Rechtsextrem und humorlos

Der Comedian Schlecky Silberstein machte eine Satire über die Chemnitz-Vorfälle. Das Resultat: Hausbesuch eines AfD-Politikers, Verschwörungstheorien und Morddrohungen.

Die Chemnitz-Parodie «Volksfest in Sachsen». Quelle: Youtube/Bohemian Browser Ballett

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Es ist bekannt, dass Extremisten keinen Sinn für Humor haben. Ein aktuelles Beispiel dafür liefern Politiker der AfD und Trolle der ultrarechten Szene. Sie haben sich auf den deutschen Comedian Schlecky Silberstein eingeschossen: Sie verunglimpfen und bedrohen ihn. Daneben verbreiten sie Verschwörungstheorien gegen die sogenannten Mainstream-Medien. Seit Tagen gehen in den sozialen Medien die Emotionen hoch.

Ein Team um Silberstein hatte für das TV-Format «Bohemian Browser Ballett» von ARD und ZDF ein satirisches Video über die Ereignisse in Chemnitz gedreht. Nach den unzähligen gehässigen Reaktionen äusserte sich nun der Comedian und Satiriker ausführlich in einem Blog-Beitrag mit dem Titel «Ein Hauch von '33: Und plötzlich stehen sie vor deiner Tür».

«Attacken auf Künstler und Journalisten gehören zum kleinen Einmaleins der Autokratie»: Schlecky Silberstein, Comedian und Satiriker. Screenshot: Youtube

«Der Chemnitz-Clip war eine Auseinandersetzung mit allen, die vom Tod eines jungen Mannes profitieren wollten», schreibt Silberstein. In dem Beitrag gehe es um betont empörte Medien, asoziale Kampftrinker, Rechtsextreme und die AfD, aber auch um Quartals-Antifaschisten und Party-Demonstranten, denen Coca-Cola unter dem «Wir-sind-mehr»-Label Produktproben hinterhergeworfen hat. Das kurze Video heisst «Volksfest in Sachsen». Silberstein betont: «Wir teilen in alle Richtungen aus. Uns soll keiner nachsagen können, wir hätten eine einseitige Agenda.»

Aufdeckung eines angeblichen Skandals

Die Dreharbeiten in Berlin-Lichtenberg lösten unerwartete, heftige Reaktionen aus. «Die AfD ist entsetzt über den Versuch, Fake-Videos an einem falschen AfD-Parteistand zu drehen», heisst es in einem Facebook-Post der Partei. «Nachdem vor dem Stand eine Jagdszene mit einem mutmasslichen Südländer nachgestellt wurde, rückten die Täter wieder ab.» Durch Zufall sei dieses Projekt von AfD-Diffamierern aufgedeckt worden.

Zum AfD-Facebook-Post schreibt Silberstein in seinem Blog: «Beim Dreh versammelten sich schnell Anwohner, die den Verdacht schöpften, wir wollten eine gefakte Nazi-Demo in Berlin inszenieren. Geduldig erklärten wir das Set und die Story. Bemerkenswert vielen Menschen mussten wir die Kunstfreiheit erklären.» Trotzdem habe sich in AfD- und anderen rechten Kreisen sehr rasch das Narrativ verbreitet, «wir hätten eine Fake-Nazidemo gedreht, um sie als echte Veranstaltung auszustrahlen».

AfD-Politiker warfen den Filmemachern vor, sie mit einem gefälschten Video in Misskredit bringen zu wollen. Mit Geldern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werde unlautere Propaganda gegen die AfD betrieben, hiess es weiter. Ausserdem machte der AfD-Politiker Frank-Christian Hansel einen Hausbesuch bei Silbersteins Geschäftspartner der gemeinsamen TV-Produktionsfirma. Dabei liess er sich filmen: Das Video mit den Adressdetails wurde über den Facebook- und Youtube-Kanal der AfD-Berlin geteilt. Damit nahm die Hetze in den sozialen Medien seinen Lauf.

«Der alte Vernichtungs-Reflex»

«Viele Kommentatoren waren sehr erregt über den jüdischen Namen meines Partners», schreibt Silberstein, der eigentlich Christian Brandes heisst. «Und spätestens wenn Juden im Spiel sind, greift bei Teilen der AfD-Klientel der alte Vernichtungs-Reflex.»

Wie Silberstein betont, tauchte Politiker Hansel auf, «nachdem wir uns schon längst als Auftraggeber des Satiredrehs zu erkennen gegeben hatten». Der AfD-Politiker machte also wider besseren Wissens Stimmung gegen die Satire-Macher. Silberstein hat sich in den letzten Tagen wiederholt in Medieninterviews erklärt. Hetze und Drohungen dauern aber an, unabhängig von den Fakten. Silberstein stellt fest, «dass es die Story schon längst in den Alternative-Fakten-Kanon der rechten Filterblase geschafft hat».

Namen und Adressen der Satiriker im Internet veröffentlicht: AfD-Politiker Frank-Christian Hansel vor dem Haus in Berlin, wo die TV-Produktionsfirma von «Bohemian Browser Ballett» einquartiert ist.

«Viele tun immer so überrascht, wenn sie von solchen Methoden hören», meint Silberstein zu den Anfeindungen von rechter Seite. «Dabei gehören gerade Attacken auf Künstler und Journalisten zum kleinen Einmaleins der Autokratie. Die eigenen Anhänger sollen das Vertrauen in das wichtige Korrektiv namens Medien verlieren.»

Die AfD verteidigt ihren Umgang mit dem Comedian. In einer Medienmitteilung heisst es unter anderem, Silbersteins «peinliche Opferhaltung» sei eine Schutzbehauptung. «Die AfD soll mit allen erdenklichen Methoden mundtot gemacht werden.»

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