Merz und seine Million

Über sein eigenes Geld spricht man nicht, eigentlich. Doch Friedrich Merz, Kandidat fürs CDU-Präsidium, muss es tun – und löst eine Kontroverse aus.

«Heute verdiene ich rund eine Million Euro brutto»: Friedrich Merz, CDU-Politiker und Multi-Aufsichtsrat.

«Heute verdiene ich rund eine Million Euro brutto»: Friedrich Merz, CDU-Politiker und Multi-Aufsichtsrat.

(Bild: AFP)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Friedrich Merz hat in der Privatwirtschaft eine glänzende Karriere hingelegt. Er verdiente viel Geld, besitzt zwei kleine Flugzeuge. Nach zehn Jahren zieht es ihn wieder in die Politik: Merz kandidiert für den Chefposten der CDU. Als Bewerber für die Nachfolge von Angela Merkel muss sich Merz auch Fragen gefallen lassen, die er lieber nicht beantworten würde. «Sind Sie Millionär?» lautete eine Frage im «Bild»-Talk letzte Woche. Der gewöhnlich eloquente CDU-Mann druckste sich um eine Antwort. Er liege «jedenfalls nicht drunter», räumte Merz auf mehrmalige Nachfrage ein.

Und dann äusserte der 63-jährige Politik-Rückkehrer den bemerkenswerten Satz, dass er sich zur «gehobenen Mittelschicht» Deutschlands zähle. Als Politiker der Mitte, als den er sich gerne anpreist, geht es offensichtlich nicht an, einer allzu wohlhabenden Bevölkerungsschicht anzugehören. Reiche Politiker – das weckt in Deutschland immer wieder Argwohn und Misstrauen. Manche sprechen auch von Neiddebatten.

Es gibt aber durchaus berechtigte Fragen: Kennt Merz die Lebenswirklichkeit der einfachen Bürger? Ist er mehr Wirtschaftslobbyist als Volksvertreter? Merz gilt als kühler Neoliberaler und gewiefter Strippenzieher, sozialpolitisches Gespür gehört nicht zu seinen Vorzügen. Von ihm stammt etwa die Aussage, man könne bereits mit fünf Euro pro Tag reich werden, wenn man das Geld nur richtig anlege.

Als selbst ernannter Mittelschichtler hat sich nun Merz viel Kritik und Spott eingebrockt. «Wo hat er in den letzten Jahren gelebt?» fragte etwa der bekannte SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach auf Twitter. «Auf ihn wartet die deutsche Sozialpolitik nicht!»

Aufgrund der Reaktionen hat sich Merz am Wochenende erklären müssen. «Heute verdiene ich rund eine Million Euro brutto», sagte der vielbeschäftigte Jurist und Aufsichtsrat der «Bild am Sonntag». Dabei bekräftigte Merz seine Ansicht, dass er sich nicht als Teil der Oberschicht sehe. «Wenn ich Oberklasse oder Oberschicht höre, denke ich an Menschen, die viel Geld oder eine Firma geerbt haben und damit ihr Leben geniessen», so Merz, «und das ist bei mir nicht der Fall.»

Für ihn sei die gesellschaftliche Mitte nicht eine rein ökonomische Grösse. Es gehe auch um Werte, die typisch für die Mittelschicht seien. «Dazu gehören Fleiss, Disziplin, Anstand, Respekt und das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann.» Merz betonte im «Bild»-Interview, sich hochgearbeitet zu haben.

Aufsichtsratschef von Blackrock und vieles mehr

Angaben über seine Vermögensverhältnisse machte Merz nicht. Offen blieb auch die Frage, wie sich sein hohes Einkommen zusammensetzt. Laut Medienberichten, die sich auf Geschäftsberichte stützen, soll Merz als Partner der Wirtschaftskanzlei Mayer Brown deutlich über eine halbe Million pro Jahr verdient haben. Als Aufsichtsratschef der deutschen Tochter des US-Vermögensverwalters Blackrock verdiente er mindestens 125'000 Euro pro Jahr. Dazu kamen jedes Jahr 80'000 Euro von der Wepa Industrieholding, 75'000 Euro von der Bank HSBC Trinkaus sowie 14'000 Euro von der Betreibergesellschaft des Flughafens Köln/Bonn.

In der Vergangenheit war Merz unter anderem auch Beirat der Commerzbank sowie Aufsichtsrat des Versicherungskonzerns Axa gewesen. Schon als Abgeordneter des Bundestags in den 2000er-Jahren war Merz ein fleissiger Geschäftsmann mit vielen Nebeneinkünften gewesen. 2006 gehörte Merz zu den Abgeordneten, die sich gegen die vorgeschriebene Veröffentlichung ihrer Nebeneinkünfte mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wehrten. Die Kläger scheiterten allerdings in Karlsruhe.

19'000 Einkommensmillionäre in Deutschland

Das Statistische Bundesamt liefert eine Einordnung von Einkommen und Vermögen in Deutschland. Zum Beispiel: Wer eine Million Euro Vermögen besitzt, gehört zu den oberen 2,5 Prozent. Ausserdem zeigen die Statistiken, dass rund 19'000 Menschen mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen. Merz’ Einkommen übersteigt also dasjenige von 99,95 Prozent aller Steuerzahler in Deutschland. Das ist schon sehr gehobene Oberschicht – und nicht gehobene Mittelschicht, wie dies der CDU-Präsidiumsanwärter darzustellen versucht.

Trotz aller Kritik, die vor allem von linker Seite kommt, hat Merz auch seine Unterstützer in den Debatten, die in Medien und Social Media in Gang sind.

Umfrage: Merz deutlich vor Kramp-Karrenbauer

Merz konkurriert mit Gesundheitsminister Jens Spahn und CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer um den Parteivorsitz. In einer aktuellen Emnid-Erhebung liegt Merz unter den befragten Unionsanhängern mit einer Zustimmung von 49 Prozent deutlich vor der Merkel-Vertrauten Annegret Kramp-Karrenbauer, die auf 32 Prozent kommt. Spahn erhält nur 7 Prozent der Stimmen. Der Nachfolger Merkels an der Spitze der CDU wird im Dezember bei einem Parteitag in Hamburg gewählt.

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