Wie kann man da noch neutral bleiben?

Ausland

Wegen Russland steht das skandinavische Modell auf der Kippe: Finnland und Schweden diskutieren über einen Nato-Beitritt. Gerade Finnland hat eine besondere Beziehung zu Russland.

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Es gibt ein Wort, das die Finnen überhaupt nicht mögen: Finnlandisierung. Es stammt aus den Zeiten des Ost-West-Konflikts, als sich Finnland bemühte, zwischen dem Westen und der Sowjetunion eine neutrale Position zu finden. Heute schlagen Strategen wie Henry Kissinger und Zbigniew Brzeziński vor, die Ukraine sollte es genau so machen: mit der EU kooperieren, nicht der Nato beitreten – zwischen den Stühlen bleiben.

Auf den ersten Blick beschreibt das auch die heutige Position Finnlands ganz gut. «Finnland ist natürlich besorgt über die Entwicklungen auf der Krim und in der Ukraine und deren Auswirkung auf Europas Sicherheit», sagt Finnlands Verteidigungsminister Carl Haglund. Es sei «sehr enttäuschend» zu sehen, dass Russland militärische Mittel gebrauche, um seine Interessen durchzusetzen. Finnland unterstütze eine diplomatische Lösung der Krise, stehe fest hinter den Entscheidungen der EU. «Gleichzeitig muss Finnland als enger Nachbar Russlands eine funktionierende praktische Kooperation auf vielen Ebenen mit Russland sichern, auch unter den aktuellen Umständen.»

Erneute Debatten über Nato-Beitritt

Ist das der typisch skandinavische Balanceakt? Finnland und Schweden arbeiten mit der Nato zusammen, gehören dem Bündnis aber nicht an. Norwegen ist Nato-Mitglied, hält sich aber aus der EU heraus. Pauschal vom neutralen Skandinavien zu sprechen, ist trotzdem falsch. Die Länder reagieren unterschiedlich auf die russische Aggressivität. Die norwegische Verteidigungsministerin Ine Marie Eriksen Søreide forderte jüngst, dass die europäischen Nato-Länder mehr in ihr Militär investieren und sich wieder stärker auf die Verteidigung des Bündnisses konzentrieren sollten.

Schweden möchte aufrüsten, um sein Territorium besser absichern zu können. Die Regierung in Stockholm kündigte an, den Verteidigungsetat zu erhöhen, mehr Kampfflugzeuge zu ordern und neue U-Boote zu bauen. Sie schickt mehr Truppen in die Ostsee und auf die Insel Gotland. Für einige Aufregung hat gesorgt, dass Verteidigungsministerin Karin Enström Kampfjets mit Cruise Missiles ausrüsten möchte, Waffen mit einer Reichweite von etwa 500 Kilometern. Kritiker sehen darin eine Abkehr von Schwedens Selbstverständnis als defensive Nation. Die Debatte um eine mögliche Bedrohung aus Russland ist auch deswegen so aufgeregt, weil Schweden in der Vergangenheit bei Truppen und Rüstung stark gespart hat. Nun wird selbst der Nato-Beitritt wieder diskutiert, den aber die Mehrheit der Schweden weiterhin ablehnt.

Finnischer Premier für Nato-Mitgliedschaft

Finnlands Situation ist anders. Das Land ist Russland am nächsten und hat konstant in ein starkes Militär investiert. «Die Finnen gehen davon aus, sich selbst verteidigen zu können», sagt Teija Tiilikainen, Direktorin am Finnischen Institut für Internationale Beziehungen in Helsinki. «Natürlich sind wir alle aufgeschreckt. Militärisch bedroht fühlen wir uns aber nicht. Wir sind verteidigungspolitisch nicht nackt, auch ohne Nato», bekräftigt René Nyberg, der Botschafter in Moskau und Berlin war. Die Debatte um einen Nato-Beitritt hat dennoch an Fahrt gewonnen. Die Befürworter sind in der Minderheit, ihre Zahl nimmt aber zu. In einer repräsentativen Umfrage waren vor zwei Wochen 34 Prozent der Befragten für, 45 Prozent gegen den Beitritt. Dass er nicht kommen soll, hat die Regierung bereits bei ihrem Antritt vor drei Jahren festgelegt.

Daran ändert es auch nichts, dass Politiker wie Ministerpräsident Jyrki Katainen ihn persönlich befürworten. «Meine persönliche Meinung ist, dass Finnland zur Nato gehören sollte. Das würde Finnlands Position stärken. Aber ich bin in der Minderheit», sagte er im April. Unter der jetzigen Regierung wird Finnland nur dann Nato-Mitglied, wenn Schweden beitritt. Dann müsste Finnland nachziehen, um sich nicht zu isolieren.

Finnland hat eine besondere Beziehung zu Russland. Wirtschaftlich ist der grosse Nachbar immer noch wichtig, er nimmt Finnland zehn Prozent seiner Exporte ab. Die 1340 Kilometer lange gemeinsame Grenze wird jedes Jahr zwölf Millionen Mal passiert – vor allem von Russen, die in Finnland einkaufen oder Urlaub machen. Moskau liefert Rohstoffe und Energie. Die Finnen sind beunruhigt. «Die finnische Wirtschaft ist heute nicht stark, wir können schlechte Nachrichten nur schwer hinnehmen», sagt Nyberg.

EU-Beitritt Finnlands als Bekenntnis zum Westen

Trotz der engen Verbindung zu Russland gefällt es Finnland nicht, als neutraler Staat dargestellt zu werden. Mit dem Beitritt zur EU hat sich das Land klar zum Westen bekannt. Die Regierung vermeidet den Begriff «Neutralität» und spricht lieber vom «militärischen Nicht-Anschluss». Die militärische Unabhängigkeit hat Finnland in gewisser Weise auch Russland zu verdanken. 1939, im Winterkrieg, wollte die Rote Armee Finnland besetzen. Die Finnen unterlagen zwar, konnte aber ihre Unabhängigkeit bewahren. Vom Westen fühlte sich das Land damals im Stich gelassen.

Auch im zweiten Krieg 1944 besetzten die Sowjets Finnland nicht. Anders als andere Nachbarn habe Finnland daher kein Feindbild von Russland als Besatzungsmacht, erklärt Nyberg. Anfang der 50er-Jahre habe es mit den letzten Reparationszahlungen bereits die ersten Handelswaren Richtung Osten geschickt. «Sie fuhren im selben Zug. Wir waren damals das einzige westliche Land, das mit der Sowjetunion gehandelt hat.»

«Zustimmung zur Nato steigt Schritt für Schritt»

Während des Kalten Krieges hat sich Finnland in die westlichen Strukturen integriert, die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland bestanden weiter. «Wir erinnern uns nicht gerne an unsere Rolle zurück, in der wir zwischen West und Ost balancieren mussten», sagt FIIA-Direktorin Tiilikainen. «Finnland musste immer wieder die Interessen der Sowjetunion berücksichtigen.» Dem Nordischen Rat und der Europäischen Freihandelszone konnte es deswegen erst nach zähem Ringen beitreten. Heute habe sich Finnland vom russischen Einfluss gelöst.

«Aber natürlich spielt Russland eine Rolle in der öffentlichen Meinung, wenn es zur Nato-Frage kommt», sagt Tiilikainen. Die Finnen nehmen den Nachbarn heute negativer wahr als noch vor einem halben Jahr, sagt sie. «Das sieht man auch daran, dass die Zustimmung zur Nato Schritt für Schritt steigt.»

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