Putins Pudel

Matteo Salvini war lange stolz auf seine Kontakte zum Kreml. Nun holt ihn die Geschichte ein.

Vizeregierungschef Matteo Salvini mit Putin-T-Shirt auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: Facebook

Vizeregierungschef Matteo Salvini mit Putin-T-Shirt auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: Facebook

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Matteo Salvini in Moskau – davon gibt es einen Haufen Fotos. Auf allen lächelt Italiens Innenminister. Die meisten hat er selbst gepostet, ganz stolz. Er war ja auch schon oft da. Man sieht ihn auf dem Roten Platz, als wäre er Tourist. Auf einem der Bilder trägt er ein T-Shirt mit Aufdruck: Wladimir Putin als Feldherr, düstere Miene, ziemlich furchterregend. Salvini aber lacht und hält den rechten Daumen hoch. Ein ähnliches Leibchen streifte er sich einmal über, als er im Europaparlament gegen die Sanktionen protestierte, die der Westen nach der Annektierung der Krim gegen Russland verhängt hatte. Und wieder grinste er, als sei ihm da ein besonders geistreicher Coup gelungen.

Nun, die Nähe zu Moskau könnte ihn jetzt teuer zu stehen kommen. Noch ist unklar, ob das Ungemach, das ihm dräut, eher seiner politischen Naivität oder den angeblich strafrechtlich relevanten finanziellen Begehrlichkeiten für seine Partei geschuldet ist. Beide Deutungen disqualifizieren ihn. Die italienische Justiz untersucht den Verdacht, wonach Entsandte Salvinis mit russischen Gewährsleuten einen Öldeal ausgeheckt haben, der 65 Millionen Dollar in die Kassen der Lega spülen sollte. Es würde schon ausreichen, wenn die Ermittler die Absicht nachweisen könnten.

Man muss sich das mal vorstellen: Eine rechtsnationalistische europäische Regierungspartei, die täglich den Souveränismus predigt und Brüssel geisselt, als wäre es die Kommandozentrale einer Bankendiktatur, verkauft sich und mithin das Land an den Kreml. Das würde wohl selbst Salvini wegfegen, und von dem dachte man bisher ja, nichts könne ihm schaden. Die Zeitungen drucken wieder die alten Fotos vom Roten Platz.

Ein 90-Jähriger erklärt den Italienern die Aussenpolitik

Der Draht Roms nach Moskau ist keine Erfindung Salvinis. Früher, im Kalten Krieg, war der PCI die grösste kommunistische Partei im Westen. Ihre Anführer reisten regelmässig rüber. Als Putin an die Macht kam, entspann sich ein starkes Band zur italienischen Rechten, und das, obschon sich Italien schon lange und fest dem Atlantismus verschrieben hatte.

Mit Silvio Berlusconi, dem Cavaliere, konnte es der Zar besonders gut. «Die beiden begegneten sich auf Augen­höhe», sagt Sergio Romano, und dem sollte man in solchen Dingen immer zuhören. Romano, heute 90, war früher Botschafter Italiens bei der Nato, in Paris, in London und in Moskau. Seit er in Rente ist, erklärt er den Italienern die Aussenpolitik.

«Salvini dagegen ist ein Wasserträger Putins», sagt Romano. Ein Fan, der alles tut für ein Selfie mit dem Star. Die Beziehung sei völlig asymmetrisch. Für Putin sei Salvini nur eines von vielen Mitteln, die er einsetze, um der Europäischen Union zu schaden. Nur merke der das nicht. Man könnte auch sagen: Salvini ist Putins Pudel. Auch dazu passen die Fotos vom Roten Platz.

In Italien fragt man sich nun, warum die Tonaufnahme, die Salvinis «Russiagate» erst richtig befeuerte, gerade jetzt an die Öffentlichkeit kam. Mutmassungen gibt es viele, eine geht so: Moskau soll sich geärgert haben, dass Salvini neulich in Washington Donald Trump huldigte, seinem anderen grossen Idol, als schwenke sein Herz um. Darauf soll der Kreml angeordnet haben, das Tape zu leaken. Plausibel? Oder nehmen sich die Italiener da zu wichtig? Wie auch immer: Die aussenpolitischen Dilettanten in Rom sind Hasardeure auf der Weltbühne. Das grösste Risiko aber läuft Italien.

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