Adeu Espanya

Katalonien ist eine Nation. Die spanische Regierung will das nicht akzeptieren. Ein Kompromiss ist kaum mehr möglich.

Gerade weil die Katalanen viel deutlicher auf ein gutes Einvernehmen mit dem Zentralstaat gesetzt haben, ist die Enttäuschung über Spanien jetzt umso grösser.

Gerade weil die Katalanen viel deutlicher auf ein gutes Einvernehmen mit dem Zentralstaat gesetzt haben, ist die Enttäuschung über Spanien jetzt umso grösser.

(Bild: Keystone)

Als ich Ende der 1970er-Jahre an meiner Doktorarbeit über den baskischen Widerstand gegen Franco arbeitete, lautete eine Ausgangsfrage: «Warum sind die Basken so viel radikaler geworden als die Katalanen?» Das Baskenland und Katalonien waren die beiden wichtigsten Hochburgen des Antifrankismus gewesen, weil hier auch breite bürgerliche Kreise die Diktatur abgelehnt hatten. Nach deren Ende verhielten sich die Katalanen gegenüber Madrid auffällig kooperativer als die rebellischeren Basken.

Heute ist es umgekehrt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Konsequente Gewaltfreiheit

Zuerst etwas über das Baskenland: Die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes durch die ETA in einem Staat, der – mindestens halbwegs – demokratisch ist und den Minderheiten doch eine gewisse Autonomie gewährt, hat die baskischen Bewegungen massiv geschwächt.

Eine der Stärken Kataloniens liegt in der konsequenten Gewaltfreiheit. Da kommt etwas scheinbar Paradoxes dazu: Gerade weil die Katalanen viel deutlicher auf ein gutes Einvernehmen mit dem Zentralstaat gesetzt haben, ist die Enttäuschung über Spanien jetzt umso grösser. Da liessen sich die Basken weniger täuschen.

Die katalanische Wende geschah am 26. Juni 2010. An diesem denkwürdigen Tag zerpflückte das Spanische Verfassungsgericht das vom katalanischen und vom spanischen Parlament verabschiedete und vom Volk angenommene Autonomie-Statut. Es war unter dem Sozialisten Pasqual Maragall, dem damaligen Präsidenten Kataloniens, ausgearbeitet worden.

Maragall war 1992 als Bürgermeister Barcelonas Organisator der wohl schönsten Sommerspiele der Olympia-Geschichte gewesen. Der katalanische Autonomie-Entwurf war bereits vom spanischen Parlament, in dem ebenfalls die Sozialisten die Mehrheit hatten, in wichtigen Punkten abgeschwächt worden. Aus diesem Grund wurde der Kompromiss zwischen Barcelona und Madrid in der folgenden Volksabstimmung in Katalonien nicht nur vom rechtskonservativen Partido Popular (PP), sondern auch von linksnationalistischen Katalanen abgelehnt. Umso eindrücklicher war der Ja-Anteil von 73 Prozent für das neue Statut, dessen erster Satz lautete: «Katalonien ist eine Nation.»

Die Volkspartei gelangte im Sommer 2007 gegen das Kompromisswerk ans Verfassungsgericht. Die damals liberale Tageszeitung El País titelte über deren Klage: «Die PP rekurriert gegen 30 Artikel des katalanischen Statuts, für die sie im andalusischen Statut gestimmt hat.» Es ging den Rechtskonservativen darum, mit antikatalanischer Härte jene spanisch-nationalistischen Stimmen zurückzuholen, die sie wegen ihrer Beteiligung am Irak-Krieg verloren hatten.

Seit dem verhängnisvollen Gerichtsentscheid gingen in Katalonien, das etwas weniger Einwohner hat als die Schweiz, jedes Jahr Hunderttausende auf die Strasse. Am Nationalfeiertag vom 11. September 2013 bildeten 1,6 Millionen Bürger eine 400 Kilometer lange Menschenkette. Beim kürzlichen, von Madrid verbotenen Referendum stimmten 90 Prozent der Urnengänger für die Unabhängigkeit. Der Hinweis, dass sich nur 43 Prozent beteiligt hätten, führt zur Gegenfrage: Wie hoch wäre die Stimmbeteiligung in der Schweiz, wenn man damit rechnen müsste, gewaltsam am Urnengang gehindert zu werden? Und das von einer Guardia Civil, mit der viele Katalanen zur Franco-Zeit sehr schmerzliche Erfahrungen gemacht haben!

Militärisch besetzt

Was Katalonien heute erlebt, hat es auf sehr ähnliche Art und Weise schon einmal durchgemacht. Nachdem die katalanische Autonomieregierung 1934 aus 90'000 Pächtern eigenständige Bauern gemacht hatte, hob das Verfassungsgericht die Landreform wieder auf. Um den sozialen Fortschritt zu wahren, rief der katalanische Präsident Lluis Companys einen «Katalanischen Staat innerhalb der Spanischen Bundesrepublik» aus.

In der Folge liess die damals rechte Zentralregierung Katalonien militärisch besetzen und die Autonomieregierung einsperren. 1936 kam sie nach dem Sieg der Linken frei, und Companys konnte sein Amt als Präsident wieder antreten. Nach der erneuten Besetzung Kataloniens durch die spanische Armee 1939 floh Companys nach Frankreich. Nach dessen Besetzung durch die Nazis wurde er von der Gestapo an Franco ausgeliefert. Dieser liess ihn nach schweren Folterungen am 15. Oktober 1940 auf dem Montjuich, dem Hausberg Barcelonas, füsilieren.

Wenn es heute vielen, insbesondere in Madrid residierenden Medienschaffenden schwer fällt, den Graben zwischen Katalonien und Spanien zu verstehen, hat das auch mit einem Mangel an Geschichtswissen zu tun. Als 1898 Spanien wegen des Verlusts der kubanischen und philippinischen Kolonien in eine tiefe Depression fiel, wurde den Katalanen so richtig bewusst, dass sie nicht dazugehörten.

Joan Maragall, ein Dichter aus bürgerlichem Haus, schrieb damals eine «Ode an Spanien», deren Schlussworte lauteten: «Adeu Espanya». Der Versuch seines sozialistischen Enkels Pasqual, die Verabschiedung Kataloniens von Spanien mit einem Kompromiss unnötig zu machen, dürfte endgültig gescheitert sein.

Josef Lang war Nationalrat der Grün-Alternativen Zug von 2003 bis 2011. Er wohnt heute in Bern und arbeitet als Historiker. Seine Dissertation wurde 1983 unter dem Titel «Das baskische Labyrinth» veröffentlicht.

Basler Zeitung

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