünn.

Kaspar Tanner: Letzten Sonntag gab es einen Beitrag in der «Sonntagszeitung» (ein Tamedia-Blatt und somit völlig unverdächtig) mit dem Titel «Unter ‹Du Hitler!› geht’s nicht mehr». Der Autor verwies auf Blogger, die nachwiesen, dass genau die Gauland-Feststellungen, die der Tagesspiegel als Nazi-verdächtig deklariert, um 2016 von – richtig! – dem Tagesspiegel gemacht wurden!

Zweck heiligt die Mittel

Ruth Bracha: Mir fällt auf, dass auch Sie, Herr Stark, mit «zusammengewürfelten Zitaten» arbeiten. Frau Knobloch, Herr Benz, Herr Wolffsohn. Warum sind Ihre Zitate relevant und angemessen und die von Herrn Klein nicht?

Tja, Herr Stark, das waren wohl eher nicht die Akkoladen, die Sie sich erhofft hatten, als Sie auszogen, um der BaZ-Leserschaft – ich erlaube mir Thomas Grossenbacher zu zitieren: «polemisch und intolerant» das Heil der politisch korrekten Meinungseinfalt nahezubringen. Glücklicherweise hat derartiger Gesinnungsterror bei informierten Leser/innen keine Chance.

Doch wie sagten Sie so treffend in der BZ Basel: «Der meist kühl kalkulierte Tabubruch führt fast immer zum gewünschten Ergebnis. Provokation, ausführliche Berichterstattung, Empörung, Leserbriefe, noch mehr Medienaufmerksamkeit. Ziel erreicht, der Zweck heiligt die Mittel.»

Basler Zeitung

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