Zickenalarm bei den Berlusconis

Die Töchter Marina und Barbara des früheren italienischen Ministerpräsidenten streiten um die Vorherrschaft in Firma und Partei. Und nun fordert auch noch Papas Verlobte ihren Anteil.

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Probleme pflegt man in Italien immer noch gern bei Tisch zu lösen, am besten zwischen Hauptgang und Dessert, wenn der Bauch mit einer guten Mahlzeit gefüllt ist und die Stimmung entsprechend gehoben. Beim früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, der seit Jahren strengste Diät hält, sind die Mittagessen am Montag in seiner schlossähnlichen Villa in Arcore Tradition – früher wurden die dauerstreitenden Koalitionspartner dazu geladen. Heute gibt es keine Verbündeten mehr, dafür ist der Hofstaat von Berlusconis Wahlverein Forza Italia untereinander schon kräftig zerstritten.

Ein Mittagessen reicht Berlusconi nicht mehr aus, um die Konflikte in seinem Umfeld zu lösen: Der Patriarch schafft es kaum noch, sich von der Tafel zu erheben. Alles um ihn ist in Be­wegung, alles kämpft und zetert gegeneinander, nicht nur in der Partei, auch in der Familie. Am Sonntagabend zitierte Silvio Berlusconi deshalb die drei Kinder aus der zweiten Ehe (mit Veronica Lario) zu sich: Barbara, Eleonora und Luigi.

«Ich bin noch nicht tot»

Am Montagmittag waren deren ältere Halbgeschwister Marina und Piersilvio dran. Und am Montagabend die Stat­t­halter von Forza Italia nebst Rechts­anwalt Niccolò Ghedini, seinem Vertrauten. «Jemand unter euch hat gedacht, dass es schon um meine Nachfolge geht», soll Silvio Berlusconi gesagt haben. «Aber ich bin noch nicht tot.» Und jetzt das Dolce, bitte. Oder möchte jemand lieber Obst?

Seine Tischrede musste Berlusconi jedenfalls kaum abwandeln, sie wird bei allen gleich geklungen haben. Nur der Ton könnte die Musik gemacht haben, ist er doch ein Vater, der seinen fünf ­Kindern jeden Wunsch von den Augen abliest. Nur nicht den, ihn jetzt schon zu beerben.

Alle Ämter verloren

Jetzt schon? In zwei Wochen wird ­gerichtlich darüber verfügt, wo und wie Silvio Berlusconi seine einjährige Haftstrafe wegen Steuerbetrugs verbüssen soll – vermutlich als gemeinnützige Arbeit, aber der Hausarrest ist auch noch nicht ganz vom Tisch. Bereits jetzt hat der 77-Jährige alle Ämter verloren: raus aus dem Senat mit sechsjährigem Kandidaturverbot, Verlust der Bürgerrechte, also auch des Wahlrechts, für die kommenden zwei Jahre. Selbst der Ehrentitel Cavaliere del Lavoro (Ritter der Arbeit) ist perdü.

Die Europawahl am 25. Mai wird ­entscheidend für die Zukunft von Forza Italia, ein echtes Schicksalsvotum. Weil Berlusconi die Partei nach der Trennung von seinem widerspenstigen Adlatus ­Angelino Alfano und dessen Nuovo ­Centrodestra (Neue Rechte Mitte, NCD) ganz auf seine Person zugeschnitten hat, droht ihr ohne ihn nun ein Fiasko. ­Wenigstens der Name Berlusconi solle deshalb oben auf die Liste, suggeriert ein Teil der Partei. Doch andere lehnen das Dynastie-Programm ab – in der Hoffnung, selbst Berlusconis Erbe anzu­treten und sich ihren Teil an der Macht zu sichern.

Es geht natürlich um viel Geld

Auch in der Familie geht es darum, wer neben dem Patriarchen das Sagen hat – und natürlich um viel Geld. Seit Jahren befehden sich um beides vornehmlich die Schwestern Marina (47) und Barbara (29). Die Erstgeborene, Spitzname «Zarin», führt nach ihrem Studienabbruch mit harter Hand den Fininvest-Konzern des Vaters, mehrfach hat sie ihn öffentlich gegen die böse Justiz verteidigt. Barbara hat ihr Philosphiestudium beendet, danach streckte sie die Finger nach dem Mondadori-Verlag aus. Doch Marina stellte sich ihr in den Weg. Weil Halbbruder Piersilvio bereits das Fernsehunternehmen Mediaset leitet, blieb der ehrgeizigen Barbara nur der Fussballclub AC Milano. Dort setzte sie alles daran, Manager Adriano Galliani loszuwerden, einen der engsten Weggefährten des ­Vaters. Wenigstens im Club wollte die kleine Schwester freie Bahn haben.

Das Ergebnis ist ein Chaos in der ­Führungsetage und die schlechteste ­Saison der 28-Jährigen Ära Berlusconi. «Ich weiss nicht, ob Barbara etwas von Fussball versteht», äusserte kürzlich die Spieler-Legende Paolo Maldini – ­vernichtend für die junge Chefin, die selbst lange mit einem Milan-Fussballer liiert war.

Politik in Papas Partei

Jetzt will Barbara höher hinaus. In die Politik, mit Papas Partei. Sie stehe bereit, liess sie verlauten. Marina soll getobt haben. Von wegen Barbara – wenn, dann übernehme sie das selber, quasi als italienische Marine Le Pen. In den wie immer privat ausgetragenen Streit der Schwestern (der aber immer nach aussen dringt) mischte sich öffentlich Francesca Pascale ein, die «Verlobte» von ­Vater Silvio. Pascale ist so alt wie Barbara, sie kann aber besser mit Marina, mit der sie schon auf offiziellen Fotos posierte: Zarin und Mätresse.

Ausgerechnet der linken «La Repubblica» sagte Pascale: «Es ist klar, dass Forza Italia ohne Berlusconi wackelt. Deshalb hoffe ich, dass Marina in den Ring steigt. Auch wenn ich mir vor­stellen kann, welches Opfer das für eine Frau bedeutet.» Dann verabreichte ­Berlusconis Liebste den Höflingen in der Partei noch ein paar Nadelstiche. «Viele sind weder Demokraten noch ­Moderate», und auf gar keinen Fall seien sie Ersatz für Silvio. Sie selbst könne sich aber durchaus vorstellen, für Strassburg zu kandidieren. Wenn es denn un­bedingt sein müsse . . .

Um die Erbansprüche gebracht

Das wissen Marina und Barbara nun wieder mit vereinten Kräften zu ver­hindern – genau wie eine neue Ehe ihres ­Vaters, die sie um ihre Erbansprüche bringen könnte. Die vom Patriarchen wohlweislich separat eingeladenen Schwestern sorgten dafür, dass Francesca Pascale bei den Krisentafelrunden in Arcore durch Abwesenheit glänzte. Schliesslich hatten sich auch die Parteifreunde über die vorlaute Verlobte ­empört und drohten mit Rücktritt. Am Ende sprach Silvio Berlusconi sein Machtwort. Weder Marina noch Barbara dürfen kandidieren, jedenfalls nicht ­sofort. Für welches Programm Forza ­Italia bei der Europawahl überhaupt ­antritt, war übrigens auch nach dem ­Kaffee kein Thema. Nicht so wichtig.

baz.ch/Newsnet

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