«Italien ist immer noch eine unvollendete Nation»

Der frühere Ministerpräsident Giuliano Amato erklärt, weshalb es Italien auch 150 Jahre nach der Gründung nicht geschafft hat, Norden und Süden zu vereinen.

Das Ende Berlusconis sei nicht weit entfernt: Schon aus biologischen Gründen , sagt Giuliano Amato.

Das Ende Berlusconis sei nicht weit entfernt: Schon aus biologischen Gründen , sagt Giuliano Amato.

(Bild: Reuters)

René Lenzin

Der italienische Nationalstaat, 1861 gegründet, feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Am 17. März wird das Jubiläumsjahr mit einem Festakt eröffnet. Zumindest dem offiziellen Italien scheint es allerdings nicht ums Feiern zu sein. Es sind nicht nur die Lega Nord und die deutschsprachigen Südtiroler, die wenig mit dem Jubiläum anfangen können. Angesichts der permanenten politischen Krise und der anhaltenden Sexskandale von Premier Berlusconi mögen sich auch die andern Parteien nicht für die Feier erwärmen. Und wenn sie darüber sprechen, streiten sie, ob der 17. März ein bezahlter Feiertag sein soll, wie die Regierung Ende letzte Woche beschlossen hat. Sehr zum Verdruss von Giuliano Amato, dem früheren Premierminister und Präsidenten des Organisationskomitees der Jubiläumsfeierlichkeiten.

Was ist für Sie der 17. März: ein Arbeits- oder ein Feiertag?
Hören Sie, ich beteilige mich nicht an dieser Polemik. Ich werde diesen Tag ohnehin an öffentlichen Anlässen verbringen. Für die Italiener hingegen spielt es eine Rolle: Nachdem die Regierung einen freien Tag gewährt hat, werden sie blaumachen und sich nicht um das 150-Jahr-Jubiläum kümmern. Wäre es hingegen ein Arbeitstag geblieben, hätten wenigstens die Schüler und Studenten die Gelegenheit gehabt, sich mit dem Jubiläum zu befassen.

Sie waren also für einen Arbeitstag?
Als ich vom Antrag der Lega hörte, auf einen Feiertag zu verzichten, habe ich mir gedacht, so könnte die Schule wenigstens den älteren Schülern einen Film über das Risorgimento und den jüngeren einen Trickfilm über Garibaldi zeigen.

Ist es nicht seltsam, dass die Elite des Landes nicht übers eigentliche Thema spricht, sondern darüber streitet, ob der 17. März ein Feier- oder ein Arbeitstag sein soll?
Es stimmt schon, eigentlich müsste es bei den Diskussionen um den 17. März darum gehen, die Italiener an das Thema der nationalen Einheit heranzuführen.

Der Soziologe Francesco Alberoni sagt, die Italiener seien ein Volk, aber keine Nation. Und deshalb interessierten sie sich auch nicht für die 150-Jahr-Feier.
Die einen sagen, es gebe zwar Italien, aber nicht die Italiener, andere behaupten, es gebe die Italiener, aber nicht Italien. Das hat etwas — und ist doch alles falsch. Tatsache ist: Italien ist auch 150 Jahre nach seiner Geburt eine unvollendete Nation. Die Hauptursache dafür liegt darin, dass wir es in dieser langen Zeit nicht geschafft haben, Norden und Süden zu vereinen. Deutschland hat die Wiedervereinigung zwischen Ost und West geschafft, wir jene zwischen Nord und Süd nicht. Aber ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Italiener wissen, dass sie Italiener sind und sich auch als Italiener fühlen.

Sie haben sizilianische Wurzeln, sind in Turin geboren und in der Toskana aufgewachsen. Als was fühlen Sie sich: als Sizilianer, Piemontese, Toskaner, Italiener?
Zum Scherz sage ich manchmal: Ich bin wie die Trikolore, weil in mir alle drei Italien sind: Nord, Zentrum, Süden. Ich spüre alle drei in mir. Es sind unterschiedliche Welten. Auch vielen andern Italienern geht es so.

Wie lässt sich das Nord-Süd-Problem lösen?
Unser gemeinsamer Weg wird das Problem lösen, wie es bereits der Film von Luchino Visconti «Rocco und seine Brüder» vorgezeichnet hat: Am Ende integrieren sich Rocco und seine Brüder im Norden. Heute gibt es in der Lombardei und im Veneto zahlreiche Bürgermeister, vielleicht sogar von der Lega Nord, bei denen man den Akzent des Südens immer noch heraushört.

Wieso bleibt der Süden zurück?
In Nord- und Mittelitalien blühten von Anfang an lokaler Geist und Selbstverantwortung, der Wille von kleinen Gemeinschaften, sich Geltung zu verschaffen und die eigene Kirche zu bauen. Das hat einen Unternehmergeist in die Wirtschaft gebracht. Der Süden hingegen hat historisch stets die Erfahrung des Zentralstaats erlebt. Von Friedrich II. bis zu den Bourbonen war der Süden von hierarchischen Bürokratien regiert, alliiert mit einem Landadel, der alles andere als unternehmerisch war. Aus dieser Situation ist der Süden nie richtig herausgetreten. Das soziale Kapital ist im Süden sicher weniger dynamisch und rückständiger als im Norden.

Welche Rolle spielt die Mafia?
Die Mafia ist historisch Teil und Ausdruck dieser Rückständigkeit. Heute aber könnte sie ganz ohne den Süden auskommen. Das Schutzgeld ist heute nicht mehr die Lebensader der Mafia, sondern die Drogen und andere multinationale Geschäfte. Aus historischen Gründen sind Sizilien, Kalabrien und Kampanien das Delaware dieser Organisationen geblieben. Das Problem des Südens ist die fehlende soziale Dynamik. Der Süden bildet seine Jungen sehr gut aus, aber sie können ihre Fähigkeiten dort nicht anwenden und müssen weggehen. Zwar gibt es den Mezzogiorno, von dem man früher sprach, nicht mehr. Er ist heute wie ein Leopardenfell mit entwickelten und zurückgebliebenen Gegenden. Aber die Rückständigkeit überwiegt immer noch.

Das Rezept der Lega heisst Steuerföderalismus. Eine gute Lösung?
Immerhin spricht die Lega nicht mehr von Sezession, was als Indiz gewertet werden darf, dass sie den Föderalismus auch nicht mehr als Vorstufe dazu betrachtet. Historisch gesehen wurde Italien so schwach geboren, dass es sofort wieder zerfallen wäre, hätte man es nicht zentralistisch geschaffen. Die zentralistische Wahl der Gründerväter um Giuseppe Mazzini war notwendig. Ein stärkeres Italien kann sich jetzt aber eine Regionalisierung erlauben. Allerdings birgt das auch Gefahren: Wenn ich Belgien betrachte, das eine ähnliche Verfassungsentwicklung wie Italien erlebt hat, und das heutige Resultat betrachte, werde ich skeptisch.

Wohin führt der Föderalismus?
Das wahre Problem in Europa und Italien ist, dass die Tendenz zur Dezentralisierung von der Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise unterlaufen wird. Diese stärkt nämlich die zentralistische Tendenz, die notwendig erscheint, um die öffentliche Verschuldung unter Kontrolle zu bekommen. Zwischen Föderalismus und öffentlicher Verschuldung besteht eine totale Opposition. Das Paradoxe an der italienischen Situation ist, dass der Steuerföderalismus in dem Moment gefeiert wird, in dem die Wirtschaftsminister Buchhaltungsregeln aufstellen, welche die föderalen Institutionen in vollständig kontrollierte Filialen der Zentrale verwandeln. Wie das enden wird, werden unsere Nachfolger wissen.

Wie lässt sich Italiens Verschuldung abbauen? Mit höheren Steuern?
Italien hat heute eine der höchsten Steuerbelastungen der Eurozone. Zu Recht versprechen alle Regierungen, diese zu senken, vor allem die Belastung der Unternehmen und der Arbeit sollte sinken. Aber aufgrund der Verschuldung ist das eben nicht möglich. Meine banale Frage lautet deshalb: Wenn wir es nicht schaffen, die Steuern zu senken, wäre es nicht nützlich, ein einmaliges Opfer zu bringen, um wenigstens die Voraussetzung für künftige Steuersenkungen zu schaffen? Erreichbar wäre dies zum Beispiel mit einer einmaligen Vermögenssteuer. Es gibt jemanden, der so tut, als ob er diesen Vorschlag nicht verstanden hätte. Er soll sich ruhig über meine Frage aufregen. Ich wünsche ihm, dass nicht der Tag kommt, an dem er sie wird verstehen müssen.

Dieser Jemand hat ganz andere Probleme: Berlusconi ist angeklagt wegen Amtsmissbrauchs und Prostitution mit Minderjährigen. Kann man so regieren?
Seit Jahren lebt er mit Situationen, die wir nicht als normal bezeichnen würden. Meine aufrichtige Antwort ist: Ich weiss es nicht. Italien hat sich an so viele anormale Situationen gewöhnt, dass ich es schlicht nicht weiss.

Wann beginnt die Nach-Berlusconi-Zeit, und wie wird sie aussehen?
Nur schon aus biologischen Gründen ist sie nicht allzu weit entfernt. Was danach kommt, ist offen. Berlusconi ist der einigende Faktor sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken. Wenn er abtritt, kann die italienische Politik eine Erschütterung erleben wie 1992/93, als unter dem Parteienfinanzierungsskandal das Politsystem zusammenbrach.

Trotzdem schickt sich Italien an zu feiern. Welche Bedeutung hat das 150-Jahr-Jubiläum für Italien?
Die Italiener sind bereit, die 150 Jahre zum Anlass zu nehmen, gemeinsame Veranstaltungen zu organisieren. Dabei werden die Feiern dazu beitragen, dass sie sich ihre Identität besser bewusst werden. Die Italiener haben einen grossen Fehler: Sie lieben es, sich selber schlechtzumachen, und dies am liebsten gegenüber Ausländern. Sie fördern dadurch das Bild des Italieners, der ein bisschen zynisch, ein bisschen schlau und ein wenig unfähig ist, das wirklich Wichtige zu machen. Wir sind uns gegenüber etwas ungerecht. Die Feiern werden helfen, einen gemeinsamen Sinn für die Zukunft zu entwickeln.

Tages-Anzeiger

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