Schwindelnder Jus-Professor

Giuseppe Conte wird neuer Regierungschef Italiens. In seinem Lebenslauf tauchen aber Ungereimtheiten auf.

Brisante Personalie bei der Regierungsbildung in Italien: Giuseppe Conte.

Brisante Personalie bei der Regierungsbildung in Italien: Giuseppe Conte.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Giuseppe Conte, Rechtsprofessor in Florenz, hat einen brillanten Lebenslauf vorzuweisen. Doch so brillant das zwölfseitige Curriculum Vitae (CV) daherkommt – vieles stimmt offenbar nicht. Den ersten Verdacht, dass Conte seinen CV aufgemotzt haben könnte, äusserte die «New York Times». So hat der als italienischer Ministerpräsident vorgeschlagene Jurist an der New York University (NYU) weder offiziell studiert noch geforscht, wie dessen Lebenslauf suggeriert.

Wie eine NYU-Sprecherin sagte, habe der 53-jährige Conte lediglich zwischen 2008 und 2014 die Erlaubnis gehabt, die Bibliothek der Rechtswissenschaften zu benutzen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass Conte an der NYU Kurse von ein oder zwei Tagen besucht habe, bei denen die Teilnehmer nicht gelistet werden.

Unbekannt an den Universitäten Cambridge und Sorbonne

Der Fall NYU ist im Lebenslauf Contes nur eine von vielen Ungereimtheiten, die in den internationalen Medien mittlerweile bekannt geworden sind. Dabei geht es vor allem um Studien- und Forschungsaufenthalte an renommierten Universitäten auf der ganzen Welt. Im CV von Conte figuriert zum Beispiel ein Forschungsaufenthalt im September 2001 am Girton College der Cambridge University in England. Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters finden sich keine Hinweise auf Tätigkeiten Contes an der Cambridge University. Dazu kommt, dass im September jeweils noch Sommerpause ist.

Auch an der Pariser Sorbonne ist Conte unbekannt, wie der «Corriere della Sera» schreibt. Möglicherweise habe er einzelne Kurse besucht. Es gebe aber keine Informationen über einen Forschungsaufenthalt im Jahr 2000 an der Sorbonne Panthéon-Paris I, wo sich die Fakultät der Rechtswissenschaften befindet.

Unklarheiten über Aufenthalte in Wien und auf Malta

Stutzig macht auch der CV-Eintrag, wonach Conte 1993 am «International Kultur Institut» in Wien seine Rechtsstudien vertieft haben soll. Ein Institut mit diesem Namen existiert nicht in Wien. Es gibt ein Internationales Kulturinstitut, das allerdings ausschliesslich Sprachkurse anbietet, wie der «Standard» berichtet. Ungenau sind Contes Angaben auch über seine Dozententätigkeit 1997 auf Malta. An der University of Malta ist kein Dozent mit dem Namen Conte bekannt, wie die «Repubblica» berichtet. Möglich sei eine Lehrtätigkeit für eine maltesische Stiftung für Internationale Studien, die es nicht mehr gibt und die ohnehin nie Teil der University of Malta gewesen ist.

Weitere Ungereimtheiten im CV von Conte betreffen seine nichtakademischen Tätigkeiten. So gibt er an, eine Anwaltskanzlei mitgegründet zu haben. Auf der Website des Alpa Studio Legale wird Conte allerdings nicht als Co-Gründer aufgelistet. Übertrieben hat er auch seine Rolle als Rechtskonsulent der Handelskammer von Rom. Er hatte lediglich einen Fall betreut, war aber keinesfalls als ständiger Berater tätig.

Der von der Fünf-Sterne-Bewegung als neuer Premier Italiens vorgeschlagene Conte hat inzwischen Hohn und Spott von halb Italien auf sich gezogen. In einem Tweet zum Beispiel erscheint der Rechtsprofessor aus Florenz als Pinocchio. Der Fall Conte ist auch für die politischen Gegner der Populisten ein gefundenes Fressen.

Conte steht nicht nur wegen seines geschönten Lebenslaufs im Fokus der öffentlichen Debatte. Weil er ein Polit-Neuling ist, wird auch seine Eignung als Ministerpräsident infrage gestellt. Italiens Medien berichteten heute Morgen, dass sich die Entscheidung über einen Regierungsauftrag für Conte in die Länge ziehen könnte. Conte wurde für 17.30 Uhr zum Präsidentenpalast in Rom bestellt. Dort erteilte ihm Staatschef Sergio Mattarella den Regierungsauftrag. Die beiden Koalitionsparteien, die Fünf-Sterne-Bewegung und die rechtspopulistische Lega, hatten den Politik-Quereinsteiger Conte als Ministerpräsidenten vorgeschlagen.

Ein zentraler Streitpunkt bei der Regierungsbildung ist die Besetzung des Wirtschafts- und Finanzministeriums, denn das ist ein Schlüsselposten. Die Pläne von Fünf-Sterne-Bewegung und Lega, vom Sparkurs gemäss den EU-Vorgaben abzurücken und milliardenschwere Vorhaben wie Steuersenkungen durchzusetzen, sorgen angesichts der hohen Staatsverschuldung Italiens europaweit für Unruhe. Die Fünf-Sterne-Bewegung war bei der Wahl am 4. März mit rund 32 Prozent stärkste Einzelpartei geworden. Die Lega hatte 17 Prozent bekommen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt