Radeln gegen die Mafia

Der Römer Bürgermeister Ignazio Marino inszeniert sich gern als Freigeist. Nach der Aushebung eines Mafiarings wird er bedroht.

«Ich denke, wir müssen Normalität vorleben»: Ignazio Marino, der radelnde Bürgermeister von Rom.

«Ich denke, wir müssen Normalität vorleben»: Ignazio Marino, der radelnde Bürgermeister von Rom.

(Bild: Reuters)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Die Vision von Ignazio Marino ist nichts weniger als die Wiederauferstehung Roms, der Ewigen Stadt, die im selbstverursachten Verkehrschaos und Politsumpf versinkt. Im Moment hat der Römer Bürgermeister aber eine andere Herkulesaufgabe zu bewältigen – und die ist sogar lebensgefährlich. Die ohnehin korruptionsanfällige Römer Politik wird von einem Mafiaskandal erschüttert. Der 59-jährige Linkspolitiker, der gern mit dem Velo unterwegs ist, wird bedroht, weil er die Geschäfte der organisierten Kriminalität stört. Dennoch hört er nicht auf den Rat seiner Sicherheitsleute, auf eine polizeieskortierte Limousine umzusteigen. «Ich denke, wir müssen Normalität vorleben», hat Marino die Öffentlichkeit wissen lassen. Beim Velofahren habe er von Bürgern viele aufmunternde Rufe erhalten.

Ex-Bürgermeister Alemanno unter Verdacht

Die Römer Polizei verhaftete letzte Woche 28 mutmassliche Mafiosi um den «König von Rom», Massimo Carminati, der in den 1980er-Jahren im rechtsterroristischen Milieu verkehrte. Inzwischen laufen Ermittlungen gegen rund hundert Unternehmer und Lokalpolitiker. Es geht um Manipulationen bei Auftragsvergaben, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Erpressung und Geldwäscherei. Unter den Verdächtigen ist auch Gianni Alemanno, ein früherer Neofaschist, der von 2008 bis 2013 Bürgermeister Roms war.

Als Marino im Juni 2013 als Kandidat des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) die Bürgermeisterwahl mit deutlichem Vorsprung gegen Alemanno gewann, versprach er eine Abkehr von der Klientelpolitik seines Vorgängers und ein Ende der Korruption, dazu Transparenz in der Stadtverwaltung und Bürgernähe. Er wolle die Menschen auf der Strasse wieder lächeln sehen, sagte Marino in den Tagen des Wahlkampfs. Rom müsse wieder eine lebenswerte Stadt werden, mit weniger Lärm und weniger Abgas. Rom solle auch seine führende internationale Rolle zurückgewinnen. Mittlerweile hat Marini das Image eines Öko-Avantgardisten, weil er Roms zentrale Verkehrsachse, die Via dei Fori Imperiali, teilweise aufhob und das antike Zentrum zu einem Park für Fussgänger und Velofahrer erklärte. Im autoverrückten Italien sind solche Ideen ein politisches Wagnis.

Karriere als Transplantationschirurg in den USA

Dass Marino zum Bürgermeister Roms gewählt wurde, ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens ist er kein Römer, zweitens kam er erst spät zur Politik, und drittens ist er in seiner Partei nicht unumstritten. Marino ist ein selbstbewusster und unkonventioneller Politiker, der sich in der Rolle eines Freigeistes gefällt.

Als Sohn einer Schweizerin und eines Sizilianers in Genua geboren, studierte Marino zunächst in Italien Medizin und spezialisierte sich danach im Ausland auf Chirurgie. In den USA erarbeitete er sich rasch einen hervorragenden Ruf als Transplantationschirurg, in den 1990er Jahren gehörte Marino zu den Pionieren der Leberverpflanzung. Er gründete Transplantationszentren in Italien, führte über 650 Operationen durch, wirkte an renommierten Medizininstituten in den USA. Dann, im Jahr 2006, wandte er sich der Politik zu, als Experte für Gesundheitspolitik. Als Unabhängiger auf der Liste des PD schaffte er die Wahl in den italienischen Senat, dem er bis 2013 angehörte. Dann zog es ihn ins Rathaus auf dem Kapitolshügel in Rom.

Nach der Zerschlagung des Mafiarings letzte Woche will Bürgermeister Marino alle verdächtigen öffentlichen Aufträge überprüfen lassen. Er spüre nun noch mehr Motivation «für die Erneuerung der Stadt zu arbeiten», sagte Marino. «Rom ist keine mafiöse Stadt.» «Gefährliche Organisationen» versuchten Marino zufolge, seinen Sieg bei der Bürgermeisterwahl im vergangenen Jahr zu verhindern. Als sie damit scheiterten, hätten sie ihn zunächst umgarnt. Dann hätten sie ihn unverblümt wissen lassen, dass sie ihn «loswerden» müssten. Die Drohungen hätten sich nun gehäuft.

Opposition fordert Rücktritt von Marino

Den Skandal um die «Mafia Capitale» nutzen die politischen Gegner für Angriffe gegen Bürgermeister Marino. Die populistische, totaloppositionelle Bewegung «Fünf Sterne» fordert, dass die gesamte Stadtregierung wegen zu starker Mafiainfiltration abgesetzt werden müsse und dass Rom kommissarisch verwaltet werden müsse. Auch die Partei «Forza Italia» von Silvio Berlusconi und das dem Ex-Ministerpräsidenten wohlgesinnte, rechtskonservative Blatt «Libero Quotidiano» machen Stimmung gegen den Bürgermeister, weil er angeblich dubiose Verwaltungsentscheide zugunsten eines «roten Bosses» abgesegnet haben soll. Sie fordern sogar dessen Rücktritt. «Ich trete nicht zurück, wir werden aufräumen», sagt Marino. Dabei erinnert er, nicht frei von einer gewissen Schadenfreude, an Berlusconi, der wegen Steuerbetrugs verurteilt worden sei und als Premier auch eine mafiafreundliche Politik gemacht habe.

Die Opposition hatte schon vor ein paar Wochen den Rücktritt von Marino gefordert. Denn der Bürgermeister, der nicht nur Velo fährt, hatte sein Auto wiederholt regelwidrig parkiert und dabei Strafzettel in der Höhe von über tausend Euro angehäuft. Die Bussen zahlte Marino zwar nach, allerdings erst nach grossem öffentlichem Druck. Ein Makel in der Vita des etwas anderen italienischen Politikers.

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