Italien, ein Land am Rande seiner Kräfte

Italienische Strassen, Autobahnen und Brücken sind veraltet. Die Regierung verspricht Abhilfe – doch woher soll sie das viele Geld nehmen? 

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Sandro Benini@BeniniSandro

Der Einsturz einer Autobahnbrücke und der plötzliche Verlust von mindestens 39 Menschenleben würden überall auf der Welt als Katastrophe empfunden. In Italien jedoch wirkt ein solches Unglück besonders verheerend auf das kollektive öffentliche Bewusstsein, weil das Land wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise, wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit und des erodierenden Mittelstands ohnehin verunsichert ist. Und weil ein Ereignis wie jenes in Genua das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber dem Staat noch verstärkt.

Es war deshalb zu erwarten, dass die erst seit elf Wochen amtierende Koalitionsregierung von Lega und 5 Stelle die Verantwortung auf Vorgängerregierungen sowie auf den privaten Autobahnbetreiber Autostrade per l’Italia abwälzen würde. Doch solange die Ursache des Einsturzes nicht geklärt ist und solange man nicht weiss, ob Anzeichen eines schleichenden Zerfalls ignoriert oder Unterhaltsarbeiten vernachlässigt wurden – was Autostrade per l’Italia entschieden bestreitet – ist es zu früh, den grossen Schuldigen zu benennen.

Sicher ist: Es gab schon seit langem Warnungen, die Morandi-Brücke müsse ersetzt werden – nicht so sehr wegen unmittelbarer Einsturzgefahr als vielmehr wegen der hohen Unterhaltskosten. Sicher ist auch, dass die privaten italienischen Autobahnbetreiber dank der exorbitant hohen Mautgebühren glänzende Gewinne erzielen, während ihre Ausgaben für Unterhalt, Erneuerung und Neubauten in den letzten Jahren stark gesunken sind.

Ein Symptom für die Misere

Das wirft die Frage auf, ob es sinnvoll ist, Infrastrukturbauten von nationaler Bedeutung privatem Gewinnstreben auszusetzen. Falls ja, braucht es zumindest staatliche Organe, die kontrollieren und klare Auflagen durchsetzen. Beides funktioniert in Italien zu wenig gut.

Bedrohlich für Italien ist, dass der Einsturz der Morandi-Brücke ein Symptom für eine Misere ist, die das ganze Land betrifft: Die vor allem während des Wirtschaftsbooms der 50er- und 60er-Jahre entstandenen Autobahnen, Brücken und Viadukte sind zu einem grossen Teil veraltet. Und als man sie konzipierte, betrug das Verkehrsvolumen einen Bruchteil des heutigen. Diesem Übel ist auf die Schnelle nicht beizukommen. Indessen fragen sich italienische Nutzer in sozialen Medien panisch, welche Brücke wohl als nächste einstürze.

Die Regierung verspricht, die gewaltige Aufgabe von Kontrolle und Erneuerung anzugehen – eine Aufgabe, das muss bei aller Kritik an den italienischen Zuständen gesagt sein, die auch andere Länder an den Rand ihrer Kräfte treiben würde. Bloss verspricht dieselbe Regierung auch so teure Wohltaten wie Steuererleichterungen für alle und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das kann ganz einfach nicht aufgehen.

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