Panzer auf dem Golfplatz und den Jet im Garten

Die Briten rechnen «allen Ernstes» mit einem Terrorangriff. Kein Wunder wird das «Nato-Hotel» Celtic Manor in Newport zur Festung. Selbst Kriegsschiffe haben vor der walisischen Küste Position bezogen.

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Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Gleich zweifach wollen die Briten diese Woche Kampfgeist beweisen. Zum einen haben sie ihre Sicherheitskräfte in verstärkte Alarmbereitschaft versetzt. Aus Angst vor Terroranschlägen ist der Grad des Alarms auf «ernste Bedrohung» – die zweithöchste Stufe – angehoben worden. Mit einem Angriff auf Grossbritannien müsse jetzt allen Ernstes gerechnet werden, hat Innenministerin Theresa May erklärt.

Vor öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen und Flughäfen sind Extra-Polizeieinheiten mit Maschinenpistolen aufgezogen. Auch Einkaufszentren, vor allem in London, werden verschärft kontrolliert. Bei der U-Bahn in London ist es schon zu Ausfällen gekommen, nachdem fälschlich Panikmeldungen verbreitet wurden. Derweil plant Premierminister David Cameron neue Massnahmen, mit denen er sein Land gegen Terrorüberfälle zu schützen hofft.

«Wir dürfen ihm nicht erlauben, sich das ganze Land zu nehmen»

Gleichzeitig rüstet Cameron, etwas weiter im Westen, zu einer internationalen Demonstration militärischer Stärke. Am Donnerstag und Freitag dieser Woche findet im walisischen Newport der Nato-Gipfel statt. Grossbritannien ist dieses Jahr Gastgeber der Konferenz, die alle zwei Jahre einberufen wird.

Das Treffen aber kommt, laut Cameron, «in einem ganz entscheidenden Augenblick» der Geschichte. Russlands jüngste Aktionen in der Ukraine könnten «nicht länger folgenlos bleiben», meint Londons Regierungschef. Cameron sieht schon ähnliche Gefahren wie in den 30er-Jahren: «Wir riskieren hier eine Wiederholung der Fehler, die 1938 in München gemacht wurden.» Diesmal dürfe dem russischen Präsidenten nicht nachgegeben werden: «Er hat sich bereits die Krim geschnappt – wir dürfen ihm nicht erlauben, sich das ganze Land zu nehmen.»

Liberale raten zu weniger Kriegsrhetorik

Britische Militärs gehen noch einen Schritt weiter. In Anspielung auf das Wappen von Wales hat General Sir Richard Shirreff zu Wochenbeginn bereits hoffnungsvoll erklärt, nun werde «man ja sehen, ob in Wales erneut ein Drache kräftig Feuer speit». Shirreff, der bis vor kurzem Vizekommandeur der Nato in Europa war, hält jetzt «moralischen Mut, Schneid und Churchill'sche Entschlossenheit» für gefragt in England – eben «den rechten Willen» zum Widerstand.

Liberale Stimmen auf der Insel raten zu weniger Drachenrhetorik. Leider habe der Ukrainekonflikt es «der Nato erlaubt, wieder in die Arme vertrauter Gewissheiten aus der Zeit des Kalten Krieges zu schlüpfen», meint Mary Dejevsky, prominente Kommentatorin des Londoner «Independent»: «Für Nostalgie ist nicht allein Präsident Putin anfällig.»

Auch der IS ist ein Thema am Gipfel

Als Nato-Gastgeber balanciert Premier Cameron vorsichtig auf dem Rücken des walisischen Drachen. Die Briten hat, wie alle Welt, die dramatische Entwicklung in der Ostukraine überrascht. Als frühe Pläne für die Tagung in Newport geschmiedet wurden, hatte man noch den gemeinsamen Abzug aus Afghanistan zum Ausgangspunkt für eine Nato-Bilanz machen wollen.

Jetzt ist der Gipfel völlig von Russlands Militäraktionen und von der Frage möglicher Gegenmassnahmen der Allianz überschattet. Die geplante schnelle Eingreiftruppe und eine Erhöhung nationaler Militärbudgets sollen im Mittelpunkt der Beratungen stehen. Allerdings will Cameron auch ein mögliches gemeinsames Vorgehen gegen den IS behandelt wissen – nachdem sich sein Land nun schon in Alarmbereitschaft befindet.

Luxushotel von der Aussenwelt abgeschirmt

Sicherheit für alle Tagungsteilnehmer hat unterdessen höchste Priorität für Camerons Regierung. Noch nie in der Geschichte hat das Vereinigte Königreich eine so umfassende Versammlung «hoher Häupter» gesehen.

Angeführt von US-Präsident Barack Obama, werden in Newport 67 Staats- und Regierungschefs erwartet. Die Zahl all ihrer Mitarbeiter und Berater soll bei annähernd zehntausend liegen. Ebenso viele Polizisten sind aufgeboten, um den Gipfel von der Aussenwelt abzuschirmen.

Hauptgebäude der Tagung ist ein walisisches Luxushotel, das Celtic Manor, in dessen teuren Suiten sonst eher Popstars wie Beyoncé, Kylie Minogue oder Bruce Springsteen absteigen. Drei Meter hohe Stahlzäune sind um das Tagungsgelände herum gezogen worden.

Auf einer Länge von 350 Kilometern ist, beiderseits von Newport, die M4-Autobahn «abgesichert» worden – damit Demonstranten den anreisenden Nato-Leuten nicht den Zugang versperren können. Den Luftraum über Wales hat die Royal Air Force fest im Auge. Kriegsschiffe haben vor der Küste Position bezogen.

50 Millionen Pfund zur Sicherung des Gipfels

Auch in der walisischen Hauptstadt Cardiff sind – sehr zum Leidwesen der örtlichen Bevölkerung – Schutzwälle und Kontrollstellen errichtet worden. In Cardiff Castle hat Cameron für Donnerstagabend Präsidenten und Amtskollegen zu einem Bankett geladen. Dem Drachen soll, damit er zu Kräften kommt, beste walisische Küche geboten werden.

Auch in anderen Städten der Region, bis hin nach Swindon und Swansea, sind Konferenzteilnehmer untergebracht worden. Newport und Cardiff allein bewältigen den Ansturm nicht. Demonstranten haben in Newports Tredegar Park ihr Friedenscamp aufgeschlagen. 50 Millionen Pfund, eine Rekordsumme, gibt der britische Staat zur Sicherung des Gipfels aus.

baz.ch/Newsnet

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