«Islamisierung» als Metapher

Pegida ist am Ende, doch ähnliche Phänomene könnten auch in Zukunft auftauchen. Die deutsche Demokratie wird es überleben, doch guttun wird es ihr auf Dauer nicht. Ein Kommentar.

Der letzte Rest: Zwei Teilnehmer beim Verlassen einer Pegida-Kundgebung.

Der letzte Rest: Zwei Teilnehmer beim Verlassen einer Pegida-Kundgebung.

(Bild: Keystone)

Was war das für eine Panik, was für eine Ratlosigkeit: Nachdem im Herbst Dresdner Bürger begonnen hatten, auf dem Theaterplatz der Stadt unter dem Label «Pegida» zu protestieren (ihr erklärtes Ziel war es, eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu verhindern), reagierten einige, als wäre die Bundesrepublik in ihren Grundfesten bedroht. An Weihnachten schaltete sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel persönlich ein und rief – ganz treusorgendes Hausmütterchen – ihre Landsleute auf, denen, die «Hass in ihren Herzen» hätten, nicht nachzulaufen.

Mittlerweile ist der Spuk vorbei, gerade noch 2000 Leute sollen sich diesen Montag in Dresden versammelt haben. Vor allem mangelnde Intelligenz und Professionalität ihrer Anführer waren es, die verhinderten, dass sich Pegida dauerhaft etablieren konnte. Die deutsche Demokratie besteht noch immer, und die Zeitungen schreiben Nachrufe, in denen häufig ein triumphaler ­Unterton angesichts des langsamen Verläpperns der Dresdner Kleinbürger-Fronde mitschwingt.

Ein ostdeutsches Phänomen

Ich selbst bin froh, eine Pegida-Kundgebung mit eigenen Augen gesehen zu haben, habe ich das Phänomen doch erst vor Ort wirklich verstanden. Ausserhalb Ostdeutschlands, dies meine wichtigste Erkenntnis, hätte es Pegida als Massenphänomen nicht geben können: Neonazis hatte es wenige unter den Teilnehmern, dafür zahlreiche DDR-Nostalgiker um die 60 oder älter: Deren antiwestliche Reflexe, antrainiert im Rahmen der staatsbürgerlichen Erziehung des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates, waren voll intakt: Noch nie habe ich so viele anti-amerikanische Plakate gesehen wie in Dresden.

Tatsächlich ist durch Umfragen belegt, dass ein Gutteil derer, die sich für Pegida begeistern, der Linkspartei zuneigt, also der Nachfolgeorganisation der DDR-Staatspartei SED. Wladimir Putin, der Herr im Kreml, ist für sie der Weisse Ritter, der sie retten soll vor… ja, wovor eigentlich? Die Angst vor der Islamisierung, die Pegida im Namen führt, schien mir unter den Anliegen der Demonstranten nicht einmal das brennendste zu sein. Vielmehr glaube ich, dass «Islamisierung» hier als Metapher für alles Fremde und Verhasste fungiert, auch für Amerika, Israel, die Nato oder den Kapitalismus. Das mag absurd klingen, doch absurd ist das ­Weltbild derer, die da aufmarschierten.

«Abschaum» und «Mob»?

Ebenso unschön wie manches, was bei Pegida geäussert wurde, war die Reaktion der Eliten: «Abschaum» und «Mob» nannten Politiker die Demonstranten, Beschimpfungen, die im Volk eine Trotzreaktion auslösten und die Zahl der Teilnehmer von Montag zu Montag anschwellen liess.

Ein Dialog zwischen Bürgern, Politik und Medien konnte so nicht entstehen, was umso bemerkenswerter ist, als deutsche Politiker und Journalisten doch so gerne von «den Menschen» reden, die es «abzuholen» und «mitzunehmen» gelte. Dies ist in Dresden ganz offensichtlich nicht gelungen. Sollte es auch in Zukunft nicht gelingen, ist mit ­ähnlichen Phänomenen zu rechnen. Die deutsche Demokratie wird es überleben, doch guttun wird es ihr auf Dauer nicht.

Basler Zeitung

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