Morde unter Chinesen schrecken die italienische Stadt Prato auf

Bis zu 40'000 Chinesen leben im toskanischen Ort. Sie gefährden nicht mehr «nur» einheimische Arbeitsplätze, sondern werden auch zum Problem für die öffentliche Sicherheit.

Jeden Tag gehen vier weitere der oft illegalen Kleinfirmen auf: Mitarbeiter einer chinesischen Textilfabrik in Prato.

Jeden Tag gehen vier weitere der oft illegalen Kleinfirmen auf: Mitarbeiter einer chinesischen Textilfabrik in Prato.

René Lenzin

Nichts deutet auf Mord und Totschlag hin, wenn man dieser Sommertage durchs Zentrum von Prato geht. In der beschaulichen Stadt, nordwestlich von Florenz gelegen, 185 000 Einwohner, fotografieren ein paar Touristen den Dom oder essen ein Eis. Ostasiatische Gesichter kriegt man in der Altstadt kaum zu sehen. Nur einen Bettler, der einem mit Gesten zu verstehen gibt, dass er gerne eine Zigarette möchte.

Und doch ist Prato aufgewühlt von drei Morden, die sich innert kürzester Zeit ereignet haben. Zunächst hat ein Killerkommando einen chinesischen Unternehmer erschossen, dann hat eine chinesische Jugendbande zwei Landsleute mit Macheten niedergemetzelt.

Chinatown im Rotlichviertel

Die zweite Bluttat ereignete sich in einer Imbissstube gleich ausserhalb der Stadtmauern. Dort, wo die Chinatown Pratos beginnt. Und ganz in der Nähe der Via Pistoiese, des Zentrums des chinesischen Viertels. Einkaufs- und Restaurantstrasse am Tag, wird diese Strasse hinter dem gleichnamigen Tor abends zur Ausgeh- und Rotlichtmeile. Dort begegnet man kaum noch Italienern, sind die Chinesen unter sich. Europäer seien nicht erwünscht, beschieden Türsteher kürzlich dem Reporter der «Financial Times», als er eine Diskothek in der Via Pistoiese aufsuchen wollte. Praktisch alles ist auf Chinesisch angeschrieben. Auch in den wenigen Geschäften, die noch italienische Namen tragen, arbeiten längst keine Einheimischen mehr.

Illegale Einwanderer

12?Prozent beträgt der Ausländeranteil an der Bevölkerung Pratos, fast doppelt so viel wie im nationalen Schnitt. Zwei Fünftel oder rund 10 000 der registrierten Ausländer stammten Anfang 2009 aus China. Hinter Mailand hat Prato die zweitgrösste Chinatown Italiens (siehe Grafik). Allerdings sind das die offiziellen Zahlen. Tatsächlich wird die Zahl der Chinesen in Prato auf das Drei- bis Vierfache geschätzt. Fast alle stammen aus der südlich von Shanghai gelegenen Provinz Zhejiang. Und die meisten wurden illegal eingeschleust und arbeiten unter misslichsten Bedingungen in der Textilindustrie.

Keine zehn Minuten dauert der Gang zurück von der Via Pistoiese zum Dom. Dort, im Zentrum, auf die Chinesen angesprochen, verwerfen die Leute nur die Hände. «Immer wieder kommen ausländische Journalisten vorbei, fragen nach unserer Meinung zu den Chinesen und schreiben ihre Artikel. Doch geändert hat sich nichts», sagt einer. Die Stimmbürger von Prato haben ihre Antwort an der Urne gegeben. Bei den letzten Lokalwahlen im Juni 2009 hat die Mehrheit erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr rot gewählt, sondern Roberto Cenni zum Bürgermeister erkoren, einen Vertreter von Berlusconis Popolo della Libertà. Fuss gefasst hat zudem auch die Lega Nord, obwohl Prato weit südlich ihres Stammgebiets liegt. Umberto Bossis Partei kletterte von null auf fünf Prozent.

«Made in Italy»

Der 56-jährige Cenni, selbst Textilunternehmer, hat sich zum Ziel gesetzt, die chinesischen Fabrikanten mit einer Mischung aus Repression und Zusammenarbeit zu «zivilisieren». Einerseits haben die polizeilichen Kontrollen seit seinem Amtsantritt zugenommen. Anfang Monat haben die Behörden zum Beispiel zwei Färbereien geschlossen, die gegen Umwelt- und Bauvorschriften verstiessen und in denen sich zur Zeit der Kontrolle sechs illegale Arbeiter befanden. Anderseits versucht Cenni die chinesischen Unternehmer zu überreden, einheimische Stoffe für die Kleiderproduktion zu verwenden statt billige Importe aus China.

Bisher waren seine Bemühungen jedoch kaum erfolgreich. Noch immer dominieren illegale und letztlich unkontrollierbare chinesische Kleinfirmen den Textilsektor Pratos. Rund 4200 von ihnen soll es geben, und jeden Tag gingen vier neue auf und würden zwei geschlossen, schätzen Experten. Während rundherum Rezession herrschte, stieg ihre Zahl im 2009 um 13 Prozent. Der Stoffimport aus China hat gar um 20 Prozent zugelegt. Das Businessmodell ist ebenso einfach wie erfolgreich: In Prato werden die neusten Modetrends schneller und ebenso günstig kopiert wie in China selbst – und erst noch mit dem Gütesiegel «Made in Italy».

Wie Leopardenflecken verteilt

So zahlreich und «monoberuflich» wie in Prato leben die Chinesen sonst nirgends in Italien. Aber ihre Präsenz zeichnet sich durch die Konzentration auf gewisse Gegenden aus. Von «Leopardenflecken» spricht das statistische Amt Istat in seinen Berichten über die Ausländer in Italien. Zu diesen Flecken gehören nebst Prato das benachbarte Florenz, aber auch Rom, Turin, das Veneto und vor allem die Lombardei. In der Chinatown Mailands war es vor drei Jahren zu heftigen Unruhen gekommen, als die Polizei die Anlieferung zu den chinesischen Läden in der Via Sarpi plötzlich strenger zu kontrollieren begann. Seither herrscht gespannte Ruhe.

Viele Italiener haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Chinesen. Gerade in Mailands Via Sarpi fühlen sich die einheimischen Ladenbesitzer aus einem ihrer traditionellen Reviere verdrängt. Aber es profitieren auch viele von den günstigen Preisen der chinesischen Läden. Etwa von der Coiffeuse, die halb so teuer arbeitet wie die italienische Konkurrenz. Wer im August eine Pizza essen will, kann in gewissen Quartieren Mailands nur noch zum Chinesen gehen, weil alle Italiener geschlossen haben. Die Pizza und der Service sind nicht schlechter als beim durchschnittlichen Italiener.

Chinesische Läden und Restaurants sind meist günstiger als einheimische, weil sie Familienangehörige oder illegal eingewanderte Landsleute als billige Arbeitskräfte beschäftigen. Und weil sie häufig illegale Produkte in den Regalen haben. Vor ein paar Tagen hat die Polizei in Mailand ein Depot ausgehoben, in dem nicht zugelassene Spielsachen und Haushaltsgeräte sowie gefälschte Uhren, Sonnenbrillen und DVD im Handelswert von 50 Millionen Euro lagerten.

Milliarden Euro gewaschen

Glaubt man den italienischen Behörden, haben mit der zunehmenden chinesischen Präsenz auch die Aktivitäten der organisierten Kriminalität aus Ostasien zugenommen. Ende Juni hat die Finanzpolizei ein Netz hochgehen lassen, das über eine italochinesische Gesellschaft drei Milliarden Euro nach China transferiert haben soll – der Grossteil davon Erträge aus illegalen Textilfirmen in Prato. Für viele Leute sei chinesische Kriminalität ein Problem unter Chinesen, das die Italiener nichts angehe, sagte der oberste Mafiastaatsanwalt Piero Grasso nach dieser Aktion. In Tat und Wahrheit handle es sich jedoch um Bandenkriminalität und mafiöse Strukturen, die längst zu einem Problem für die öffentliche Ordnung geworden seien.

Nach den vorläufigen Erkenntnissen der Polizei haben die Morde in Prato und diese Geldwäschereiaffäre nichts miteinander zu tun. Für die Einwohner des toskanischen Städtchens spielt dies allerdings keine Rolle. Sie mussten sich bereits damit abfinden, dass die Chinesen das Zepter in der einst blühenden einheimischen Textilindustrie übernommen haben. Nun werden sie auch noch mit importierter Gewalt und organisierter Kriminalität konfrontiert.

Tages-Anzeiger

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