Überall lauert das Böse – auch im Handball

In Deutschland wird nun sogar darüber gestritten, warum im Handball kaum Migranten mittun. Mit diesem hysterischen Klima tut sich das Land keinen Gefallen.

«Wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne», sagt Stefan Kretzschmar in einem Interview.

«Wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne», sagt Stefan Kretzschmar in einem Interview.

(Bild: Keystone)

Sebastian Briellmann

In diesen Tagen ist in Deutschland viel über Handball zu lesen – und das sollte eigentlich nicht übermässig erstaunen, schliesslich macht König Fussball derzeit noch Pause und ist unser nördlicher Nachbar, gemeinsam mit Dänemark, Ausrichter der Weltmeisterschaft, die letzte Woche begonnen hat. Die Titelkämpfe dominieren aber nicht die Schlagzeilen, was einigermassen stutzig macht, wer weiss, dass die Deutschen sich für solche Anlässe auf eine bewundernswerte Weise begeistern können und dies entsprechend in der Berichterstattung honoriert wird.

Doch nun ist alles anders, und steht das Sportliche im Hintergrund. Was dominiert, ist eine Diskussion, die der ehemalige deutsche Weltklasse-Handballer Stefan Kretzschmar ausgelöst hat. In einem Interview mit T-Online sagte der 45-Jährige: «Wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äussern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen oder wir haben mit unseren Werbeverträgen Probleme, dass die gekündigt werden, wenn es nicht ins Konzept passt.»

Gleich als Nazi abgestempelt

Wenn man nicht gerade sage, «wir sind bunt» oder «Refugees welcome», zu diesen Themen eine einigermassen kritische Meinung habe, dann werde einem in diesem Land sofort jedes Wort vorgeworfen. Das mag etwas übertrieben formuliert sein, aber Kretzschmar hat sicher nicht ganz unrecht mit seiner harschen Kritik. Deutschland hat es, auch nach über drei Jahren seit der Flüchtlingskrise, noch immer nicht geschafft, sich in Migrationsfragen auf eine Debattenkultur zu einigen, wo verschiedene Standpunkte sachlich diskutiert werden können. Dazu passt, dass momentan jeder, der ein kritisches Votum in Ausländerdiskussionen wagt, gleich als Nazi abgestempelt wird.

Dass die Kritiker dabei mit den schlimmsten Verbrechern der Weltgeschichte gleichgesetzt und deren Taten so verharmlost werden, ist ein Skandal – und es zeigt, dass sich Deutschland mit diesem hysterischen Klima keinen Gefallen tut.

Die eigentliche Tragödie liegt darin, dass ein Abkühlen der überhitzten Gemüter nicht in Sicht ist; eher das traurige Gegenteil ist der Fall, womit wir wieder beim Handall wären. Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft berichtete die taz, dass in dieser Sportart kaum Migranten mittun, es das «Spiel der Autochthonen» sei. Dabei zitierten sie zwei Forscher der Universität Bielefeld, die den Handballvereinen in ihrer Arbeit vorwarfen, unbewusste Grenzen zu ziehen, da diese Werte beanspruchen, «die als typisch deutsch gelten: Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Authentizität».

Das Böse lauert überall.

Was an diesen Eigenschaften ausgrenzend sein soll, bleibt ein Rätsel, aber die Botschaft der Forscher ist klar: Die Clubs müssen sich öffnen, auf unterschiedliche Milieus zugehen. Der Vorwurf der Abschottung, wenn auch unbewusst, wirkt reichlich konstruiert – aber es passt, wie Kretzschmar das sagt, einfach ziemlich gut ins Konzept.

Die Forscher schreiben auch, dass der Spielbetrieb mit mehr Migranten langfristig gesichert werden könnte. Ist der deutsche Handball also vom Aussterben bedroht? Wohl kaum. Deutschland ist Mitfavorit auf den Titel.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...