Ungarn streitet über die Erinnerung

Fertig war der Bau schon 2015, doch das Budapester Museum über die Vernichtung der ungarischen Juden ist noch immer nicht eröffnet. Es geht um richtiges und falsches Gedenken.

Weiterhin geschlossen: Das «Haus der Schicksale» in Budapest ist eigentlich ein Prestigeobjekt der Regierung Orban. Foto: Bernadett Szabo (Reuters)

Weiterhin geschlossen: Das «Haus der Schicksale» in Budapest ist eigentlich ein Prestigeobjekt der Regierung Orban. Foto: Bernadett Szabo (Reuters)

Peter Münch@SZ

Ein hölzerner Zaun umfasst das Gelände, massiv, blickdicht und zweieinhalb Meter hoch. Die Stufen zum Eingangsportal sind mit Schnee bedeckt, keine Fussspur ist zu sehen, und an dem zugesperrten Gitter hängt ein Schild: «Achtung, das Areal wird von Hunden geschützt.» Alles ist dunkel, alles ist abweisend. Dabei liegt hinter dem Zaun auf dem Gelände des ehemaligen Josefstädter Bahnhofs im 8. Budapester Stadtbezirk doch eigentlich eines der Prestigeobjekte der ungarischen Regierung. Der riesige Davidstern, der zwischen zwei Türmen prangt, verweist darauf: Hier soll Ungarns neues Holocaust-Museum eröffnen. Irgendwann.

Die Pläne für das Museum, das an die fast 600'000 getöteten ungarischen Opfer der Schoah erinnern soll, sind bereits 2013 vorgestellt worden. 2015 war alles fertig gebaut, umgerechnet 20 Millionen Euro wurden investiert. Auf Fotos kann man die Cafeteria sehen, in der originalverpackte Tische und die Kaffeemaschine auf ihren ersten Einsatz warten. Doch ein zäher Streit verhindert die Eröffnung.

Netanyahu involviert

Die Querelen um das Budapester Holocaust-Museum, das unter dem Namen «Haus der Schicksale» geführt wird, können inzwischen als Lehrstück dafür herhalten, wie viel Streit die Erinnerung auslösen kann, wenn sie als Erinnerungspolitik betrieben wird. Der Hauptakteur darin ist die ungarische Regierung unter ihrem national-konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban, tragende Rollen spielen weiter zwei konkurrierende jüdische Organisationen in Budapest. Auch die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sowie die israelische Regierung von Premier Benjamin Netanyahu sind involviert. In diesem Spannungsfeld wird gestritten und getrickst, es bilden sich ungewöhnliche Allianzen – und das eigentliche Anliegen droht dabei unter die Räder zu kommen.

Angefangen hat alles damit, dass Orbans Regierung ein neues Holocaust-Museum ankündigte, obwohl es so etwas eigentlich schon gibt in Budapest. Auf dem Gelände einer früheren Synagoge ist 2004 das Holocaust Memorial Center eröffnet worden – mit grossem Anspruch und Aufwand, zur Eröffnung kam auch Israels Staatspräsident. Dies allerdings war ein Projekt der damals regierenden Sozialisten; der Verdacht liegt nahe, dass die Orbanisten dem etwas entgegensetzen wollten.

Zu Beginn standen die Zeichen trotzdem auf Konsens. Es wurde ein Beirat gegründet, dem unter anderem Andras Heisler angehörte, der Vorsitzende des Verbands der jüdischen Gemeinden Ungarns, kurz Mazsihisz, sowie zwei Experten von Yad Vashem. Mit der Leitung wurde Maria Schmidt beauftragt, die als Haus- und Hofhistorikerin der Fidesz-Partei gelten darf. Sie amtiert zugleich als Direktorin im «Haus des Terrors» am Budapester Prachtboulevard Andrassy ut, welches sich mit Ungarns Historie unter den Diktaturen des Faschismus und Kommunismus befasst. Kritiker bemängeln dort ein Geschichtsverständnis, das die Ungarn allein als Opfer fremder Ideologien und Besatzer darstellt.

Angeblich ignorierte das Konzept die Täter – und damit die Frage nach einer Mitschuld Ungarns.

Schmidt legte alsbald für das «Haus der Schicksale» ein erstes Ausstellungskonzept vor, das sich weitgehend auf die Schicksale ermordeter jüdischer Kinder aus Budapest konzentrierte. Die Botschaft des Hauses sei «die Geschichte der Liebe zwischen ungarischen Juden und Nicht-Juden», schrieb Schmidt 2014 in einem Zeitschriftenbeitrag. Das klingt nach Harmonie – und es provozierte Streit. Aus Protest traten Heisler als Vertreter der ungarischen Juden sowie die beiden Experten von Yad Vashem aus dem Kuratorium aus. Ihre Begründung: Das Konzept ignoriere die Täterseite – und damit auch die Frage nach einer Mitschuld von Ungarn.

Wer das unter der Orban-Regierung gepflegte Geschichtsbild und den Widerstand dagegen verstehen will, der muss nur auf den Freiheitsplatz hinter dem Parlamentsgebäude gehen, wo 2014 ein «Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung» enthüllt wurde. Als Verkörperung Ungarns steht da der Erzengel Gabriel, der von einem Adler attackiert wird. Dieser Adler trägt einen Ring mit der Jahreszahl 1944, die für den Einmarsch der deutschen Wehrmacht steht. Direkt gegenüber haben Demonstranten eine Art Gegendenkmal errichtet, mit Fotos und Erinnerungsstücken von Holocaust-Opfern. «Meine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Danke, Erzengel Gabriel», ist da zum Beispiel zu lesen – als bitterer Verweis auf die Mitschuld ungarischer Kollaborateure.

Orban nutzt den Opfermythos

Der ungarische Opfermythos, ein zentrales Element in Orbans Konzept einer neuen nationalen Identität, kollidiert hier mit der komplizierten historischen Wahrheit. Orban ging 2017 sogar so weit, den Reichsverweser Miklos Horthy, einen erklärten Antisemiten und lange Zeit treuen Verbündeten Hitlers, der Ungarn zwischen 1920 und 1944 mit harter Hand regierte, als «Ausnahmestaatsmann» zu loben. Das riecht nach Revisionismus – und wegen solcher Geschichtsklitterung halten sich sowohl Andras Heisler als auch Yad Vashem bis heute fern vom geplanten neuen Holocaust-Museum.

Orbans Dilemma: Gegen den Widerstand der Juden kann er in Budapest kein Gedenken an die jüdischen Opfer inszenieren. Auf der Suche nach einem Ausweg luden im September 2017 schliesslich der zuständige Minister Gergely Gulyas und Maria Schmidt zu einer Pressekonferenz vor das leer stehende Holocaust-Museum. Über ihren Köpfen war gross der Davidstern zu sehen – und an ihrer Seite stand plötzlich Rabbi Slomo Köves. Er ist Vorsitzender der «Vereinigten Israelitischen Glaubensgemeinschaft in Ungarn» (Emih), die der weltweiten chassidischen Chabad-Bewegung angegliedert ist. Rabbi Köves wurde vorgestellt als neuer Hausherr des Gebäudes, das in den Besitz von Emih übertragen wurde. Als Partner der Regierung soll die orthodoxe Chabad-Gemeinde das Holocaust-Museum betreiben. Die Eröffnung wurde für 2019 angekündigt.

Damit war die von Andras Heisler geführte Dachorganisation Mazsihisz mit einem klassischen Divide-et-Impera-Manöver ausgebootet worden. Seine Wut darüber kann Heisler auch heute noch nur mühsam unterdrücken. In seinem Büro nahe der Grossen Synagoge in der Dohany-Strasse verweist er auf die Rolle von Mazsihisz als Sprachrohr der rund 100'000 Budapester Juden, von denen nur wenige in Gemeinden organisiert sind. «Wir verstehen die Seele des ungarischen Judentums besser als eine Organisation, die erst seit 20 Jahren hier ist», sagt Heisler. Rabbi Köves vertrete «höchstens ein paar Hundert Menschen».

Antisemitismus als «Element der Politik»

Köves selbst spricht von 3000 Gemeindemitgliedern und sieht sich keineswegs als Feigenblatt. Ihm werden gute Beziehungen zu Ungarns und Israels Regierung nachgesagt. Mit einigem Stolz erzählt er, wie Orban ihn beim Besuch Netanyahus in Budapest 2017 dem israelischen Regierungschef mit den Worten vorgestellt habe: «Das ist der Rabbi, der mich kritisiert, wenn ich es verdiene.» Allzu sehr kritisieren will er Orban allerdings nicht. Köves attestiert ihm nur, dass er auf seinem Weg zur Bildung einer nationalen Identität bisweilen «auf einem schmalen Grat balanciert».

Selbstbewusst zeigt sich Köves auch mit Blick auf die neue Aufgabe. «Als wir das Projekt übernahmen, haben wir das nicht gemacht, um eine Immobilie zu besitzen, sondern um das Konzept zu bereichern und zu erneuern», sagt er. Als Berater seien mittlerweile auch wieder israelische Historiker gewonnen worden. Namen will er nicht nennen, auch verrät er nicht, wie genau das neue Konzept aussehen soll. Aber er verspricht, «das volle Spektrum der Geschichte zu zeigen». Dazu gehöre auch, dass der Antisemitismus «mindestens seit 1920 ein bildendes Element der ungarischen Politik» gewesen sei. Allerdings soll die Botschaft des Museums «keine Anklage gegen eine ganze Gesellschaft sein».

Auch bei ihm klingt das nach einem «schmalen Grat», und die Kritiker hat er längst noch nicht überzeugt. In Yad Vashem verweist ein Sprecher auf Anfrage auf einen Blogbeitrag, in dem der Direktor der Gedenkstättenbibliothek, Robert Rozett, unmittelbar nach dem Einstieg von Köves hart ins Gericht geht mit dem Budapester Holocaust-Museum. An dieser Haltung habe sich bis heute nichts geändert, heisst es in Jerusalem. Rozett kritisiert, es fehle beim Museumskonzept «jeder relevante historische Kontext». Unterschlagen werde auch «die Rolle, die Ungarn bei der Verfolgung ihrer jüdischen Nachbarn spielten». Stattdessen gebe es eine «überproportionale Darstellung von Ungarn als Retter von Juden». Kurzum: Es drohe eine «schwere Verfälschung der Geschichte».

Gemeinsam gegen Soros

Hinter den Kulissen wird nun heftig gerungen. Heisler war im Dezember in Israel und traf dort zwar Vertreter von Yad Vashem, aber niemanden von der Regierung. Köves begleitet im Januar den ungarischen Kirchen-Staatssekretär Miklos Soltesz nach Israel und kam mit Regierungsmitgliedern zusammen. Auf höchster Ebene schliesslich trafen sich Viktor Orban und Benjamin Netanyahu am Neujahrstag in Brasilien bei der Amtseinführung des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Die beiden pflegen ohnehin ein inniges Verhältnis, das unter anderem gefestigt wird durch ihre Abneigung gegen George Soros, der als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren wurde.

Einem Bericht der «Times of Israel» zufolge hat Orban Netanyahu in Brasilien versprochen, es gebe beim «Haus der Schicksale» einen «neuen Plan». Der riesige Davidstern über dem Gelände, der von innen beleucht werden kann, soll demnach schnell zum Strahlen gebracht werden. Doch wenn man Rabbi Köves fragt, ob mit einer Eröffnung 2019 zu rechnen ist, dann hebt der die Hände gen Himmel und sagt: «Ich glaube kaum, dass das möglich ist. Ein neues Konzept braucht Zeit.»

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