Welthauptstadt der Stümperei

Die Pannen beim neuen Berliner Flughafen sind Ausdruck einer Kultur der Verantwortungslosigkeit.

Am Berliner Flughafen Willy Brandt (BER) wird seit acht Jahren gebaut.<br>Foto: Tobias Schwarz (Reuters)

Am Berliner Flughafen Willy Brandt (BER) wird seit acht Jahren gebaut.
Foto: Tobias Schwarz (Reuters)

David Nauer@davidnauer

Wer dachte, dass sich Berlin schon genug blamiert habe mit seinem neuen Flughafen, hat sich geirrt. Okay, dass die Eröffnung mehrmals verschoben werden musste und die Kosten sich auf 5,4 Milliarden Euro mehr als verdoppelt haben, kann passieren bei Grossprojekten. Doch die Baustelle im Süden von Berlin hört nicht auf, neue Skandale zu produzieren. Anfang Juni wurde bekannt, dass der Ex-Technikchef sich Schmiergeld für Aufträge bezahlen liess. Der Mann wäre eigentlich dafür zuständig gewesen, die katastrophal geplante Entrauchungsanlage zum Laufen zu bringen. Das fehlerhafte System ist einer der Hauptgründe, warum der BER-Airport bis heute nicht in Betrieb ist.

Ein Wunder ist es freilich nicht, dass die Sache harzt. Wie die Zeitschrift «Stern» in der jüngsten Ausgabe berichtet, ist die Flughafengesellschaft einem Hochstapler aufgesessen. Der Planer, der die Entrauchungsanlage entworfen hat, verfügt nicht über eine adäquate Ausbildung. Er hat nur einen Gesellenbrief als technischer Zeichner, keinen Abschluss als Ingenieur. Gefeuert wurde er bereits im Frühling. Doch das Chaos ist anhaltend gross.

Kürzlich wurden im Stadtteil Lichtenberg zwei Müllcontainer voller Akten vom Flughafenbau entdeckt. Darunter waren vertrauliche Angaben zu Fahrstühlen und die Grundrisse der Terminals. Das Material lag offen herum – Wind, Wetter und neugierigen Personen ausgesetzt. Woher es stammt, ist noch nicht klar. Die Polizei ermittelt wegen Verstoss gegen Datenschutz.

Wowereit redet sich heraus

Dieser Mix aus systematischer Verantwortungslosigkeit, fehlender Kontrolle und schlechter Organisation hat schockierende Folgen, vor allem für die Steuerzahler. 17 Millionen Euro kostet allein der Unterhalt des leer stehenden Flughafens – pro Monat. Ein Eröffnungstermin ist auch acht Jahre nach dem ersten Spatenstich nicht absehbar. Und selbst im Vollbetrieb dürfte der BER wegen der astronomischen Baukosten nicht rentabel sein.

Langsam vergeht auch hartnäckigen Berlin-Freunden das Lachen. Fand man ein bisschen Flughafen-Schlamperei anfangs noch sympathisch, nervt es heute, immer noch im veralteten Airport Tegel landen zu müssen. Und so wandelt sich Berlin in der Wahr­nehmung von der coolen Metropole zur Welthauptstadt der Stümperei. Zufall ist es nicht, eher Ausdruck eines spezifischen Lebensgefühls. «Arm, aber sexy» hat Langzeit-Bürgermeister Klaus Wowereit seine Stadt genannt. Will heissen: Kreativität und Laissez-faire sind wichtiger als für urdeutsch gehaltene Tugenden wie Fleiss und Genauigkeit. Selbst bei den Rücktritts­gepflogenheiten hält man sich für etwas Besonderes. Bundespräsident Christian Wulff musste wegen einer Hotel-Ein­ladung im Wert von wenigen Hundert Euro gehen. Wowereit ist mitschuldig an der milliardenteuren BER-Blamage, immerhin steht er dem BER-Aufsichtsrat seit Jahren vor. Aber politische Verantwortung übernehmen? Bitte schön! Wir sind doch in Berlin.

Nicht einmal zu einem Fünkchen Demut hat das Flughafendesaster bei den Stadtvätern geführt. Kürzlich beschloss der Senat eine Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024. Das ist mutig in Anbetracht der maroden Sportanlagen in der ganzen Stadt. Eine leise Hoffnung gibt es aber. Bis in zehn Jahren könnte – wenn alles gut läuft – wenigstens der neue Flughafen startklar sein.

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