«Als wir das Massengrab suchen wollten, sagte Tirana: Nein!»

Carla Del Ponte verdächtigte schon vor zwei Jahren die UCK des Organhandels. Im Interview nennt die Ex-Chefanklägerin am Jugoslawien-Tribunal Beweise und spricht über Behinderungen bei den Ermittlungen.

Fühlt sich bestätigt: Carla Del Ponte, Ex-Chefanklägerin am Jugoslawien-Tribunal.

Fühlt sich bestätigt: Carla Del Ponte, Ex-Chefanklägerin am Jugoslawien-Tribunal.

(Bild: Keystone)

Frau Del Ponte, ist für Sie der Bericht von Dick Marty eine Genugtuung?
Er bestätigt und erweitert das, was ich vor zwei Jahren in meinem Buch geschrieben habe («Die Jagd – ich und die Kriegsverbrecher», Anm. d. Red.). Ich bin dem Europarat dankbar für seine Arbeit. Was in Kosovo und Nordalbanien passiert ist, ist so grausam, dass man das gründlich untersuchen muss.

Hat Dick Marty mit Ihnen zusammengearbeitet?
Wir haben uns einmal getroffen, und er hat mich interviewt. Zusammengearbeitet haben wir aber nicht – ich war damals schon Botschafterin in Argentinien.

Haben Sie ihm Tipps gegeben, mit wem er reden und wo er recherchieren soll?
Ich konnte ihm seine Fragen aus meiner Erinnerung heraus beantworten. Aber ich brauchte ihm keine Ratschläge zu erteilen. Dick Marty wusste selber, wie er arbeiten muss. Er hat viel Erfahrung.

Dick Marty schreibt von «handfesten Beweisen» für den Organhandel der kosovarischen Untergrundarmee UCK mit Premierminister Hashim Thaci an der Spitze. Warum zeigt er diese Beweise nicht der Öffentlichkeit?
Jede Ermittlung läuft im Geheimen ab. Man würde das Verfahren gefährden, wenn man die Beweise öffentlich diskutieren würde. Sollte es zum Prozess kommen, würden die Beweise im Gerichtssaal präsentiert.

In Ihrem Buch behaupten Sie ebenfalls, Beweise für den Organhandel der UCK zu haben. Sie legen Sie aber auch nicht offen. Welche Beweise hatten Sie?
Wir, das heisst die Anklage des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag, waren selber im sogenannten gelben Haus in Nordalbanien, wo das Verbrechen stattgefunden haben soll. Wir haben dort Blutspuren gefunden. Und wir haben Kleider gesehen, die mit Blut befleckt waren. Das waren Beweise, dass dort etwas Chirurgisches hätte stattfinden können.

Blutspuren allein sind noch kein Beweis für den Organhandel.
Ich hatte Fotos gesehen und Berichte gelesen: Diese zeigten, dass dort nicht an Tieren, sondern an Menschen etwas gemacht wurde. Zusammen mit Zeugenaussagen stützten diese Beweise den Verdacht, dass Organentnahmen durchgeführt wurden. Wir hatten die Zeugenaussage eines Mannes, der als Chauffeur arbeitete: Er brachte die Organe zum Flughafen nach Tirana.

Welche Beweise hatten Sie noch?
Wir bekamen Hinweise, dass die Leichen der Opfer in ein Massengrab in Albanien geworfen wurden. Aber wir konnten dem nicht nachgehen: Die albanischen Behörden stoppten uns, als wir das Massengrab ausfindig machen wollten.

Und das alles zusammen reichte nicht aus, um Anklage gegen Führungsfiguren der UCK am Tribunal in Den Haag zu erheben?
Nein. Wir hätten weiterermitteln und mehr Beweise finden müssen. Aber wir mussten die Untersuchung einstellen.

Warum haben die albanischen Behörden nicht kooperiert?
Das Urteil darüber überlasse ich Ihnen. Wir konnten Albanien damals nichts aufzwingen, denn das Mandat des Kriegsverbrechertribunals beschränkte sich auf das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Zu Beginn unserer Recherche im gelben Haus hat uns ein albanischer Staatsanwalt unterstützt. Doch als wir das Massengrab suchen wollten, sagte Tirana: Nein!

Wollte denn Albanien aus politischen Gründen damals nicht mit Ihnen kooperieren? Das Land war immerhin eine Ausbildungsstätte von UCK-Kämpfern.
In meiner Zeit als Chefanklägerin war ich immer mit politischen Dingen konfrontiert.

Hat man Ihnen bei den Recherchen zum Organhandel Steine in den Weg gelegt?
Wenn Sie mein Buch gelesen haben, sollten Sie sich ein gutes Bild davon machen können, wie schwierig es war, über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zu ermitteln. Speziell zu diesem Fall: Ja! Deshalb bin ich dem Europarat so dankbar für den Bericht. Ich hoffe sehr, dass eine Untersuchung die Wahrheit ans Licht bringt.

Wer hat Sie bei den Recherchen behindert?
Albanien und die Unmik, die Uno-Übergangsverwaltung für Kosovo. Die internationale Gemeinschaft hat Kosovo beschützt, was meine Ermittler frustrierte. Sie sagten schnell einmal: Da kommen wir nicht weiter.

Und die USA?
Kosovo war immer das Lieblingskind der USA gewesen.

Hatten Sie den heutigen kosovarischen Premierminister Hashim Thaci unter Verdacht?
Soweit ich mich erinnern kann – nein.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt