Noch immer Dampf in der Pfeife

Jeremy Thorpe hört nicht auf, die Briten zu beschäftigen: Gab der Politiker einen Mord an einem früheren Geliebten in Auftrag? Nun wurde bekannt, dass der Geheimdienst Thorpe seit Jahrzehnten gedeckt haben könnte.

«Das grausame Gesetz der britischen Gentlemen»: Jeremy Thorpe, hier eine Aufnahme von 1967, war ein Produkt seiner Klasse – und blieb es bis zuletzt.

«Das grausame Gesetz der britischen Gentlemen»: Jeremy Thorpe, hier eine Aufnahme von 1967, war ein Produkt seiner Klasse – und blieb es bis zuletzt.

(Bild: Keystone)

Leichter dürfte ein Journalist selten auf einen Scoop gestossen sein: Im Dezember 2014 spazierte Tom Mangold durch den Chiswick-Park im Westen Londons, als ein Mann an ihn herantrat. Dieser stellte sich als Dennis Meighan vor. Was er erzählte, erschien Mangold, einem langgedienten BBC-Reporter, unglaublich. Es ging um Jeremy Thorpe, einen früheren Vorsitzenden der Liberaldemokratischen Partei, der wenige Tage zuvor 85-jährig verstorben war.

Thorpe war zwar 35 Jahre vorher aus dem Parlament abgewählt worden, doch sein Name war nie völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden. Mitte der Siebzigerjahre war ein früherer Liebhaber Thorpes Opfer eines Mordversuchs geworden; Gerüchte, wonach der Politiker die Tat in Auftrag gegeben hatte, verstummten nie, auch wenn Thorpe freigesprochen worden war.

Was Dennis Meighan Tom Mangold nun erzählte, schien die Schuld des Politikers nicht nur zur Gewissheit werden zu lassen, es deutete auch darauf hin, dass Polizei, Geheimdienst und Regierung Thorpe gedeckt hatten. Der Dokumentarfilm, den Mangold nach seiner Begegnung mit Meighan produzierte, wurde von der BBC jahrelang unter Verschluss gehalten. Erst am vergangenen Sonntag wurde er ausgestrahlt.

Quasi-aristokratischer Heilsbringer

Jeremy Thorpe war lange Zeit ein Götterliebling gewesen, wie ihn die britische Gesellschaft von Zeit zu Zeit hervorbringt: Gesegnet mit einer quasi-aristokratischen Herkunft (Eton- und Oxford-Absolvent, Vater und Grossvater ebenfalls im Parlament), aber auch mit Intellekt, Charisma und rhetorischer Brillanz. Nicht wenige trauten ihm zu, seine linksliberale Partei, die zuletzt unter David Lloyd George im Ersten Weltkrieg regiert hatte und später hoffnungslos hinter Labour und die Konservativen zurückgefallen war, endlich zurück an die Macht zu bringen.

Thorpes dunkles Geheimnis war seine Homosexualität, denn diese war in Grossbritannien bis 1967 strafbar gewesen. 1971 wendete sich Norman Scott an Emlyn Hooson, einen liberaldemokratischen Abgeordneten. Scott, der als Stallbursche und Model tätig gewesen war, behauptete, Anfang der Sechzigerjahre Thorpes Liebhaber gewesen zu sein. Das Doppelleben des Jeremy Thorpe, dessen erste Ehe gerade gescheitert war, und der laut Augenzeugen niemals ernsthaft Interesse an Frauen zeigte, drohte aufzufliegen.

2014 tischte Meighan, ein früherer Kleinkrimineller, der in den Sechzigern wegen Waffenhandels in Haft gewesen war, Mangold folgende Geschichte auf: 1975 sei er in einem Café im Londoner Stadtteil Shepherds Bush mit zwei Männern zusammengesessen, dem früheren Piloten Andrew Newton und David Holmes, Trauzeuge Thorpes und stellvertretender Schatzmeister von dessen Partei. Thorpe werde von einem Mann namens Norman Scott verfolgt, der zu einer «grossen Belastung» für die Partei geworden sei, habe Holmes Newton und ihm erzählt. Wer Scott ausschalte, dem zahle er, Holmes, 13.500 Pfund. Dies war damals eine ungeheure Summe, die Holmes offenbar aus Parteispenden abzweigen wollte.

Im Pub kamen ihm Zweifel

Dennis Meighan nahm den Auftrag an. Im Oktober 1975 packte er seine Mauser-Pistole ein und machte sich in seinem blauen Jaguar 3.8 auf den Weg nach Barnstaple, North Devon, dem Ort, in dem Scott damals lebte. Im örtlichen Pub, wo das Zielobjekt einzukehren pflegte, überkamen Meighan Zweifel: Zu viele Leute hielten sich in der Gegend auf, mit Zeugen war also zu rechnen. Noch am selben Abend machte er sich auf den Weg zurück nach London, wo er die Waffe Andrew Newton, dem Ex-Piloten, übergab. Nun sollte dieser sein Glück versuchen.

Newton hatte offenbar bereits zuvor Bekanntschaft mit Scott geschlossen und sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit ihm angefreundet. Nun nahm er ihn mit auf eine Wanderung ins Exmoor, ein Hochmoor im Südwesten Englands. Dort erschoss Newton zunächst Scotts Dänische Dogge, doch als er Scott töten wollte, klemmte auf einmal Meighans Mauser. Jahrzehnte später, im Gespräch mit Mangold, erklärte Meighan, Newton habe die Pistole in der Tasche seines Jacketts herumgetragen, wo sie durch Fusseln verunreinigt worden sei. Newton redete nie darüber, was sich an jenem Tag im Dartmoor ereignet hatte. Ein Gericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft, wegen «Besitzes einer Feuerwaffe zur Gefährdung von Menschen».

Es sollte der einzige Schuldspruch in der Affäre bleiben. Und das, obwohl Meighan 1978, also drei Jahre nach der Verschwörung in Shepherds Bush, ein umfassendes Geständnis abgelegt haben will. Als Besitzer der Waffe sei er damals in seiner Küche von drei Männern verhört worden, erklärte er Mangold. Er habe geglaubt, diese seien von Scotland Yard, doch vollkommen sicher sei er sich nicht gewesen. Aufgrund seines Vorstrafenregisters drohe ihm eine lange Haftstrafe, hätten sie ihm erklärt. Also unterschrieb Meighan ein Protokoll über das Treffen im Café und die Verschwörung. Dieses Dokument ist bis heute nicht wiederaufgetaucht.

Ein Anruf vom Geheimdienst?

Drei oder vier Monate später habe er einen Anruf von einem Mann bekommen, der die Polizei «Woodentops» genannt habe, berichtet Meighan weiter. Dies war der Titel einer Kinderserie – und gleichzeitig unter Geheimdienstlern eine verächtliche Bezeichnung für Polizisten. Der Anrufer habe ihm gesagt, er solle eine Polizeistation seiner Wahl aufsuchen, dort warte eine erfreuliche Überraschung auf ihn.

Da er in Chiswick als kriminell bekannt gewesen sei, habe er das Revier im benachbarten Brentford ausgewählt. Dort habe man ihm ein neues Statement vorgelegt: Thorpe und die Verschwörung seien darin nicht vorgekommen, ebenso wenig, dass er, Meighan, Besitzer der Waffe gewesen sei. Damit war Meighan frei – und mit ihm Thorpe. 1979, als dieser vor Gericht stand, wurde Meighan nicht einmal als Zeuge verhört. Thorpe und Holmes wurden freigesprochen. Norman Scott sei «ein versierter Schmarotzer, ein rückgratloser und neurotischer Parasit», erklärte der vorsitzende Richter Joseph Cantley in seiner Begründung.

Dass Thorpes Fall nie aufgehört hat, die Briten zu beschäftigen, dürfte neben der Dramatik der Ereignisse auch mit der Klassengesellschaft zu tun haben: Das Machtgefälle zwischen dem Stallburschen und dem bestens vernetzten Parteichef hätte grösser kaum sein können. «A very English Scandal», «ein sehr englischer Skandal», lautet denn auch der Titel einer Serie mit Hugh Grant als Thorpe, deren letzten Teil die BBC am Sonntagabend eine Stunde vor Mangolds Dokumentarfilm ausstrahlte.

Kennedys Ratschlag

Vor allem gegen den Inlandgeheimdienst MI5 erhebt Mangold in seinem Film schwere Vorwürfe. Nach seiner Wahl zum Parteichef sei Thorpe 1967 in den Geheimen Kronrat aufgenommen worden, ein Beratergremium der Königin, in dem der Premierminister regelmässig über Staatsgeheimnisse informiert. Dabei habe der MI5 gewusst, dass Thorpe seine Homosexualität auslebe und damit erpressbar sei: Im Juli 1963 hatte er einen Strichjungen in San Francisco getroffen, der später kompromittierende Briefe dem FBI übergab. Amerikas Präsidentenbruder und Justizminister Robert Kennedy informierte daraufhin die britische Regierung und den MI5 – und riet diesen zur Geheimhaltung: Nach der Affäre um den früheren Verteidigungsminister John Profumo könne sich Grossbritannien keinen weiteren Skandal mehr leisten.

Jeremy Thorpes Freispruch erfolgte im Juni 1979. Der Wahlkampf, der wenige Wochen zuvor zu Ende gegangen war, hatte sich für ihn zu einem Spiessrutenlauf entwickelt: Der Satiriker Auberon Waugh war in Thorpes Wahlkreis Nord-Devon als Vertreter der «Schützt die Hunde-Partei» angetreten, was als Anspielung auf Scotts Dogge zu verstehen war. Die Öffentlichkeit hatte Thorpe zu diesem Zeitpunkt längst schuldig gesprochen.

Der deutsche Literat Karl Heinz Bohrer, der damals als Londoner Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wirkte und dabei immer bestrebt war, im englischen Alltagsleben Romantik zu finden, beobachtete jene historische Wahlnacht des 3. Mai, an deren Ende Margaret Thatcher ein erstes Mal Premierministerin werden sollte. Dabei beeindruckte ihn vor allem Thorpes Stoizismus, eines der hervorstechendsten Merkmale seiner Klasse: «Und nun musste er sich demütig geschlagen geben von einem einfachen Tory mit der einfachen, ja schwerfälligen Sprechweise der Leute vom Land», schreibt Bohrer. «Es war das grausame Gesetz der britischen Gentlemen, dass Thorpe dort zu stehen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken.»

Auch Thorpe war ein Opfer

Norman Scott ist heute 78 Jahre alt. Nach Thorpes Freispruch zog er sich nach Wales und später nach Irland zurück, heiratete und wurde Vater. Heute lebt er wieder im Norden Devons, ausgerechnet dort, wo auch Thorpe seinen Alterssitz nahm. Dessen Karriere war mit seiner Abwahl vorbei. Versuche, über Ehrenämter zurück ins Geschäft zu kommen, blieben erfolglos.

2008 besuchte ihn ein Reporter des Guardian – und Thorpe geriet ins Schwadronieren: Er habe noch immer «Dampf in der Pfeife», erklärte er, so als plane er mit 79 sein Comeback. Gordon Brown, der Premierminister, sei ein Langweiler, und David Cameron, sein Herausforderer, ein Scharlatan. Was seine Vergangenheit anging, erwies sich Thorpe als luzide: Heute, so meinte er, wäre die Öffentlichkeit mit einem Homosexuellen gnädiger umgegangen.

Auch Jeremy Thorpe war ein Opfer – seiner Zeit und ihrer rigiden Moralvorstellungen.

Korrekturhinweis: Der im Artikel erwähnte Andrew Newton wurde in einer früheren Version irrtümlicherweise als Andrew Norton bezeichnet.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt