Von Klimawandel und Hexenjagd

Wenn es das ständige Klima-Gedöns nicht gäbe, könnte der Mensch glatt auf die Idee kommen, dass alles seinen normalen Gang geht. Doch das darf aus pädagogischen Gründen nicht sein. Eine Carte Blanche der BaZ für Dirk Maxeiner.

Hilfskonstruktion zur ausbleibenden Erwärmung: Die grösseren eisfreien Flächen über dem Nordmeer würden die Luft weniger aufheizen als das reflektierende Eis und so kühlere Luftströmungen in unsere Breiten lenken. (Bild: Keystone)

Hilfskonstruktion zur ausbleibenden Erwärmung: Die grösseren eisfreien Flächen über dem Nordmeer würden die Luft weniger aufheizen als das reflektierende Eis und so kühlere Luftströmungen in unsere Breiten lenken. (Bild: Keystone)

Der Winter war lang, das Frühjahr kühl, der Sommer so lala, und wir blicken auf einen einigermassen schönen Herbst zurück. Das Jahr war eigentlich ziemlich unspektakulär, das Wetter jedenfalls keine Katastrophe. Wie der nächste Winter wird, weiss natürlich kein Mensch. Eines aber steht fest: Der kommende Winter wird ein weiterer Beleg für die vom Menschen verursachte globale Erwärmung sein – vollkommen egal, ob er nun lang und kalt oder kurz und mild ausfällt.

Die offizielle Klimaforschung ist inzwischen für alle Eventualitäten gerüstet. Egal ob die Temperaturen künftig tatsächlich ansteigen oder ob sie sinken – beides ist ein todsicherer Beweis für die menschengemachte Klimaerwärmung. Und beides haben die Computermodelle zweifelsfrei vorausberechnet. So sehen teilweise die gleichen Klimaforscher, die uns bis vor Kurzem noch milde und schneefreie Winter vorhersagten, jetzt auf Mitteleuropa möglicherweise kältere Zeiten zukommen.

«Das ist eine Travestie»

Die klimawissenschaftliche Hilfskonstruktion dafür lautet: Die grösseren eisfreien Flächen über dem Nordmeer würden die Luft weniger aufheizen als das reflektierende Eis und so kühlere Luftströmungen in unsere Breiten lenken. Das ist gewissermassen Plan B. Der reifte allerdings erst nach drei kalten Wintern und nicht etwa vorher. Aber im Computer schlummerte die Erkenntnis selbstverständlich schon immer, das ist alles eine Frage der Programmierung. Sollte der Winter diesmal wider Erwarten ganz mild ausfallen, dann gilt wieder Plan A. Plan B war nur eine zyklische Zwischenschwankung. Sagt dann der Computer.

Es ist wirklich nicht leicht, ein Klimaforscher zu sein, wenn das Klima macht, was es will. Im Rahmen der Climategate-Affäre um gehackte geheime E-Mails von Klimaspitzenforschern ist ja ein geradezu legendärer Schriftverkehr zwischen dem Chef der Klimaabteilung des amerikanischen Zentrums für atmosphärische Forschung, Kevin Trenberth und Kollegen aus dem Jahr 2009 überliefert. Man frage sich «hier in Boulder», schreibt Trenberth, wo um Himmels Willen die globale Erwärmung geblieben sei. Es habe geschneit, die Temperatur liege unter dem Gefrierpunkt und habe mit minus acht Grad einen absoluten Tiefenrekord erreicht. «Tatsache ist, dass wir das momentane Ausbleiben der Erwärmung nicht begründen können, und dies ist eine Travestie.»

Ad-hoc-Hypothesen für den Ausnahmefall

Die momentan ausbleibende Erderwärmung dauert jetzt schon rund zwölf Jahre, in diesem Jahrhundert ist es praktisch noch nicht wärmer geworden. Statt dessen verharren die Temperaturen auf einem – zugegebenermassen hohen – Niveau. Der prognostizierte Anstieg aber blieb aus. Doch es gibt gute Nachrichten: In einer aktuellen Studie haben Trenberth und einige Kollegen die vermisste Hitze wiedergefunden! Dank kluger Computersimulationen gehen sie nun davon aus, dass die globale Erwärmung in 300 Metern Meerestiefe zwischengelagert wird.

Solche zyklischen Schwankungen könnten durchaus ein Jahrzehnt oder auch mehrere dauern, änderten aber nichts an der grundsätzlichen Erwärmung. So etwas nennt man im wahrsten Sinne des Wortes eine wasserdichte Hypothese. «Eine Form der Immunisierung im Bereich der empirischen Wissenschaft ist, falsifiziernde Beobachtungen durch Bildung einer Ad-hoc-Hypothese in Einklang zu bringen», heisst es unter «Immunisierungsstrategie» im Online-Lexikon Wikipedia. Merke: Selbst wenn es jahrzehntelang kälter wird, erlaubt das keine Zweifel an der These von der bevorstehenden Hitzekatastrophe.

Da sind wir aber beruhigt: Wenn es das ständige Klima-Gedöns und -Gedröhne nicht gäbe, könnte der Mensch sonst glatt auf die Idee kommen, dass alles seinen normalen Gang geht. Doch das darf aus pädagogischen Gründen nicht sein. Selbst einst angesehene Institutionen wie der staatliche Deutsche Wetterdienst (DWD) bombardiert die Menschheit routiniert mit Pressemitteilungen, in denen es «zu warm», «zu nass», «zu trocken» oder anderswie unnormal zugeht. Als die Welt Meteorologie-Organisation das Jahr 2010 als eines der drei wärmsten Jahre der letzten Zeit (neben 1998 und 2005) vermeldete, posaunte der DWD, die WMO habe 2010 als «das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen» bezeichnet. Das hat sie nicht.

Hexenjagd und der mittelalterliche Gottesbeweis

Möglicherweise merken diese Klima-Aktivisten gar nicht mehr, dass sie manipulieren. Der englische Philosoph Francis Bacon wusste davon schon im Jahre 1620 ein Lied zu singen: «Hat der menschliche Verstand einmal eine Meinung angenommen, (…) so zieht er alles heran, um diese zu bestätigen und mit ihr zusammenzustimmen. Und selbst wenn sich für das Gegenteil mehr und weit bessere Beweise anbieten, so wird er diese mit grosser und schädlicher Voreingenommenheit ignorieren, verdammen oder sie durch Spitzfindigkeiten als irrelevant betrachten, auf dass die Autorität seiner ersten Annahme ungeschmälert erhalten bleibe.»

Und das gilt auch für die Medien. Als vor einigen Jahren ein Sturm durch Deutschland jagte, schrieb die «Bild»-Zeitung: «Wer an der drohenden Klimakatastrophe noch gezweifelt hat – das Orkantief Kyrill hat ihn endgültig wachgerüttelt.» Als die in dessen Folge vorhergesagte Sturmflut an der Nordsee dann ausblieb, schrieb das Blatt: «Wie unberechenbar das Wetter geworden ist, zeigte ‹Kyrill› im Norden: Die Sturmflut, mit der Meteorologen gerechnet hatten, fiel aus.»

Wenn nicht nur eine Katastrophe, sondern auch ihr Ausbleiben als Folge sündhaften menschlichen Treibens gedeutet werden, erinnert das an den mittelalterlichen Gottesbeweis: Wenn eine gefesselte Hexe im Wasser unterging, war sie keine Zauberin, aber dennoch tot. Schwamm sie obenauf, dann handelte es sich hingegen eindeutig um eine Hexe, woraufhin sie ebenfalls vom Leben in den Tod befördert wurde.

Basler Zeitung

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