Vom strahlenden Wahlsieger zum einsamen Patriarchen

Berlusconis politischer Niedergang hält Italien in Atem. Der 77-jährige Berlusconi war in den vergangenen 20 Jahren die dominierende Persönlichkeit der Politik. Nun ist er nur noch ein Schatten seiner selbst

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Wie kein anderer europäischer Politiker hat Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi in den letzten Jahren Höhenflüge und einen langen politischen Niedergang erlebt. Eine rechtskräftige Verurteilung zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs, der bevorstehende Ausschluss aus dem Parlament und ein erbitterter parteiinterner Machtstreit haben den vor Selbstvertrauen strotzenden Medienzaren zum Schatten seiner selbst werden lassen.

Berlusconis überraschende Kehrtwende vor dem Senat am Mittwoch und sein in letzter Minute ergriffener Beschluss, der Regierung Letta doch nicht das Vertrauen zu entziehen, haben der Welt klar gemacht, wie isoliert der exzentrische TV-Tycoon in seinen eigenen Reihen ist.

Seine Wutausbrüche und seine Versprechungen von Vorteilen und Schlüsselämtern genügen nicht mehr, um sich die Treue seiner Vertrauten und den Zusammenhalt seiner Partei zu sichern

Erfolgreiche Kampagne gegen Steuer

Der 77-jährige Berlusconi war in den vergangenen 20 Jahren die dominierende Persönlichkeit der italienischen Politik. Wie keiner vor ihm hat er mit seinen riesigen finanziellen Mitteln, seiner Ausstrahlung und einem undurchsichtigen Netz aus Macht und Wirtschaftsinteressen das Land beherrscht.

Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Februar hatte Berlusconi mit dem demagogischen Versprechen, eine unpopuläre Immobiliensteuer abzuschaffen, unerwartet gut abgeschnitten.

Seine Gruppierung «Volk der Freiheit (Pdl) schaffte es überraschend, zur zweitstärksten Einzelpartei im Parlament aufzurücken. Nach zermürbenden politischen Verhandlungen wurde im vergangenen April eine Regierung gegründet, die auf einer «Grossen Koalition zwischen Berlusconis PdL und der «Demokratischen Partei (PD) um Premier Enrico Letta basiert.

Kratzer im Lack

Berlusconi präsentiert sich mit Vorliebe als «Macher», doch Sexaffären, unzählige Prozesse und wirtschaftliche Probleme in seinem einst florierenden Medienimperium haben sogar dem unerschütterlich wirkenden Selbstvertrauen des Mailänder Unternehmers einen Dämpfer verpasst.

Der langsame Niedergang des Patriarchen begann im Mai 2009 und seitdem scheint Berlusconi eine Talfahrt ohne Ende zu erleben, die lediglich von kleineren Erfolgen kompensiert wurde.

Seine Welt ist nicht mehr heil: Das Image des braun gebrannten, Optimismus versprühenden Milliardärs ist längst dahin, ersetzt durch das Bild eines verunsicherten, angstgeplagten alten Mannes, dem ein Jahr Hausarrest und die Verbannung aus der Politik bevorsteht.

Politischer Zögling wendet sich ab

Die wohl bitterste Pille musste Berlusconi diese Woche schlucken. Sein bisher treuester Verbündeter, der junge PdL-Chef Angelino Alfano, wendete sich von ihm ab und will jetzt mit rund einem Drittel der Berlusconi-Parlamentarier eine eigene liberale Fraktion gründen.

Auch für den geduldigen Alfano, seit Jahren loyaler «Ziehsohn» des herrischen Berlusconi, platzte der Kragen, als sein Mentor am Samstag beschlossen hatte, die Regierung Letta zu stürzen, in dem er sowohl Innenminister als auch Vizepremier ist.

Der Beschluss kostete Berlusconi eine präzedenzlose Spaltung in seiner Partei, die er wohl auch mit seinem altbekannten Überzeugungstalent nicht kitten werden kann.

Berlusconis Stern ist am Sinken

Der Bruch zwischen Alfano und Berlusconi ist offenkundig unüberbrückbar. Ausgerechnet in den Tagen, in denen er seine Forza Italia neu gründen wollte - die Partei, mit der er vor genau 20 Jahren als strahlender Industriekapitän in die morsche italienische Politik eingestiegen war, um sie auf den Kopf zu stellen -, kämpft der Medienzar gegen eine Massenabwanderung aus seinem Lager.

70 Parlamentarier, ein Drittel all seiner Mandatare, wollen sich der neuen Fraktion Alfanos anschliessen. Sogar die überzeugtesten Anhänger Berlusconis wittern das baldige politische Ende des Fernsehzaren und suchen nach Alternativen, um sich im Mitte-rechts-Block eine Zukunft zu sichern.

Berlusconi droht der Ausschluss

Die lange Agonie Berlusconis ist noch nicht zu Ende. Am Freitag tagt die Senatskommission, die über seinen Ausschluss aus dem Parlament entscheiden muss. Bis Ende Oktober wird der gesamte Senat darüber abstimmen, ob Berlusconi infolge seiner rechtskräftigen Verurteilung seinen Parlamentssitz räumen muss.

Bis Mitte Oktober steht Berlusconi vor der blamablen Entscheidung, ob er seine einjährige Haftstrafe unter Hausarrest absitzen, oder ob er Sozialdienst leisten will.

Vergebens kämpfte Berlusconi in den vergangenen Wochen um eine «politische Lösung, die ihm die Demütigung des Parlamentsausschlusses erspare. Selbst die Drohung, die Regierung Letta zu stürzen, half ihm nicht. Berlusconis politisches Ende ist mit dem Vertrauensvotum am Dienstag um einen Schritt näher gerückt.

bru/sda

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