Wenn die Sterne gut stehen fürs Schmieren

Marcello De Vito, Vorsitzender des römischen Gemeinderats und Exponent der Cinque Stelle, ist verhaftet worden – wegen Korruption. Im Volk implodiert die Gunst für die Partei.

Marcello De Vito mit Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi. Foto: Imago

Marcello De Vito mit Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi. Foto: Imago

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Im Nachhinein klingen die Bekenntnisse wie grotesker Hohn, selbst für die Standards der italienischen Politik. Als Marcello De Vito vor drei Jahren für den römischen Gemeinderat kandidierte, sagte er in seinem Wahlspot: «Wir haben nun endlich die Möglichkeit, mit der Verschwendung und der Korruption aufzuräumen, von denen die Linke und die Rechte über all die Jahre gelebt haben, auf dem Buckel der Bürger Roms.»

Mit «wir» waren die Cinque Stelle gemeint, seine Partei. De Vito galt immer als «ortodosso» der systemkritischen Bewegung, als Anhänger also jenes unbeugsamen Flügels, der sich für eine neue Kultur der Ehrlichkeit und Transparenz engagierte. Für die Fünf Sterne habe er sich entschieden, sagte De Vito einmal, weil er eine kleine Tochter habe, und der wolle er eine bessere Welt hinterlassen.

Nun sitzt er im Gefängnis. Die Carabinieri kamen am frühen Morgen, als der Präsident des römischen Gemeinderats, 44 Jahre alt, Jurist von Beruf, noch zu Hause war. Büros wurden durchsucht, seines und andere, drei weitere Personen festgenommen. Bei allen Wirren und Skandalen, die die junge Partei umspülen: Nie zuvor musste einer ihrer Exponenten ins Gefängnis.

Die Staatsanwaltschaft wirft De Vito vor, er habe sich von Bauunternehmern bestechen lassen, angeblich mit über hunderttausend Euro. De Vito sorgte dafür, dass deren Geschäfte begünstigt wurden. Er sass im Zentrum der Macht, eng vernetzt mit allem und allen. In der städtischen Hierarchie steht nur die Bürgermeisterin, Parteikollegin Virginia Raggi, noch höher als der Vorsitzende des Gemeindeparlaments. Sie wusste offenbar nichts von De Vitos Doppelleben.

Die Wende beim Stadion

Besonders aktiv war er beim viel diskutierten und oft schon verschobenen Bauprojekt eines neuen Fussballstadions für den Stadtverein AS Roma. Früher ­waren die Cinque Stelle immer dagegen. Seit sie an der Macht sind, sind sie für den Bau. De Vito stand unter anderem dem Unternehmer Luca Parnasi «zu Diensten», wie die Ermittler es nennen. Parnasi gehört das grosse Stück Land in Tor di Valle im Süden der Stadt, wo das Stadion dereinst entstehen soll. Seine schmierigen Dienste offerierte De Vito angeblich auch für den Bau eines Hotels in Trastevere und für die Aufwertung der Mercati Generali, Roms verlassenen Grossmarkt.

Die Staatsanwaltschaft nannte ihre Operation «Astronomische Konjunktion», und dieser Codename aus der Sternkunde nahm nicht nur die politische Verortung De Vitos auf, sondern auch den Inhalt eines abgehörten Telefongesprächs zwischen dem Politiker und einem Anwalt, seinem Verbündeten. Es fand erst kürzlich statt und handelte von der idealen Sternkonstellation für die beiden. «Marcello», sagte der ­Anwalt darin, «wir müssen diese Situation ausnützen, ich glaube, uns bleiben noch zwei Jahre.»

Rivale und Compagnon

In zwei Jahren wird in Rom neu gewählt, so die Regierung nicht vorher stürzt. Die linke Opposition fordert Raggi nun zum Rücktritt auf, doch die Bürgermeisterin gibt sich kämpferisch. De Vito war zwar die Nummer zwei im Campidoglio, dem Rathaus auf dem Kapitolshügel. Doch innerhalb der Partei waren die beiden Rivalen. De Vito wäre selber gerne Bürgermeister geworden, er hatte es 2013 schon einmal versucht. Dennoch bleibt die Affäre auch an Raggi hängen. Sie nährt den Unmut vieler Römer über ihre katastrophale Amtsführung in den vergangenen drei Jahren.

Und da alles, was in Rom passiert, ins Land hinausstrahlt, trifft der Fall auch die nationale Parteiführung. Luigi Di Maio, Vizepremier und Capo politico der Fünf Sterne, schrieb einen langen Post auf Facebook, kaum war De Vito verhaftet worden. «Was wir da erfahren, ist nicht nur gravierend, sondern schändlich und moralisch verwerflich», schreibt Di Maio. Er habe De Vito bereits aus der Partei ausgeschlossen und trage dafür die volle Verantwortung. «De Vito kann und muss sich im Gericht verteidigen, aber er wird das weit weg von den Cinque Stelle tun.»

Absturz der Sterne

So weit der Wunsch Di Maios. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Wähler die Korruptions­-affäre als Beweis dafür sehen, dass die Cinque Stelle am Ende nicht besser sind als die anderen Parteien – nicht sauberer, nicht ehrlicher.

Das zeigt sich auch in den Umfragen: Neuerdings stehen die Sozialdemokraten, die man schon für tot erklärt hatte, plötzlich wieder vor den Fünf Sternen. Nur knapp zwar, aber doch spektakulär. Vor einem Jahr waren die Cinque Stelle noch fast doppelt so stark gewesen wie der Partito Democratico. Die Macht, so hat es den Anschein, bekommt ihnen nicht.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt