«Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen»

Nachdem Thilo Sarrazin mit kruden Thesen über Muslime aufmerksam machte, nimmt er nun die Juden ins Visier. Der Widerstand gegen den Bundesbank-Vorsteher ist gross, doch er findet auch Fürsprecher.

Spricht mit Vorliebe heikle Themen an: Bundesbank-Vorsteher Thilo Sarrazin.

Spricht mit Vorliebe heikle Themen an: Bundesbank-Vorsteher Thilo Sarrazin.

(Bild: Keystone)

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, warf ihm einen «Rückgriff auf Elemente der Rassehygiene der Nazi-Zeit» vor. Bundesminister und Politiker aller Parteien reagierten ebenfalls empört und stellten die Eignung Sarrazins für sein Amt in der Notenbankspitze in Frage. Der ehemalige Berliner Finanzsenator blieb aber unnachgiebig und lehnte einen Austritt aus der SPD ab.

Im Gespräch mit «Welt am Sonntag» und «Berliner Morgenpost» bekräftigte Sarrazin seine These, muslimische Migranten integrierten sich überall in Europa schlechter als sonstige Einwanderergruppen. An anderer Stelle des Interviews sagte er: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.»

Zentralrats-Vizepräsident Graumann sagte der Nachrichtenagentur dapd, faktisch habe Sarrazin damit auf Elemente der Rassehygiene aus der Nazi-Zeit zurückgegriffen. Selbst wenn dies von ihm nicht gewollt sein sollte, sei damit «endgültig eine rote Linie überschritten». Graumann, der im November Nachfolger von Charlotte Knobloch an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland werden soll, warf Sarrazin vor, bei der Integration von Minderheiten Brücken abzureissen sowie Menschen zu verletzen und zu verunglimpfen. Man müsse sich fragen, wie lange ein solcher Mensch noch in einem so herausragenden Amt tragbar sei. «So geht es nicht weiter», fügte Graumann hinzu.

Westerwelle spricht von Rassismus und Antisemitismus

Bundesaussenminister Guido Westerwelle (FDP) kommentierte in «Bild am Sonntag»: «Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen.» Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) reagierte nicht minder heftig: «Jede Provokation hat ihre Grenzen. Diese Grenze hat der Bundesbankvorstand Sarrazin mit dieser ebenso missverständlichen wie unpassenden Äusserung eindeutig überschritten.» Auch der scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch nannte die jüngsten Äusserungen Sarrazins unerträglich. «Damit stellt er sich völlig ins Abseits», sagte der CDU-Politiker.

Wie zuvor Parteichef Sigmar Gabriel forderte am Sonntag auch der amtierende SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poss im Gespräch mit der WAZ-Mediengruppe Sarrazin auf, die Sozialdemokraten zu verlassen. Der lehnte jedoch einen Parteiaustritt entschieden ab. «Ich bleibe SPD-Mitglied bis an mein Lebensende», betonte Sarrazin im Deutschlandfunk. Der Vorsitzende seines Berliner SPD-Kreisverbands Charlottenburg-Wilmersdorf, Christian Gaebler, sagte dagegen dem «Spiegel»: «Das Mass ist voll.» Wenn der Exsenator nicht freiwillig aus der SPD austrete, «bereiten wir ein Parteiausschlussverfahren vor».

Linke will überparteiliche Initiative zur Abberufung

Die stellvertretende Linken-Parteichefin Katja Kipping forderte eine überparteiliche Initiative zur Abberufung Sarrazins als Bundesbankvorstand. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte den Vorstand der Bundesbank auf, «sich nicht im Gebüsch zu verstecken und endlich eine klaren Beschluss zur Ablösung zu fassen». Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der «Frankfurter Rundschau» auf, ein Verfahren dazu einzuleiten.

Die türkischstämmige niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) warf Sarrazin in «Bild am Sonntag» vor, Migranten zu verletzen und pauschal zu diskreditieren. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), kritisierte, er zeichne mit seiner pauschalen Polemik ein Zerrbild der Integration in Deutschland.

Auch Fürsprecher

In dem neuen Interview sagte das Bundesbank-Vorstandsmitglied, die kulturelle Eigenart der Völker sei keine Legende, sondern bestimme die Wirklichkeit Europas. «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden», fuhr Sarrazin fort und wies mit den Worten «Ich bin kein Rassist» alle Kritik von sich.

Wie das deutsche Magazin Spiegel berichtet, findet Sarrazin mit seinen Thesen auch Fürsprecher: «Ich teile Sarrazins Sorge um Deutschland», sagte etwa die streitbare Autorin Necla Kelek. Thilo Sarazin leiste einen wichtigen Beitrag, indem er Muslime auffordert, über ihre Rolle in Deutschland zu reflektieren. Auch der CSU-Politiker Peter Gauweiler sagte der «Bild am Sonntag», dass diese Kontroverse nicht schade. Und Sarrazins Kritiker «sollten nicht den Eindruck erwecken, dass sie einen Andersdenkenden am Aussprechen der Wahrheit hindern.»

mrs/dapd

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt