Alles gesetzt, alles verloren

Was zunächst als kluger Schachzug erschien, erwies sich im Nachhinein als waghalsige Dummheit. Giorgos Papandreou besiegelte mit seinem Referendumsplan wohl sein eigenes politisches Schicksal.

Heute Abend entscheidet sich sein Schicksal: Griechischer Ministerpräsident Giorgos Papandreou während seiner Ansprache im Parlament. (3. November 2011)

Heute Abend entscheidet sich sein Schicksal: Griechischer Ministerpräsident Giorgos Papandreou während seiner Ansprache im Parlament. (3. November 2011)

(Bild: AFP)

Giorgos Papandreou war es gewohnt, sich durchzusetzen. Als Spross einer Familie, die Griechenland in den vergangenen 50 Jahren ihren Stempel aufgedrückt hat, sind ihm die Ränkespiele in den Machtzentralen in Athen seit jeher vertraut. Wie sein Vater und sein Grossvater, die beide ebenfalls Ministerpräsidenten waren, galt er dabei als jemand, der gern auch mal mit hohem Risiko spielt. Mit der Ankündigung eines Referendums über europäische Finanzhilfen setzte er Anfang der Woche alles auf eine Karte. Und wie es scheint, hat er alles verloren.

Als Papandreou nach einem Krisentreffen vor dem G-20-Gipfel in Cannes gestern nach Athen zurückkehrte, musste er eine geradezu demütigende Niederlage einstecken. Die Kritik an seinem Paukenschlag vom Montag hatte sich zu einer Meuterei im eigenen Kabinett ausgeweitet.

«George der Amerikaner»

Trotz seiner Vorfahren hängt dem Ministerpräsidenten seit dem Wahlsieg seiner Partei im Jahr 2009 der Ruf eines Aussenseiters an. Seine Kindheit verbrachte er in den USA, wo sein Vater damals als Wirtschaftsprofessor tätig war. Bei den Protesten gegen seine Sparpläne wurde Papandreou oft spöttisch «George der Amerikaner» genannt. Nicht selten wurde er in Sprechchören aufgefordert, zurück «nach Hause» zu gehen.

Angetreten war Papandreou mit dem Versprechen, Griechenland zu modernisieren und von der Bürde einer in vielen Bereichen lähmenden Vetternwirtschaft zu befreien. Kritiker werfen ihm hingegen vor, gerade er mit seinen Verbindungen habe wie wenige andere von dem System profitiert. Ein weiterer Spitzname des Ministerpräsidenten ist «Giorgakis» – «der kleine Giorgos». Gegenüber dem gleichnamigen Grossvater fehlen dem aktuellen Regierungschef nach Ansicht vieler Griechen nicht nur das Charisma, sondern auch die Führungsqualitäten.

«Kreative Buchführung» hielt nicht mehr stand

Als Papandreou die Macht in Athen übernahm, steckte das Land bereits tief in der Krise. Die immensen Staatsschulden, die offenbar mit «kreativer Buchführung» lange Zeit beschönigt wurden, erfüllten Investoren und nicht zuletzt die anderen Eurostaaten zunehmend mit Sorge. Papandreou gab den Hardliner. Im Bestreben, den Haushalt zu sanieren, wurden Renten gekürzt, neue Steuern eingeführt und der Abbau von Stellen in Staatsbetrieben angekündigt.

Die Reaktion folgte prompt. Nach dem deutlichen Wahlsieg seiner Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) vor zwei Jahren sprachen sich nach jüngsten Umfragen zuletzt 90 Prozent der Bevölkerung ausdrücklich gegen die Politik des Ministerpräsidenten aus. Die Umfragewerte der Pasok lagen bei nur noch etwa 20 Prozent. Trotzdem verfolgte Papandreou weiter stur seine Linie. Forderungen nach einem Rücktritt wies er zurück. Ebenso das Angebot einer Machtteilung mit der konservativen Opposition.

Als auch in den eigenen Reihen die Unterstützung zu bröckeln begann, setzte er dem Land gewissermassen die Pistole an die Brust. Per Referendum sollte das Volk zwischen Pest und Cholera wählen: entweder den europäischen Hilfen zustimmen, und damit auch den rigiden Sparplänen, oder aber die Hilfen ablehnen und angesichts eines dann drohenden Ausschlusses aus dem Euroraum weit schlimmere wirtschaftliche Folgen riskieren.

Kluger Schachzug erwies sich als waghalsige Dummheit

Was zunächst als kluger Schachzug erschienen sein mag, erwies sich im Nachhinein eher als waghalsige Dummheit. Mit der Ankündigung eines Referendums überraschte er nicht nur die eigenen Minister, sondern brachte zugleich die europäischen Partner gegen sich auf, die sich nach zähem Ringen mit den Banken und untereinander gerade erst auf den umstrittenen Rettungsplan geeinigt hatten.

Die Staats- und Regierungschefs in Cannes mochten es kaum glauben, aber Papandreou rückte von seinem Vorhaben nicht ab. Die Wende kam erst bei der Rückkehr nach Athen, als das Kabinett unmissverständlich zu verstehen gab, dass der Schuss nach hinten losgegangen sei.

«Der Ministerpräsident hat seine Glaubwürdigkeit in Griechenland wie im Ausland verspielt», schrieb am Donnerstag die renommierte Tageszeitung «Kathimerini», «mit demütigenden Folgen für ihn selbst und für sein Land». Papandreou habe sich selbst entschlossen, die Würfel zu werfen – und nun habe er verloren.

baz.ch/Newsnet

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